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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXIII 1937 Heft 1"

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XXIII. Band 1937 Heft 1 



IMAGO 

i 

2veitsdirilt iür psydioanalytiscne Bycholoeie 
ihre Vrrenzge biete und Anwendungen 

Offizielle« Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



H 



erausgegeben von 



Sigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 



Sigm. Freud Moses ein Ägypter 

Theodor Reik Das Kind im Manne 

Gustav Hans Graber . . Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 

Hans Christoffel Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der 

Identifizierung (im Anschluß an G. H. Graber) 

Angel Garma Psychologie des Selbstmordes 

Sylvia M. Payne Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der 

Psychotherapie 

C. M. VersteegsSolleveld . Das Märchen vom Marienkind 

Besprechungen 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf die folgenden gesetzlichen Bestimmungen auf* 
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Bis zum Ablauf von zwei dem Erscheinungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren 
kann über die betreffenden Verlagsrechte (Wiederabdruck und Übersetzungen) nur mit 
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haben, jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages der letztgenannten 
Zeitschrift Rechte zur Übersetzung und zum Wiederabdruck einzuräumen. 

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Die Redaktion 



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bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.—, für 50 Exemplare Mark 20.— 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.-, „ 50 „ „ 25.— 

» 17 „ 24 „ „ 25 „ „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

„ 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.-, „ 50 „ „ 45.- 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an* 
gefertigt. 



Preis des Heftes Mark 6.-, Jahresabonnement Mark 22.- 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 520 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (ipß6) sowie zu allen früheren 

Jahrgängen: in Halbleinen Mark 2.J0, in Halbleder Mark J. — 



Bei Adressenänderungen 

bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort bekanntzugeben, denn die Abon* 
nentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem Namen geführt. 



IMAGO 

XXIII. BAND 

1937 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE 
PSYCHOLOGIE, IHRE GRENZGEBIETE UND 

ANWENDUNGEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

ERNST KRIS UND ROBERT WÄLDER 



XXIII. BAND 
1937 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG IN WIEN 



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Alle Rechte, insbesondere die 
der Übersetzung vorbehalten 






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Druck: Jakob Weiß, Wien II. Große Sperlg. 40 






I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XXIII. Band 1957 Heftl 

Moses ein Ägypter 

Von 

Sigm. Freud 

Einem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als den größten unter 
seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin unternehmen 
wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört. Aber man wird sich 
durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit zugunsten vermeintlicher 
nationaler Interessen zurückzusetzen, und man darf ja auch von der Klärung 
eines Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten. 

Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Befreier, Gesetzgeber und 
Religionsstifter war, gehört so entlegenen Zeiten an, daß man die Vorfrage 
nicht umgehen kann, ob er eine historische Persönlichkeit oder eine 
Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es im 13., vielleicht aber 
im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung; wir haben keine andere Kunde 
von ihm als aus den heiligen Büchern und den schriftlich niedergelegten 
Traditionen der Juden. Wenn darum auch die Entscheidung der letzten 
Sicherheit entbehrt, so hat sich doch die überwiegende Mehrheit der Historiker 
dafür ausgesprochen, daß Moses wirklich gelebt und der an ihn geknüpfte 
Auszug aus Ägypten in der Tat stattgefunden hat. Man behauptet mit gutem 
Recht, daß die spätere Geschichte des Volkes Israel unverständlich wäre, 
wenn man diese Voraussetzung nicht zugeben würde. Die heutige Wissen* 
schaft ist ja überhaupt vorsichtiger geworden und verfährt weit schonungs* 
voller mit Überlieferungen als in den Anfangszeiten der historischen Kritik. 

Das Erste, das an der Person Moses' unser Interesse anzieht, ist der Name, 
der im Hebräischen Mo sehe lautet. Man darf fragen; woher stammt er? 
was bedeutet er? Bekanntlich bringt schon der Bericht in Exodus, Kap. 2 
eine Antwort. Dort wird erzählt, daß die ägyptische Prinzessin, die das im 



Sigm. Freud 



Nil ausgesetzte Knäblein gerettet, ihm diesen Namen gegeben mit der ety* 
mologischen Begründung: denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. Allein 
diese Erklärung ist offenbar unzulänglich. „Die biblische Deutung des Na* 
mens ,Der aus dem Wasser Gezogene'", urteilt ein Autor im „Jüdischen Lexi* 
kon", 1 „ist Volksetymologie, mit der schon die aktive hebräische Form 
(»Mosche' kann höchstens ,der Herauszieher' heißen) nicht in Einklang zu 
bringen ist." Man kann diese Ablehnung mit zwei weiteren Gründen unter* 
stützen, erstens, daß es unsinnig ist, einer ägyptischen Prinzessin eine Ab* 
leitung des Namens aus dem Hebräischen zuzuschreiben, und zweitens, daß 
das Wasser, aus dem das Kind gezogen wurde, höchstwahrscheinlich nicht 
das Wasser des Nils war. 

Hingegen ist seit langem und von verschiedenen Seiten die Vermutung 
„ausgesprochen worden, daß der Name Moses aus dem ägyptischen Sprach* 
schätz herrührt. Anstatt alle Autoren anzuführen, die sich in diesem Sinn 
geäußert haben, will ich die entsprechende Stelle aus einem neueren Buch 
von J. H. Breasted übersetzt einschalten, 2 einem Autor, dessen „History 
of Egypt" (1906) als maßgebend geschätzt wird. „Es ist bemerkenswert, daß 
sein (dieses Führers) Name, Moses, ägyptisch war. Es ist einfach das ägyp* 
tische Wort ,mose', das ,Kind' bedeutet, und ist die Abkürzung von 
volleren Namensformen wie z. B. Amen*mose, das heißt Amon*Kind oder 
Ptah*mose, Ptah*Kind, welche Namen selbst wieder Abkürzungen der län* 
geren Sätze sind: Amon (hat geschenkt ein) Kind oder Ptah (hat geschenkt 
ein) Kind. Der Name ,Kind' wurde bald ein bequemer Ersatz für den weit* 
läufigen vollen Namen und die Namensform ,Mose' findet sich auf ägyp* 
tischen Denkmälern nicht selten vor. Der Vater des Moses hatte seinem 
Sohn sicherlich einen mit Ptah oder Amon zusammengesetzten Namen ge* 
gehen und der Gottesname fiel im täglichen Leben nach und nach aus, bis 
der Knabe einfach ,Mose' gerufen wurde. (Das ,s' am Ende des Namens 
Moses stammt aus der griechischen Übersetzung des alten Testaments. Es 
gehört auch nicht dem Hebräischen an, wo der Name ,Mosche' lautet.)" 
Ich habe die Stelle wörtlich wiedergegeben und bin keineswegs bereit, die 
Verantwortung für ihre Einzelheiten zu teilen. Ich verwundere mich auch 
ein wenig, daß Breasted in seiner Aufzählung grade die analogen theo* 
phoren Namen übergangen hat, die sich in der Liste der ägyptischen Könige 

i) Jüdisches Lexikon, begründet von Herlitz und Kirschner, Bd. IV, 1930, 
Jüdischer Verlag, Berlin. 

2) The Dawn of Conscience, London 1934, p. 350. \. . . . 




Moses ein Ägypter 



vorfinden, wie A h * m o s e, Thut*mose (Tothmes) und R a * m o s e 
(Ramses). 

Nun sollte man erwarten, daß irgendeiner der Vielen, die den Namen 
Moses als ägyptisch erkannt haben, auch den Schluß gezogen oder wenigstens 
die Möglichkeit erwogen hätte, daß der Träger des ägyptischen Namens selbst 
ein Ägypter gewesen sei. Für moderne Zeiten gestatten wir uns solche 
Schlüsse ohne Bedenken, obwohl gegenwärtig eine Person nicht einen Namen 
führt, sondern zwei, Familiennamen und Vornamen, und obwohl Namens;« 
änderungen und Angleichungen unter neueren Bedingungen nicht ausge* 
schlössen sind. Wir sind dann keineswegs überrascht, bestätigt zu finden, 
daß der Dichter Chamisso französischer Abkunft ist, Napoleon Buonaparte 
dagegen italienischer, und daß Benjamin Disraeli wirklich ein italienischer 
Jude ist, wie sein Name erwarten läßt. Und für alte und frühe Zeiten, sollte 
man meinen, müßte ein solcher Schluß vom Namen auf die Volkszugehörig* 
keit noch weit zuverlässiger sein und eigentlich zwingend erscheinen. Den* 
noch hat meines Wissens im Falle Moses kein Historiker diesen Schluß ge* 
zogen, auch keiner von denen, die wie gerade wieder Breasted bereit sind 
anzunehmen, daß Moses „mit aller Weisheit der Ägypter" vertraut war. 3 

Was da im Wege stand, ist nicht sicher zu erraten. Vielleicht war der 
Respekt vor der biblischen Tradition unüberwindlich. Vielleicht erschien die 
Vorstellung zu ungeheuerlich, daß der Mann Moses etwas anderes als ein 
Hebräer gewesen sein sollte. Jedenfalls stellt sich heraus, daß die Anerken* 
nung des ägyptischen Namens nicht als entscheidend für die Beurteilung der 
Abkunft Moses' betrachtet, daß nichts weiter aus ihr gefolgert wird. Hält 
man die Frage nach der Nationalität dieses großen Mannes für bedeutsam, 
so wäre es wohl wünschenswert, neues Material zu deren Beantwortung vor* 
zubringen. 

Dies unternimmt meine kleine Abhandlung. Ihr Anspruch auf einen Platz 
in der Zeitschrift „Imago" gründet sich darauf, daß ihr Beitrag eine An* 
wendung der Psychoanalyse zum Inhalt hat. Das so gewonnene Argument 
wird gewiß nur auf jene Minderheit von Lesern Eindruck machen, die mit 
analytischem Denken vertraut ist und dessen Ergebnisse zu schätzen weiß. 
Ihnen aber wird es hoffentlich bedeutsam scheinen. 

Im Jahre 1909 hat O. Rank, damals noch unter meinem Einfluß, auf 
meine Anregung eine Schrift veröffentlicht, die betitelt ist „Der Mythus von 



3) 1. c, P . 334. 



Sigm. Freud 



der Geburt des Helden".* Sie behandelt die Tatsache, daß „fast alle bedeu* 

tenden Kulturvölker . . . frühzeitig ihre Helden, sagenhafte Könige und 

Fürsten, Religionsstifter, Dynastie*, Reichs* und Städtegründer, kurz ihre 

Nationalheroen in Dichtungen und Sagen verherrlicht" haben. „Besonders 

haben sie die Geburts* und Jugendgeschichte dieser Personen mit phanta* 

stischen Zügen ausgestattet, deren verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise wört* 

liehe Übereinstimmung bei verschiedenen, mitunter weit getrennten und 

völlig unabhängigen Völkern längst bekannt und vielen Forschern aufge* 

fallen ist." Konstruiert man nach dem Vorgang von Rank, etwa in 

Dal ton scher Technik, eine „Durchschnittssage", welche die wesentlichen 

Züge all dieser Geschichten heraushebt, so erhält man folgendes Bild: 

„Der Held ist das Kind vornehmster Eltern, meist ein Königsohn. 

Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie Enthaltsamkeit oder 

lange Unfruchtbarkeit oder heimlicher Verkehr der Eltern infolge äußerer 

Verbote oder Hindernisse. Während der Schwangerschaft oder schon früher 

erfolgt eine vor seiner Geburt warnende Verkündigung (Traum, Orakel), die 

meist dem Vater Gefahr droht. 

Infolgedessen wird das neugeborene Kind meist auf Veranlassung des 
Vaters oder derihnvertretenden Person zur Tötung oder A u s* 
setzung bestimmt; in der Regel wird es in einem Kästchen dem 

Wasser übergeben. 

Es wird dann von Tieren oder geringen Leuten (Hirten) ge* 

rettet und von einem weiblichen Tiere oder einem geringen 

Weibe gesäugt. 

Herangewachsen, findet es auf einem sehr wechselvollen Wege die vor* 

nehmen Eltern wieder, rächt sich am Vater einerseits, wird an er* 

k an nt anderseits und gelangt zu Größe und Ruhm." 
Die älteste der historischen Personen, an welche dieser Geburtsmythus 

geknüpft wurde, ist Sargon von Agade, der Gründer von Babylon 

(um 2800 v. Chr.). Es ist grade für uns nicht ohne Interesse, den ihm selbst 

zugeschriebenen Bericht hier wiederzugeben: 

„Sargon, der mächtige König, König von Aga de bin ich. Meine Mutter 

war eine Vestalin, meinen Vater kannte ich nicht, während der Bruder meines 

Vaters das Gebirge bewohnte. In meiner Stadt Azupirani, welche am Ufer 

des Euphrats gelegen ist, wurde mit mir schwanger d ie Mutter, die Vestalin. 

4) Fünftes Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde", Fr. Deuticke, Wien. Es 
liegt mir ferne, den Wert der selbständigen Beiträge Ranks zu dieser Arbeit zu ver* 
kleinern. 






Moses ein Ägypter 



Im Verborgenen gebar sie mich. Sie legte mich in ein Gefäß 
von Schilfrohr, verschloß mit Erdpech meine Türe und ließ mich 
nieder in den Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom führte 
mich zu Akki, dem Wasserschöpfer. Akki, der Wasserschöpfer, in der Güte 
seines Herzens hob er mich heraus. Akki, der Wasserschöpfer, als 
seinen eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der Wasserschöpfer, 
zu seinem Gärtner machte er mich. In meinem Gärtneramt gewann Istar 
mich lieb, ich wurde König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus." 

Die uns vertrautesten Namen in der mit Sargon von Agade begin* 
nenden Reihe sind Moses, Kyros und Romulus. Außerdem aber hat Rank 
eine große Anzahl von der Dichtung oder der Sage angehörigen Helden* 
gestalten zusammengestellt, denen dieselbe Jugendgeschichte, entweder in 
ihrer Gänze oder in gut kenntlichen Teilstücken nachgesagt wird, als: 
Ödipus, Karna, Paris, Telephos, Perseus, Herakles, Gilgamesch, Amphion 
und Zethos u. a. 

Quelle und Tendenz dieses Mythus sind uns durch die Untersuchungen 
von Rank bekannt gemacht worden. Ich brauche mich nur mit knappen 
Andeutungen darauf zu beziehen. Ein Held ist, wer sich mutig gegen seinen 
Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwunden hat. Unser Mythus 
verfolgt diesen Kampf bis in die Urzeit des Individuums, indem er das Kind 
gegen den Willen des Vaters geboren und gegen seine böse Absicht gerettet 
werden läßt. Die Aussetzung im Kästchen ist eine unverkennbare sym* 
bolische Darstellung der Geburt, das Kästchen der Mutterleib, das Wasser 
das Geburtswasser. In ungezählten Träumen wird das Eltern=Kind=sVer* 
hältnis durch aus dem Wasser Ziehen oder aus dem Wasser Retten darge* 
stellt. Wenn die Volksphantasie an eine hervorragende Persönlichkeit den 
hier behandelten Geburtsmythus heftet, so will sie den Betreffenden hiedurch 
als Helden anerkennen, verkünden, daß er das Schema eines Heldenlebens 
erfüllt hat. Die Quelle der ganzen Dichtung ist aber der sogenannte „Fa* 
milienroman" des Kindes, in dem der Sohn auf die Veränderung seiner Ge# 
fühlsbeziehung zu den Eltern, insbesondere zum Vater, reagiert. Die ersten 
Kinderjahre werden von einer großartigen Überschätzung des Vaters be* 
herrscht, der entsprechend König und Königin in Traum und Märchen immer 
nur die Eltern bedeuten, während später unter dem Einfluß von Rivalität 
und realer Enttäuschung die Ablösung von den Eltern und die kritische Ein* 
Stellung gegen den Vater einsetzt. Die beiden Familien des Mythus, die 
vornehme wie die niedrige, sind demnach beide Spiegelungen der eigenen 



10 Sigm. Freud 



Familie, wie sie dem Kind in aufeinander folgenden Lebenszeiten erscheinen. 
Man darf behaupten, daß durch diese Aufklärungen sowohl die Verbrei* 
tung wie die Gleichartigkeit des Mythus von der Geburt des Helden voll 
verständlich werden. Umsomehr verdient es unser Interesse, daß die Geburt*, 
und Aussetzungssage von Moses eine Sonderstellung einnimmt, ja in einem 
wesentlichen Punkt den anderen widerspricht. 

Wir gehen von den zwei Familien aus, zwischen denen die Sage das 
Schicksal des Kindes spielen läßt. Wir wissen, daß sie in der analytischen 
Deutung zusammenfallen, sich nur zeitlich von einander sondern. In der 
typischen Form der Sage ist die erste Familie, in die das Kind geboren wird, 
die vornehme, meist ein königliches Milieu; die zweite, in der das Kind auf* 
wachst, die geringe oder erniedrigte, wie es übrigens den Verhältnissen, auf 
welche die Deutung zurückgeht, entspricht. Nur in der Ödipussage ist dieser 
Unterschied verwischt. Das aus der einen Königsfamilie ausgesetzte Kind 
wird von einem anderen Königspaar aufgenommen. Man sagt sich, es ist 
kaum ein Zufall, wenn gerade in diesem Beispiel die ursprüngliche Identität 
der beiden Familien auch in der Sage durchschimmert. Der soziale Kontrast 
der beiden Familien eröffnet dem Mythus, der, wie wir wissen, die Helden* 
natur des großen Mannes betonen soll, eine zweite Funktion, die besonders 
für historische Persönlichkeiten bedeutungsvoll wird. Er kann auch dazu 
verwendet werden, dem Helden einen Adelsbrief zu schaffen, ihn sozial zu 
erhöhen. So ist Kyros für die Meder ein fremder Eroberer, auf dem Wege 
der Aussetzungssage wird er zum Enkel des Mederkönigs. Ähnlich bei Ro* 
mulus; wenn eine ihm entsprechende Person gelebt hat, so war es ein her* 
gelaufener Abenteurer, ein Emporkömmling; durch die Sage wird er Ab* 
komme und Erbe des Königshauses von Alba Longa. 

Ganz anders ist es im Falle des Moses. Hier ist die erste Familie, sonst die 
vornehme, bescheiden genug. Er ist das Kind jüdischer Leviten. Die zweite 
aber, die niedrige Familie, in der sonst der Held aufwächst, ist durch das 
Königshaus von Ägypten ersetzt; die Prinzessin zieht ihn als ihren eigenen 
Sohn auf. Diese Abweichung vom Typus hat auf Viele befremdend gewirkt. 
Ed. Meyer, und andere nach ihm, haben angenommen, die Sage habe ur* 
sprünglich anders gelautet: Der Pharao sei durch einen prophetischen Traum« 
gewarnt worden, daß ein Sohn seiner Tochter ihm und dem Reiche Gefahr 
bringen werde. Er läßt darum das Kind nach seiner Geburt im Nil aus* 

5) Auch im Bericht von Flavius Josephus erwähnt. 



Moses ein Ägypter 11 



setzen. Aber es wird von jüdischen Leuten gerettet und als ihr Kind aufge* 
zogen. Zufolge von „nationalen Motiven", wie Rank es ausdrückt, 8 habe 
die Sage eine Umarbeitung in die uns bekannte Form erfahren. 

Aber die nächste Überlegung lehrt, daß eine solche ursprüngliche Moses* 
sage, die nicht mehr von den anderen abweicht, nicht bestanden haben kann. 
Denn die Sage ist entweder ägyptischen oder jüdischen Ursprungs. Der erste 
Fall schließt sich aus; Ägypter hatten kein Motiv, Moses zu verherrlichen, 
er war kein Held für sie. Also sollte die Sage im jüdischen Volk geschaffen, 
d. h. in ihrer bekannten Form an die Person des Führers geknüpft worden 
sein. Allein dazu war sie ganz ungeeignet, denn was sollte dem Volke eine 
Sage fruchten, die seinen großen Mann zu einem Volksfremden machte? 

In der Form, in der die Mosessage uns heute vorliegt, bleibt sie in be* 
merkenswerter Weise hinter ihren geheimen Absichten zurück. Wenn Moses 
kein Königssprosse ist, so kann ihn die Sage nicht zum Helden stempeln; 
wenn er ein Judenkind bleibt, hat sie nichts zu seiner Erhöhung getan. Nur 
ein Stückchen des ganzen Mythus bleibt wirksam, die Versicherung, daß das 
Kind starken äußeren Gewalten zum Trotz sich erhalten hat, und diesen 
Zug hat denn auch die Kindheitsgeschichte Jesu wiederholt, in der König 
Herodes die Rolle des Pharao übernimmt. Es steht uns dann wirklich frei 
anzunehmen, daß irgend ein später, ungeschickter Bearbeiter des Sagenstoffes 
sich veranlaßt fand, etwas der klassischen, den Helden auszeichnenden, Aus* 
setzungssage Ähnliches bei seinem Helden Moses unterzubringen, was 
wegen der besonderen Verhältnisse des Falles zu ihm nicht passen konnte. 

Mit diesem unbefriedigenden und überdies unsicheren Ergebnis müßte 
sich unsere Untersuchung begnügen und hätte auch nichts zur Beantwortung 
der Frage geleistet, ob Moses ein Ägypter war. Aber es gibt zur Würdigung 
der Aussetzungssage noch einen anderen, vielleicht hoffnungsvolleren Zu* 
gang. 

Wir kehren zu den zwei Familien des Mythus zurück. Wir wissen, auf 
dem Niveau der analytischen Deutung sind sie identisch, auf mythischem 
Niveau unterscheiden sie sich als die vornehme und die niedrige. Wenn es 
sich aber um eine historische Person handelt, an die der Mythus geknüpft ist, 
dann gibt es ein drittes Niveau, das der Realität. Die eine Familie ist die 
reale, in der die Person, der große Mann, wirklich geboren wurde und auf* 
gewachsen ist; die andere ist fiktiv, vom Mythus in der Verfolgung seiner 



6) 1. c, p. 80, Anmerkung. 



12 Sigm. Freud 



Absichten erdichtet. In der Regel fällt die reale Familie mit der niedrigen, 

die erdichtete mit der vornehmen zusammen. Im Falle Moses schien irgend* 

etwas anders zu liegen. Und nun führt vielleicht der neue Gesichtspunkt zur 

Klarung daß die erste Familie, die, aus der das Kind ausgesetzt wird, in 

allen Fallen, die sich verwerten lassen, die erfundene ist, die spätere aber in 

der es aufgenommen wird und aufwächst, die wirkliche. Haben wir den 

Mut, diesen Satz als eine Allgemeinheit anzuerkennen, der wir auch die Moses, 

sage unterwerfen, so erkennen wir mit einem Male klar: Moses ist ein — 

wahrscheinlich vornehmer Ägypter, der durch die Sage zum Juden gemacht 

werden soll. Und das wäre unser Resultat! Die Aussetzung im Wasser war 

an ihrer richtigen Stelle; um sich der neuen Tendenz zu fügen, mußte ihre 

Absicht, nicht ohne Gewaltsamkeit, umgebogen werden; aus einer Preisgabe 

wurde sie zum Mittel der Rettung. 

Die Abweichung der Mosessage von allen anderen ihrer Art konnte aber 
auf eine Besonderheit der Mosesgeschichte zurückgeführt werden. Während 
sonst ein Held sich im Laufe seines Lebens über seine niedrigen Anfänge 
erhebt, begann das Heldenleben des Mannes Moses damit, daß er von seiner 
Hohe herabstieg, sich herabließ zu den Kindern Israels. 

Wir haben diese kleine Untersuchung in der Erwartung unternommen, aus 
ihr ein zweites, neues Argument für die Vermutung zu gewinnen, daß Moses 
em Ägypter war. Wir haben gehört, daß das erste Argument, das aus dem 
Namen, auf Viele keinen entscheidenden Eindruck gemacht hat.' Man muß 
darauf vorbereitet sein, daß das neue Argument, aus der Analyse der Aus, 
setzungssage, kein besseres Glück haben wird. Die Einwendungen werden 
wohl lauten, daß die Verhältnisse der Bildung und Umgestaltung von Sagen 
doch zu undurchsichtig sind, um einen Schluß wie den unsrigen zu recht, 
fertigen, und daß die Traditionen über die Heldengestalt Moses in ihrer Ver* 
worrenheit, ihren Widersprüchen, mit den unverkennbaren Anzeichen von 
Jahrhunderte lang fortgesetzter tendenziöser Umarbeitung und Überlagerung 
alle Bemühungen vereiteln müssen, den Kern von historischer Wahrheit da* 
hinter ans Licht zu bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Einstellung nicht, 
aber ich bin auch nicht imstande, sie zurückzuweisen. 
Wenn nicht mehr Sicherheit zu erreiche n war, warum habe ich diese Unter* 

n 7) m Sag L 2 " s B : Ed Meyer: Die Mosessagen und die Leviten, Berliner Sirzber 1905^ 
„Der Name Mose ist wahrscheinlich der Name Pinchas in dem Priesterge schlecht von 
11™ IT ZWeifdl0S a SyPfcch- Das beweist natürlich nicht, daß diese Geschlechter kgZ 

Man ÄS r rCn ' WOU , ab , £ \ daß Sle Be2ieh ™S e * » Ägypten hatten" (p. 651). 
Man kann fredich fragen, an welche Art von Beziehungen man dabei denken soll 




Moses ein Ägypter 13 



suchung überhaupt zur Kenntnis der Öffentlichkeit gebracht? Ich bedauere 
es, daß auch meine Rechtfertigung nicht über Andeutungen hinausgehen 
kann. Läßt man sich nämlich von den beiden hier angeführten Argumenten 
fortreißen und versucht, Ernst zu machen mit der Annahme, daß Moses ein 
vornehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr interessante und weitreichende 
Perspektiven. Mit Hilfe gewisser, nicht weit abliegender Annahmen glaubt 
man die Motive zu verstehen, die Moses bei seinem ungewöhnlichen Schritt 
geleitet haben, und in engem Zusammenhang damit erfaßt man die mög* 
liehe Begründung von zahlreichen Charakteren und Besonderheiten der Ge== 
setzgebung und der Religion, die er dem Volke der Juden gegeben hat, und 
wird selbst zu bedeutsamen Ansichten über die Entstehung der monothei* 
stischen Religionen im allgemeinen angeregt. Allein Aufschlüsse so wichtiger 
Art kann man nicht allein auf psychologische Wahrscheinlichkeiten gründen. 
Wenn man das Ägyptertum Moses' als den einen historischen Anhalt gelten 
läßt, so bedarf man zum mindesten noch eines zweiten festen Punktes, um 
die Fülle der auftauchenden Möglichkeiten gegen die Kritik zu schützen, sie 
seien Erzeugnis der Phantasie und zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Ein 
objektiver Nachweis, in welche Zeit das Leben Moses' und damit der Auszug 
aus Ägypten fällt, hätte etwa dem Bedürfnis genügt. Aber ein solcher fand 
sich nicht und darum soll die Mitteilung aller weiteren Schlüsse aus der Ein* 
sieht, daß Moses ein Ägypter war, besser unterbleiben. 



Das Kind im Manne 

Aus einer Sammlung „Der ferne Klang" 
Von 

Theodor Reik 

Den Haag 

I. 

Schwermut und Heiterkeit bei Josef Israels. 

Wenn ich jetzt an dem Haus in der Koniginnegracht 2 vorübergehe, taucht 
manchmal das Bild von Jozef Israels auf, der hier lange gewohnt hat. In 
diesem Inteneur, glaube ich, hat Jan Veth den alten Mann gemalt, der mit 
ruhigem, etwas müdem Blick vor sich hin sieht. Meistens aber stelle ich mir 
das Selbstporträt Israels vor, mit dem Hut auf dem etwas vorgeneigten Kopf 
die Augen nicht beschaulich, nur schauend; im Hintergrund sein großes Bild 
„David und Saul". Immer geht die Vorstellung der ungewöhnlich kleinen 
Oestalt des Malers der Erinnerung an seine Bilder voraus, als wolle 
sie etwas Bestimmtes aussagen. Vielleicht bedeutet diese Folge nur die Be* 
jahung des Satzes, daß jeder große Künstler nur sein eigenes Porträt male 
Wenn Israels das getan hat, so hat er es ohne Emphase und unaufdringlich 
getan. Er hat es „sans accent" gemalt. 

Visuelle Vorstellungen von den zahlreichen Bildern tauchen auf, die ich 
gesehen habe, eine lange Reihe düsterer und anmutiger Szenen. Mit wenig 
Bedauern sieht man die großen Gemälde der Frühzeit, die mehr Sentimental 
ütat als Gefühl zeigen, rasch vorüberziehen, empfindsame Episoden und 
Historienmalerei. Hinter ihnen erscheint in der Erinnerung schon das Ge. 
sieht eines Fischers, der sein Töchterchen am Arm trägt, während der größere 
Junge an seiner Seite läuft. Der Mann geht ruhig an dem Grab der Mutter 
der beiden Kleinen vorüber. Das Gesicht unter der Fischerhaube läßt in 
seiner Verschlossenheit ahnen, was in dem Manne vorgeht. Ein anderes Bild 
der „Schipbreukeling": ein düsterer Zug bewegt sich im Morgengrauen gegen 
den Beschauer zu. Voran eine junge Fischerfrau; ihre zwei Kleinen drücken 
sich an die abwesend vor sich Hinblickende. Hinter ihr kommen vom Fischer* 
boot die Männer, die den Ertrunkenen tragen. Weit und ruhig dehnt sich 
im Hintergrunde die See. Das Doppelbild: „Alleen op de wereld". Die 
*rau, die weinend am Bett sitzt, in dem der Mann eben den letzten Atemzug 
getan hat Auf dem anderen Büd die Gestalt eines Mannes im Halbdunkel- 
er sitzt schwer und tränenlos auf einem Sessel und starrt vor sich hin Dai 




Das Kind im Manne 15 



Licht, das vom Fenster links einfällt, beleuchtet den entseelten Körper der 
Frau im Bett. Es streift die Kappe des Mannes, die am Boden liegt, und 
die Hände, die schwer auf seinen Knien ruhen. Es gibt keinen Trost. (Die 
Erinnerung an einen Bericht taucht auf, den ich unlängst gelesen habe: 1 
wie ein einfacher alter Mann, dessen Kinder durch den Ozean von ihm ge<* 
trennt waren und der die letzten Jahre mit seiner hilfsbedürftigen Frau allein 
lebte, lange schweigend vor diesem Bild gestanden hatte. Dem Manne war 
wenig Sinn für Kunst eigen und er war ins Rijksmuseum nur gegangen, weil 
man ihm soviel davon gesprochen hatte. Er hatte sich, nachdem er „Alleen 
op de wereld" lange betrachtet hatte, zu seinem Begleiter gewendet und 
gesagt: „Ja, das würde ich kaum ertragen können, wenn es über mich käme".) 
Andere Bilder: „Twee oude vrienden": ein Greis und ein Hund einander 
gegenüber am Kamin im Abendlicht. „Als men oud wordt": ein altes ver* 
hutzeltes Weiblein, die hageren faltenreichen Hände, die frieren, gegen das 
offene Feuer ausgestreckt. 

Die unvergeßbare Gestalt, die auf der Türschwelle des Amsterdamer 
Trödlerladens sitzt: „Ben zoon uit het oude volk". Aus den Augen des alten 
Händlers blickt nicht nur die Hoffnungslosigkeit dieses Jakob Städle, den 
Israels verewigt hat, wie Rembrandt den Franz Banning Cock und den 
Wilhelm van Ruytenburg der „Nachtwache", sondern die Schwermut einiger 
Millionen. Das Bibelwort „Still und stumm sitzt er da, denn er hat es auf 
sich genommen" ist hier Fleisch geworden. Was da kauert, ist weniger ein 
Häuflein Unglück als ein Stück auf den Mist geworfener Menschheit, ein 
„refuse" wie die alten Kleider, die zerbrochenen Regenschirme, die Teller, 
Krüge und Stöcke, die den Trödler umringen. Dennoch: nicht nur ein 
Häufchen Unglück. Noch in Fetzen ein stolzer Mensch, heruntergekommen, 
doch nicht niedrig, entwurzelt und deklassiert, dennoch der Sohn des alten 
Kulturvolkes. Andere Bilder: die Judenhochzeit, ein Rabbinerporträt aus 
der Frühzeit Israels, der Thoraschreiber. 

Es folgen in der Erinnerung Bilder anderen Charakters, Bilder, die viel 
sagen, ohne vielredig zu sein. Das Innere morscher und armseliger Fischer* 
häuser, die See, ein Wagen am Weg, ein kleines Mädchen im Babystuhl, das 
mit einem Kätzchen spielt in einer dunklen und ärmlichen Stube, in die ein 
Sonnenstrahl fällt („Speelkamaraden".) Die „Dorfmadonna" ist eine junge 
arme Frau, die beglückt auf das Baby in ihren Armen herabsieht. Ihrem Bild 
folgen viele andere von Müttern, die ihren Kindern helfen, oder Kindern, die 
ihre schwachen Kräfte dazu benützen, ihre Müttern Hilfe zu leisten 
(„Moeders hulp"), von Fischerfrauen, die heimkehren oder auf die See hin* 

i) Bei W. Haverkamp: Josef Israels het Evangelie predikende met zijn penseeL 
Nijmwegen 1899. S. 29. 



* 



16 Theodor Reik 



aussehen, von wo die Männer heimkommen sollen, kochen, nähen oder 
ruhen, von kleinen Mädchen und Buben, die fröhlich in den Wellen spielen. 
Die Luft von Zandvoort und Scheveningen weht scharf und hell durch diese 
Bilder. Israels, dessen Bilder einem Kritiker „peint d'ombre et de douleur" 
schienen, findet warme und freundliche Töne, wenn er das Leben in der 
Familie armer Fischer und Zimmerleute schildert. Er malt idyllische Szenen 
in dürftiger Umgebung, das Glück der Kinder und das der jungen Mütter. 

Sein Leben war bis in späte Mannesjahre eine harte Schule der Armut und 
des Ringens um Erfolg gewesen. Israels aber blieb heiter, liebte die kurze 
holländische Pfeife, sein Glas Wein, freute sich am Spiel der Kinder und an 
der Schönheit der Natur. Noch als Vierundsiebzigjähriger konnte er auf 
seiner Studienreise nach Spanien und Nordafrika voll knabenhaften Über* 
mutes sein. Viele Seiten seines Reiseberichtes 2 sprechen von der guten Laune 
dieses alten und junggebliebenen Herzens. Israels, dessen frühe Bilder mit 
Recht als sentimental bezeichnet wurden, wird wortkarg und holländisch 
zurückhaltend, wenn er über Persönliches sprechen soll. Das Buch über die 
Spanienreise gibt die Eindrücke von der Reise eines Malers, der fröhlich 
und aufnahmsfähig ein fremdes Land bereist, aber der letzte Satz lautet: 
„Und dem Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, will ich noch sagen, daß 
wir wohlbehalten in das Vaterland zurückkehrten; Familie und Freunde be* 
grüßten uns herzlich bei unserer Ankunft. Die Hand aber, die früher am 
freudigsten ausgestreckt wurde, um mich zu empfangen, die war nicht da." 

Fast siebenundachtzigjährig ist Israels gestorben. Bis zuletzt hat jeder Tag 
— mit Ausnahme des Samstags — den kleinen Mann gebückt vor seiner 
Staffelei gesehen. Gerne hat er in den letzten Jahren Erinnerungen aus seiner 
Frühzeit in Groningen und Amsterdam erzählt, von seinen Kämpfen, Ent* 
täuschungen und Erfolgen. Lächelnd hat sich der Greis in leicht hingewor* 
fenen Bemerkungen über die Zeichen der Schwäche des Herzens und der 
Beine hinweggesetzt. Als er sich einmal mit einem deutschen Kunstgelehrten 3 
über Spaziergänge in dem geliebten Haagschen Bosch unterhielt, sagte er: 
„Wenn nur meine Füße dasselbe wollten, was ich will. Aber die Leute über* 
holen mich alle. Und Sie wissen", fügte er doppelsinnig hinzu, „es ist mir 
peinlich, zurückzubleiben." Der starke Ehrgeiz, der einmal den jungen 
Künstler vorwärtstrieb, wird hier heiter und überlegen betrachtet. Als er 
später im Invalidenstuhl vom Studio ins Wohnzimmer getragen werden 
mußte, sagte er demselben Besucher augenzwinkernd: „Sie müssen wissen, 
ich tue das nur aus Liebe zu meinen Leuten. Wenn ich wollte, könnte ich die 
Treppe ganz allein hinaufgehen." Auch hier wird wie in dem anderen Aus* 

2) Uit Spanje. Amsterdam 1903. 

3) Dr. Max Eisler, Josef Israels (The Studio). London 1924. 




Das Kind im Manne 17 



spruch die humoristische Lust zum größten Teil aus erspartem Gefühlsauf* 
wand gewonnen. Wir erwarten Schmerz und Trauer über die eigene Hin* 
fälligkeit, aber wir finden, daß sich der Maler diesen Affekten entzieht und 
sich heiter über seine Gebrechen hinwegsetzt. Indem er sich darüber lustig 
macht, erspart er es sich — und uns — traurig darüber zu werden. Auch der 
andere Charakter, den Freud dem Humor zugeschrieben hat, daß ihm die 
Welt und das Ich kindlich erscheint, wird in einem solchen Beispiel er* 
kennbar. Wenn der greise Maler behauptet, er lasse sich nur aus Liebe für 
seine Familie tragen, er könne aber eigentlich ganz gut allein die Treppe hin* 
aufgehen, erscheint da nicht im Hintergrund das Kind, das sich zumutet, die 
Treppen allein hinaufgehen zu können, und sich gleichsam nur aus Liebe zur 
Mutter hinauftragen läßt? Durch viele Überlagerungen schimmert das Ur* 
bild der Kinderzeit durch. 

Bedeutsamer ist, daß das spezielle Gefühl, das im Humor erspart wird, 
in der besonderen Tönung seines Ausdruckes psychologisch erratbar wird. 
Durch das Auffinden dieser Nuance erkennt man, wie viele Arten von 
Humor möglich werden. Im Ausspruch des alten Malers erkennt man z. B. 
ein Beispiel von wehmütigem Humor. Der noch merkbare Anteil der Trauer 
gibt dem humoristischen Ausspruch seinen besonderen Charakter, so wie eine 
geringe Menge eines bestimmten Gewürzes einer Speise ihren besonderen 
Geschmack verleiht. 

Auch im anderen Beispiel, der heiteren Anmerkung über den Widerstand 
der eigenen Füße gegen den Willen des Spaziergängers, ist der psychologi* 
sehen Betrachtung der Rückweg zum kindlichen Leben geöffnet. Die 
schwachen Kräfte des kleinen Jungen erlaubten es nicht, mit den Erwachsenen 
Schritt zu halten, so wenig wie die des Greises, den die anderen Spazier? 
ganger überholen. Dieser humoristische Ausspruch nähert sich übrigens 
schon der Selbstironie oder dem Witz. Er steht an der Grenze zwischen hei* 
terer Einsicht in die eigene Schwäche und schmerzlicher Auflehnung; er 
oszilliert zwischen der Tendenz, sich über sich lustig zu machen, und der, 
traurig zu werden. Nur eine kleine Satzänderung, etwa durch ein hinzuge* 
fügtes Wort, und an Stelle einer humoristischen Selbstbetrachtung wäre ein 
bitterer oder selbstironischer Witz getreten. (Eine solche Stimmung, die 
von der eigenen erbärmlichen Situation ihren Ausgang nimmt, kann sich 
auch in einer Aggression gegen andere witzig entladen: Heine, der am 
Sterbebett von seinem Arzt gefragt wurde, ob er noch pfeifen könne, ant* 
wortete in dieser Art: „Helas non, pas mime les pieces de Scribe".) Der 
Grenzcharakter des Ausspruches rührt daher, daß das ersparte Gefühl, das am 
Grunde des Humors liegt, sich nicht nur verbirgt, sondern auch verrät. Das 
unterdrückte Bedauern über die Unmöglichkeit, den eigenen Ehrgeiz zu be* 

Itnago XXIII/1 2 



friedigen, („Sie verstehen, es ist mir schmerzlich, daß andere mich über* 
holen ) hat einen leise akzentierten Ausdruck gefunden. Es ist, um den 
früheren Vergleich aufzunehmen, ein Minimum mehr Gewürz in die Speise 
gemischt worden. Daß sich der greise Maler jetzt freimütig zu seiner Ehr* 
begierde bekennt, gibt dem Wort in diesem Augenblick, da er auf sie wie 
auf etwas Halbüberwundenes zurückblickt, doch einen heiter*versöhn* 
hchen Klang. Diese Verschiebung des Gesichtspunktes gegenüber den Re* 
gungen des Ichs, diese Überlegenheit und Versöhnung mit sich und seinem 
Schicksal, lenkt vom Witzigen ab in das Gebiet des Humors. 

Zwei Hauptmotive durchziehen das Werk dieses Malers: menschliche 
Einsamkeit und Gebrechlichkeit und die Anmut junger Mütter, spielender 
Kinder; die Mahnung an „Mans mortality" und der Trost eines neuen Auf* 
stieges. Die Enkel, die ihn umringten, haben seinem Altern gewiß viel Freude 
gegeben. Mit ihnen konnte er wieder Kind werden und sich der Drohung 
der Vernichtung für Augenblicke entziehen. Der Anblick ihres Ernstes und 
ihres Spieles haben ihm auch den Weg zu dem besonderen seelischen Zu* 
stand, den sein Humor voraussetzt, erleichtert. Die Verwandlung in ein 
Kind, das die Welt und sich selbst als Spiel betrachtet, ist die wichtigste 
Voraussetzung humoristischer Betrachtung: so ihr nicht werdet wie die 
Kinder, kommt ihr nicht in dieses Himmelreich. 

II. 

Heine und Mathilde. 

Als Heine die junge, schöne Verkäuferin Mirat 1834 kennen und lieben 
lernte, war er selbst noch jung und lebensfreudig. Mathilde war Hebens* 
würdig und leidenschaftlich, von heiterem und heftigem Temperament, eine 
Pariser Grisette und ein unwissendes Kind. Diese menage Parisien hatte 
weniger den Charakter der Familiengründung als den eines jeu de famille mit 
Papagei und Spässen, Ausfahrten ins Theater und in den Bois. Mathilde war, 
als Heine sie kennen lernte, so ungebildet, daß sie weder lesen noch schreiben 
konnte. Die einzigen deutschen Worte, die sie durch längere Zeit sagen 
konnte, waren „Meine Frau"; sie nannte sich selbst so. Erst spät kamen: 
„Nehmen Sie Platz" und der hebräische Ausdruck „Nebbich" dazu. Sie 
hatte nie ein Gedicht von Heine gelesen und erkundigte sich bei Bekannten, 
ob es stimme, daß der Geliebte ein berühmter Dichter sei. Als einmal jemand 
Heines Geist rühmte, versicherte sie unwirsch, der Dichter verstelle sich nur 
so. Herne „c'est un tres bon garcon, tres bon enfant, mais quant k l'es= 
prit, il n'en a pas beaucoup". So ergötzlich lautete das Urteil dieser Pariser 
Grisette über einen der geistreichsten Männer des Jahrhunderts. Heine aber 



Das Kind im Manne 19 



war immer aufs neue entzückt über Mathilde, die ihn um seiner selbst willen 
liebte. 

In der Zeit, die dem jahrelangen Martyrium, diesem langsamen Sterben 
des Gelähmten, voranging, spielten die beiden wie Kinder miteinander. 
Mathilde machte Szenen, bekam gelegentlich Wutanfälle, wälzte sich ( am 
Boden und konnte über den Tod ihres Papageis ebenso unglücklich sein wie 
über den ihrer Mutter. Ihre plötzlichen Ausbrüche, über die Heine sich oft 
amüsierte, wichen rasch schmeichelnder Zärtlichkeit. Der Dichter lebte glück* 
lieh mit seiner Frau, deren allzu lebhaftes Temperament ihn bei seinen Ar* 
beiten störte. Wenn er manchmal ungehalten rief: „Laissez moi tranquülel" 
hüpfte sie trällernd im Zimmer auf und ab. Sie ahnte nicht, welche Arbeit 
sie störte. Er aber sah ihr freundlich zu, legte die Feder hin und führte sie 
zum Boulevard spazieren. Ihr Zorn, der heftig aufwallte, um rasch abzu* 
ebben, ergötzte ihn wie eine possierliche Komödie. Wenn Heine seinen 
„kleinen Hausvulkan" neckte, bekam sein Wesen selbst etwas spielerisch 
Kindliches. 

Bald kam die schreckliche Zeit, da die Lähmung so weit vorgeschritten 
war, daß er die Lippen kaum bewegen konnte und viele Tage stumm dasaß 
neben Mathilde, die seufzte: „Quelle Allemande conversation !" Dann 
kamen die Jahre, da der Dichter an die Matratzengruft gefesselt war. Abge* 
magert, mit geschlossenen Augen, die eingefallenen Wangen von einem Bart 
umrahmt, lag er hilflos da, einem Märtyrer ähnlich. Seine Eifersucht 
entlud sich in Gedichten, seine Angst um den Besitz Mathildens in kurzen 
halberstickten Ausbrüchen: „Ich muß jetzt alles dem Schicksal und dem 
lieben Gott überlassen" sagte er einmal, „wie kann ich kranker Mann jetzt 
noch mit einer halben Million Männer konkurrieren?" 4 

In den kurzen Intervallen aber, da es ihm besser ging, konnte er wie ein 
Kind mit seiner Frau scherzen. Er behandelte sie auch wie ein Kind, sah sie 
manchmal bewußt als solches: 

„Sie war mir Weib und Kind zugleich 
Und geh ich in das Schattenreich, 
Wird Witwe sie und Waise sein". 

Er redete ihr vor, daß Christus einmal Erzbischof von Paris gewesen sei, und 
sie glaubte es. (Der zum Zeugen aufgerufene Coiffeur war in ernstem 
Zweifel.) Das Album in violettem Samt, in das Mathilde berühmte Besucher 
Heines einzuschreiben bat, war häufig Gegenstand von Scherzen, deren kind* 

4) Diese und andere Aussprüche sind den „ Gesprächen" mit Heine, hgb. von H.H. 
Houben 1926, und dem Buch „Mathilde" von Walter Victor 1931 entnommen. 

2. 




hcher Charakter unverkennbar ist. Wenn Mathilde es versäumt hatte, ihr 
Album einer Zelebrität vorzulegen, riet er ernsthaft: „Du solltest es besser 
futtern!" Er amüsiert seine Frau, wenn er ihr Geld vorzählt, denn er zählt 
niemals „un Louis, deux Louis" etc., sondern „an ami, deux amis, trois amis". 
Einmal berichtet er einer befreundeten Besucherin, daß er in der Nacht von 
einer jener schrecklichen Krisen heimgesucht worden sei, von denen die Ärzte 
jedesmal fürchteten, daß sie die letzte sein würde. Mathilde sei voll Schrecken 
an sein Bett geeilt, habe ihn geliebkost und heftig geweint. Er hörte sie 
klagen: „Nein, Henri, nein, du wirst mir das nicht antun; du wirst nicht 
sterben. Du wirst Mitleid mit mir haben. Diesen Morgen habe ich schon 
meinen Papagei verloren. Wenn auch du stürbest, ich wäre zu unglücklich." 
Der Schwerkranke berichtet: „Das war mir Befehl; ich gehorchte, ich habe 
fortgefahren zu leben. Sie begreifen, liebe Freundin, wenn man mir triftige 
Gründe angibt . . ." Wenn er nur mäßige Schmerzen hat, ist er noch immer 
zu ähnlichen Neckereien und Scherzen gelaunt. Dann kann er sich auch mit 
Kindern unterhalten, die zu Besuch gekommen sind, so wenn er häufig mit 
der kleinen Alice Arnaud spielt, die er mit Kuchen füttert und der er schöne 
Geschichten von Himmel und Hölle erzählt. „Sie weiß nun", berichtet er 
später einem Freunde, „daß es im Himmel so schön und glänzend hergeht, 
daß man dort Kuchen ißt,cfc matin au soir. Et comme le bon Dieu a des 
marmitons, qui sont les anges et que les anges quand ils ont bien mange, 
s'essuient la bouche avec leurs ailes Manches". „Ce que du teste est bien 
sale de leuv pari", unterbrach ihn das Kind. „Meine Frau", erzählte der 
Dichter dem Besucher, „hat darüber und, wie das Kind sich in die Vor* 
Stellung von den kuchenessenden Engeln und ihrer Flügelbenützung ver« 
tieft hat, und über meine Freude daran so gelacht, daß ihr die Tränen von 
den Wangen liefen. Ich aber habe die ganze darauffolgende Nacht sehr lustige 
Verse gemacht". 

Hier spricht nicht der Satiriker, der große Spötter Heine, sondern der 
Humorist, der selten erkannt wird, weil der andere so sehr im Vordergrund 
steht. Auch ohne den Schlußsatz seiner Erzählung, der von dem Schreiben 
lustiger Verse in der Nacht berichtet, würde der Psychologe, der die Ge* 
dichte Heines liest, erkennen, einen wie großen Einfluß Kindervorstellungen 
auf ihre Konzeption und Ausführung hatten. Der bedeutende Anteil des 
kindlich Schalkhaften ist in der psychologischen Würdigung der Heineschen 
Phantasie fast unbemerkt geblieben. Es ließe sich aber leicht nachweisen, wie 
viele seiner Gedichte dort ihren Ausgangspunkt haben, um in der Umwen* 
düng und Umarbeitung von Kindervorstellungen ins Witzige oder Grau* 
sige zu enden. 

Nicht nur das Material stammt aus der gleichen Werkstatt. Oft ist die 



Das Kind im Manne 21 



Pointe ihrer Wirkung nach aus dem Überraschenden eines alten Kinder* 
glaubens, einer infantilen Angstvorstellung erklärbar. 

Dieselbe Kindlichkeit tritt uns unverhüllter in den angeführten Beispielen 
entgegen. Obwohl wir wissen, wie einfacher Mittel sich dieser Humor be* 
dient, können wir uns schwer seinem Reiz entziehen. Er erreicht seine ko* 
mische Wirkung manchmal dadurch, daß eine animistische Vorstellung, ein 
Denkbild aus der Zeit des Glaubens an die Beseelung unbelebter Objekte 
aufgegriffen und der Weltauffassung der Erwachsenen gegenübergestellt 
wird. Der Mathilde gegebene Rat, ihr Autographenalbum gut zu füttern, 
erhält von dort her seinen komischen Charakter. Ähnlich ist die Wirkung be* 
stimmt, wenn eine Redensart in kindlicher Art wörtlich genommen wird wie 
beim Zählen von Geld „Un ami, deux amis" etc. Auch hier wird der ko* 
mische Effekt durch den überraschenden Eindruck erreicht, den der Kontrast 
der infantilen Denkweise zur Anschauung der Erwachsenen hervorruft. Wir 
denken dabei, daß eine überraschende Regression in die überwundene 
Kindervorstellungswelt unter veränderten psychologischen Bedingungen das 
Gefühl des Unheimlichen erweckt. Gerade bei Heine kann man ausgezeich* 
nete Beispiele dieses dichterischen Effektes finden. 



Meistens ist es „das gute, dicke Kind", dem zuliebe eine so kindliche humo«= 
ristisch wirkende Anschauung produziert wird. Es ist so, wie wenn der 
Dichter durch ihre Anwesenheit, durch das Kindhafte ihres Charakters zu 
solchen Scherzen angeregt würde, ihm das Hinabgleiten in Kinderdenk* 
weisen erleichtert würde. Nicht immer ist die Natur des Spasses rein humo* 
ristisch: wenn der Abstand zwischen den Anschauungssphären nicht groß 
genug genommen wird, wird sie witzig. Der Scherz nähert sich dann einer 
Neckerei wegen Bildungsmangels oder wegen naiver Auffassung: so wenn 
Heine Mathilde vorredet, Christus sei einmal Erzbischof von Paris gewesen. 
Hier wird nicht mehr die Anschauung eines Kindes zu der der Großen, son*< 
dem die Auffassung einer ungebildeten Person zu der des Unterrichteten 
in Gegensatz gebracht. 

Durch die Anwesenheit noch eines Kindes wird der Dichter in erhöhtem 
Maße zu solcher Reproduktion kindlicher Vorstellungen angeregt, so wenn 
er der kleinen Arnaud von den kuchenessenden Engeln, die sich mit ihren 
Flügeln den schmutzigen Mund abwischen, erzählt. Ein großer Anteil an 
der komischen Wirkung ist hier dem Behagen über das Sichgehenlassen 
in bezug auf die Gebote der Reinlichkeit zuzuschreiben. Heine produziert 
hier den Humor; in seinem Bericht tritt aber hervor, wie sehr er zugleich 
Humor genießen kann. Der komische Effekt steigert sich nämlich, wenn 



die fünfjährige Zuhörerin, die noch an die Engel glaubt, aber schon zu 
strenger Reinlichkeit erzogen ist, tadelnd bemerkt, das sei sehr schmutzig 
von den himmlischen Wesen. S 

Charakter und Herkunft dieses Humors können nicht zweifelhaft er, 
scheinen; der Konstrast der wiederaufgenommenen kindlichen Denkweise 
und der Anschauung eines Erwachsenen wird hier deutlich genug. Die Vor, 
Stellung von den kuchenessenden und unartigen Engeln, die dem Kinde 
gewiß nicht fern liegt, ist, von einem Erwachsenen erzählt, als solche schon 
ein Ausdruck der Distanz von der Kinderanschauung. Der Engelsglaube 
selbst wird damit ais kindlich oder vielmehr kindisch gekennzeichnet. Der 
komische Eindruck wird durch die Weiterführung und die absurde Erweite, 
rung der kindlichen Anschauung erreicht. Soweit geht der Anteil der humo. 
ristischen Produktion Heines in der Erzählung. Das andere Stück Heiterkeit 
wird durch die Reaktion des kleinen Mädchens beigetragen. In dem Gespräch 
mit der Kleinen erscheinen nämlich die Rollen umgekehrt: der Erwachsene hat 
sich in seiner Phantasie in ein Kind verwandelt, um mit dem Kinde noch 
einmal verlorene Lust wiederzugenießen. Das Kind, das vor noch nicht langer 
Zeit der Erziehung zur Reinlichkeit erbitterten Widerstand entgegengesetzt 
hat, ist den göttlichen Gestalten gegenüber ernsthaft und kritisch. Es ist wie 
wenn die Kleine die Künstlichkeit in der Kindlichkeit des Dichters gespürt 
hatte und sich nun m derselben Art, in einer Demonstration von Erwachsen, 
sein revanchierte. Es ist also nahezu ein Zusammentreffen von zwei ange. 
nommenen psychischen Haltungen. Beide wissen, daß diese Haltung unecht 
ist. Die Erwachsenen amüsieren sich darüber, daß die Kinder viele Sachen 
so ernst nehmen, während sich di^ Kinder über die Erwachsenen amüsieren, 
indem sie sich selbst erwachsen gebärden. Daß sich dieses Ineinanderspielen 

r l^ l P • d f r VorsteIlun & en von unartigen Engeln abspielt, ver. 
stärkt die humoristische Wirkung der Szene. 

Nicht anders als das kleine Mädchen hat der Dichter das große behandelt 
Er hat es gehänselt und geneckt, wie wenn es sein Kind wäre. Wenn er er. 
zahlt, wie Mathilde bei seiner schweren Krise untröstlich war, weil sie es 
nicht ertragen könne an einem Tage außer dem Papagei noch ihren Mann 
zu verlieren, wird diese Art der Behandlung transparent. Er habe ihrem 
Befehl gehorcht und weitergelebt: „Vous compvenez, quand on me donne 

thZZ S 7 S ° n j ' r ?T Wird , nicht nur Mathi ^ geneckt und als Kind 
behandelt dem der Tod des nächsten Menschen und der ihres Papageis 
gleich _ wichtig erscheint. Angesichts einer solchen Auffassung von Leben und 
Tod hat sich Herne mit der Geliebten in ein Kind verwandelt, kindliche 

aTSE? Vi * gÜltig an S enomme »- Wenn er erzählt, er habe 

dem Befehl, weiterzuleben, gehorcht, so akzeptiert er den von seiner Frau 



Das Kind im Manne 23 



übernommenen Kinderglauben an die magische Allmacht der Gedanken. 
Wenn er den Tod des Papageis als „triftigen Grund" für den Wunsch 
Mathildens, er solle heute nicht sterben, anerkennt, stellt er sich lächelnd auf 
dieselbe Gefühls** und Gedankenstufe, um doch aus der Vogelperspektive 
auf sie herabzusehen. Die Zärtlichkeit für dieses Kind*Weib hat ihn dazu* 
gebracht, den lieben Weg zur Kinderzeit wiederzufinden, noch auf der 
dunklen Schwelle zur Vernichtung. 

Der Humor tritt uns hier schon in einer sekundären, abgeleiteten Form 
entgegen. Das Objekt wird von jener Ichinstanz, die aus der Aufnahme der 
Eltern entstanden ist, wie das Ich behandelt. Vielleicht kann man in den 
spezifischen Zügen dieses Humors noch das Urbild dieses Ober*Ichs, die 
Eltern, wieder erkennen, das Echo ihrer Spiele, ihrer kleinen Neckereien, ihrer 
Tröstungen. Als ein Musterbeispiel jener Einstellung zum Ich, die Ursprung* 
lieh dem Humor zugrundeliegt, kann der Bericht angesehen werden, den 
Maurice Etienne von seinem Besuch bei dem schwerkranken Dichter 
gibt. Etienne war gerade gekommen, als die Pflegerin, eine große Mulattin, 
den abgezehrten und armseligen Körper Heines sorgsam von seinen Matratzen 
am Boden emporhob, um ihn ins Bad zu tragen. Als Heine des Besuchers an* 
sichtig wurde, scherzte er: „Da sehen Sie, wie man mich in Paris auf Händen 
trägt". Die doppelsinnige Verwendung einer Redensart nähert den Aus* 
spruch dem Witz. Er stellt eine jener Legierungen von Witz und Humor dar, 
die der Leser so häufig in Heines Dichtungen findet. Der eigene hilflose 
Zustand wird nicht mehr tragisch genommen, sondern tragikomisch. Die 
erzwungene Rückkehr in eine der Kindheit ähnliche Situation kann zum Trost 
werden. Aus der fast unerträglichen Misere seines Daseins flüchtet Heine 
mit diesem Scherzwort in die Phantasie, ein Kind noch zu sein, wie ein Kind 
getragen und verwöhnt zu werden. Die Verwertung der Situation, die dem 
Besucher das Elend Heines deutlich vor Augen führt, bezeichnet in der 
Produktion eines Scherzes für beide einen Lustgewinn. 

Die Voraussetzung für eine solche seelische Verwendung ist folgende: 
jene Ichinstanz erkennt, wie erbärmlich das Ich ist, und sie erbarmt sich seiner. 
So ist in dem Scherzwort ein Nachhall mütterlicher Zärtlichkeit, die dem 
Kind leise tröstend über seine Schmerzen hinweghilft. Für einen Augenblick 
kann so die schreckliche Situation in eine unbewußt erwünschte verwandelt 
werden. Das Ich erscheint für eine Sekunde sich selbst und dem Zuhörer 
wie ein Kind, das von der Mutter oder ihrem Ersatz auf den Händen ge* 
tragen wird. Es wollte gerade weinen und lächelt schon: die Mutter hat es 
auf die Arme genommen. Das bedeutet aber, daß Schmerz und Trübsal 
bald vorbei sein werden. Sie waren bald vorbei. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 1 



Von 

Gustav Hans Graber 

Stuttgart 



Die Psychoanalyse stellte ab und zu Probleme, Hypothesen und auch ge* 
sicherte Forschungsergebnisse auf, die aus der Selbstwahrnehmung 
gewonnen wurden, einer Methode, die vor allem durch das in der analy* 
tischen Situation eigenartig vertiefte gegenseitige Sicheinfühlen gefördert 
wird; denn sie gleicht einem Seelenspiegel, in dem Subjekt und Objekt oft 
zugleich oder auch vertauscht erscheinen. 

Freilich, Arzt und Patient blicken mit verschiedener Absicht hinein- 
letzterer will und soll sich selbst darin erkennen, sieht jedoch statt dessen oft 
den Arzt. Dieser seinerseits ist bestrebt, das wirkliche Bild des Patienten zu 
erkennen, entdeckt aber darin häufig auch das eigene. 

Die fast ausschließlich einseitig gerichtete Arbeitsweise der Fremdwahn, 
nehmung seitens des Forschers, die in den übrigen empirischen Wissen- 
schaften noch viel stärker überwuchert, hat gerade durch die Psychoanalyse 
eine empfindliche Einschränkung und zugleich eine wertvollste Ergänzung 
erfahren. Längst sind wir uns wieder bewußt, daß der eigentliche Weg 
zur Wahrheitserkennrnis, also der Weg zum letzten Ziel aller Wissenschaft, 
derWegnachinnen ist. Ja, es erhebt sich die Frage, ob nicht bei tieft 
ster Wahrnehmungsanalyse sich herausstellt, daß jede Fremdwahrnehmung 
auf dem Umweg einer unbewußten Identifizierung mit einer meist ebenfalls 
unbewußten Selbstwahrnehmung zustande kommt. 

Vor einigen Jahren machte ich, in dem Bestreben vertiefter Einfühlung 
und Herstellung eines Gefühlskontaktes mit dem Patienten, die Beobach* 
tung daß ich, unter möglichster Ausschaltung jedes anderen zielgerichteten 
Denkens, mich intensiv in ihn hineindachte, in ihn hineinver* 
setzte, und zwar im wortwörtlichen oder metapsychologischen Sinn, d. h. 
also: indem ich mir vorstellte, wie ich mich — meist gestaltlos — im Körper 
des Patienten befinde, wie ich mit diesem zu eins verschmelze, dieselbe At* 
mung annehme, dieselben Gedanken denke, dieselben Reflexbewegungen 
habe. Dieses Sichhineinf ühlen und Sichhineinversetzen hatte 

scwJ- 0r p ag '. gehaI ! en am i 6 - April 1936 auf der Tagung der Schweizerischen Geseilt 
schalt iur Psychoanalyse in Basel zur Feier des 80. Geburtstages von Prof. Sigm. Freud 

Z S 3m • ° kt ° ber 193S in der DeufscI > en Psychoanalytischen Gesellschaft 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 25 

zumeist zur Folge, daß vor allem der Gefühlskontakt, spürbar in einer Ge* 
fühlsströmung, mit dem Patienten hergestellt oder verstärkt wurde und gleich* 
zeitig letzterer meist widerstandsfreier arbeitete. 

Zunächst stellte ich mir — wie wohl auch Sie — die Frage nach der Be* 
rechtigung solchen therapeutischen Verhaltens, das ich gelegentlich dann 
übte, wenn der Patient sich im Widerstand affekt* und gefühlstot erlebte. 
Eine Beantwortung dieser Frage der Technik gehört jedoch in einen anderen 
Zusammenhang. Theoretisch überlegte ich mir dagegen, daß es sich hierbei 
wohl um die Auswirkung einer Mutterleibssehnsucht handle. Sie werden 
sich vielleicht erinnern, daß in meinen Veröffentlichungen diese Sehnsucht, 
dargestellt als ein im menschlichen Trieb* und Seelenleben zutiefst wirk* 
sames Begehren nach Wiederherstellung der ursprünglichen Mutter*Kind* 
Einheit, von jeher mein größtes Interesse beanspruchte . 

Wie konnte sich nun bei dem Bestreben, den Patienten besser zu ver* 
stehen, ein solch regressiver Vorgang entwickeln? Überlegen wir uns, daß 
nach einem Worte Nietzsches das Höchste aus dem Tiefsten kommt — 
also höchstes progressives Verstehenwollen des anderen, als welches die Ein* 
fühlung oder Intuition doch wohl bezeichnet werden muß, den tiefsten 
regressiven Tendenzen entspricht — oder, nach Freu d, höchste Übersieh* 
Strebungen ihre Abkunft von tiefsten Es*Strebungen verraten. 

Dieser Überlegung folgte die weitere, daß auch der Sprachgebrauch, 
der immer ursprünglichste Wirklichkeiten birgt, Begriffe wie „einfühlen", 
„hineindenken", „hineinversenken", „hineinversetzen", für einen psychischen 
Akt verwendet, der einem Mechanismusderidentifizierung ent* 
sprechen muß, einem Mechanismus also, der dem uns bekannten der 
Introjektion als gleichbedeutsam an die Seite zu stellen 
ist und der, als solcher bisher unerkannt, in der analytischen Literatur nicht 
erwähnt wurde. 

Es drängen sich eine Reihe weiterer Fragen auf: zunächst diejenige der 
Berechtigung, den geschilderten psychischen Vorgang überhaupt als Identi* 
fizierung zu bezeichnen; sodann diejenige nach der Unterscheidung von der 
Objektbesetzung, der Verliebtheit; ferner die Frage nach der Beziehung 
beider Identifizierungsmechanismen zu den beiden Primärtrieben; die Frage 
der möglichen Unterscheidungen von Typen, zugehörig mehr zu dem einen 
oder anderen Identifizierungsmechanismus; die Frage der Beziehung zwi* 
sehen Wahrnehmung und Identifizierung usw. Jedoch, den meisten dieser 
theoretischen Erörterungen vorausgehend, soll unser Interesse geweckt wer* 
den durch den Nachweis einer Evidenz vom Vorhandensein des erwähnten 
Mechanismus der Identifizierung aus Folklore, Sprachgebrauch, Dichtung, 
Äußerungen der Patienten, Fehlhandhmgen, Träumen usw. 



26 Gustav Hans Graber 



Ich schlage vor, zur Unterscheidung von der Introjektion als einer mehr 
aktivenldentifizierung den Mechanismus der Einfühlung als p a s* 
siveldentifizierungzu bezeichnen, da dort die Gefühlsbindung aktiv 
zur Eroberung des Objektes, hier hingegen passiv zur Hingabe des Sub* 
jektes führt. 

Freud selbst stellt den Mechanismen und Gefühlsbindungen der Ob* 
jektbesetzung und Verliebtheit diejenigen der Identifizierungen als 
„ungenügend bekannte, schwer darzustellende Vorgänge" 2 zur Seite, postum 
liert also damit für letztere eine Mehrzahl, schildert uns jedoch nur den einen 
uns bekannten Mechanismus der Introjektion auf seinen verschiedenen 
Wegen der Bildung und Auswirkung. Er deutet freilich an, daß die IdentU 
fizierung „als früheste und ursprünglichste Gefühlsbindung" von Anfang an 
ambivalent ist, daß „sie sich ebenso zum Ausdruck der Zart« 
lichkeit 3 wie zum Wunsch der Beseitigung wenden kann". Später be* 
merkt Freud, daß es sehr schwierig sei, die Verschiedenheit von Identi* 
fizierung und Objektwahl „metapsychologisch anschaulich darzustellen" — 
und sagt ergänzend: „Eine andere Ahnung kann uns sagen, daß wir weit 
davon entfernt sind, das Problem der Identifizierung erschöpft zu haben, daß 
wir vor dem Vorgang stehen, den die Psychologie .Einfühlung' heißt, und 
der den größten Anteil an unserem Verständnis für das Ichfremde anderer 
Personen hat. Aber", fügt er bei, „wir wollen uns hier auf die nächsten 
affektiven Wirkungen beschränken." 

Meine Untersuchung beabsichtigt, über die von Freud gesetzte Be* 
schränkung hinauszugelangen, indem sie — davon ausgehend, daß die Iden* 
tifizierung die „früheste und ursprünglichste Gefühlsbindung" ist, — im 
weiteren nachzuweisen versucht, daß sie niemals aufhört zu bestehen, also 
auch nicht in der Objektwahl, nicht bei der Objektbesetzung und nicht in der 
Verliebtheit. Sie ist Grundlage, Bestand und Endziel jeder Objektbeziehung. 
Unausgesetzt und unnachgiebig bleibt die Seele gefangen vom Begehren der 
Verschmelzung mit dem Objekt, und zwar immer und ausnahmslos — ent* 
sprechend der Triebrichtung — von einem regressiven Begehren, das, 
nie erfüllbar, sein Ziel in der Wiederherstellung der Mutter*Kind*Einheit 
sieht. Diese Einheit kann gefühlsmäßig und psychisch nur 
erstrebt werdenmittels des Mechanismus der Versetzung 
in das Objekt oder desjenigen seiner Introjektion. Im 
Mechanismus der p a s s i v e n Identifizierung entpuppt sich zumeist das, was 
wir mit dem Begriff Liebe zusammenfassen, während in der aktiven 

=0 Freud: Ges. Sehr., Bd. VI. 

3) von mir gesperrt. \ 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 27 

Identifizierung mehr das Umschlagen in den Haß sich manifestiert. In 
beiden jedoch nimmt das Ich die Eigenschaften des Objektes an (Freu d), 
d. h. es ahmt die geliebte und die gehaßte Person nach. Es dürfte ihrem 
ambivalenten Charakter und ihrer Triebabhängigkeit zufolge allerdings 
schwer fallen, einem der beiden Mechanismen unvermischt zu begegnen. Am 
reinsten treten sie uns wohl in der Verliebtheit und in der Melancholie ent* 
gegen. Zudem sind wir gewohnt, beim gleichen Subjekt zeitliche Wechsel 
in ihrer Vorherrschaft zu sehen und zu erleben. 

Während der Primitive den geschätzten Feind auffrißt, um bewußt oder 
unbewußt sich seine Kräfte und Eigenschaften anzueignen — also sich mit 
ihm zu identifizieren — , wird man vom Verliebten sagen müssen, daß (er 
von der geschätzten Person aufgefressen, respektive einverleibt werden will, 
um mit ihr eins zu werden. 

Natürlich ist der Wunsch, introjiziert zu werden, meist nur unbewußt, 
und es ist anzunehmen, daß gerade diese tiefste Wunschregung bei allen 
Menschen in zähester Verdrängung gehalten wird. Für diese Tatsache dürfte 
sprechen, daß bisher kein Analytiker den Mechanismus klar aufzuzeigen 
vermochte, obwohl sich jeder Tag für Tag in so und so viele seiner Patienten 
hineinversenkt. Es ist deshalb zu erwarten, daß meine Ausführungen auf 
starken Widerstand stoßen. Aber vergegenwärtigen wir uns erstens, daß in 
den Gedanken verschiedener Autoren über Mutterleibssehnsucht und Nir* 
-wanaprinzip bereits wichtige Erkenntnisse vorliegen, ohne daß freilich die 
passive Identifizierung als Mechanismus erkannt und der aktiven Identifizier 
rung gegenübergestellt worden wäre} und daß zweitens — wie Sie hören 
werden — die über Identifizierung veröffentlichten Arbeiten der letzten zehn 
Jahre sich meiner Problemstellung mehr und mehr näherten. 

Ein kurzer Rückblick zeigt uns, daß sich Freud in der vor fünfzehn 
Jahren erschienenen Arbeit 4 um ein metapsychologisches Verstehen 
der Identifizierung bemühte. Spätere Autoren, wie z. B. Schneider und 
Fenichel, die sich in den vor zehn Jahren zu Freuds 70. Geburtstag 
erschienenen Arbeiten über dasselbe Thema äußerten, beschränkten sich dar* 
auf, entweder verschiedene Formen der Identifizierung aufzustellen 
(Schneider) 5 oder bisher erkannte „Gemeinsamkeiten und Differenzen der 
Identifizierungen" zusammenzustellen und metapsychologisch übersichtlich 
zu beschreiben (Fenichel). Seh n eider spricht bereits von einer Ganz* 
heitsidentifikation mit dem regressiven oder progressiven Streben nach Auf;» 
hebung des Differenziertseins. Bei Fenichel erfreut die große Anschau* 

4) op. cit. 

5) Über Identifikation, Imago, Bd. XII, 1926, S. 249—62. 

6) Die Identifizierung, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927, S. 309—25. 



. 



?? Gustav Hans Graber 



Hchkeit der Darstellung, doch gesteht auch er, „daß die Lücken unseres 
Wissens hier noch allzu zahlreich" seien. 

Dynamisch betrachtet sind die Identifizierungen, wie wir zu erkennen 
glauben, Manifestationen eines Triebverlangens aus dem Es und bedeuten 
als solche stete Neuauflagen der ursprünglichen intrapsychischen Objekt* 
reprasentanz, die sich ihrerseits wiederum als Niederschlag der primären 
Identifizierung erweist. Zugleich jedoch offenbaren sich die Identifizierungen 
auch als eine Triebabwehr und bewirken Triebschicksale wie Objekt* und 
Zielveränderungen — Umwege also, die zwar ökonomisch gesehen stets zum 
anfanglichen Ziel bislang entbehrter Befriedigung, nämlich zur Ver* 
Schmelzung mit dem Objekt, zurückführen sollen. Wenn Fenichel sagt, 
daß der „Objektverlust regelmäßige Voraussetzung der Identifizierung" ist,' 
dann stimmen wir ihm bei, ja wir sehen die Richtigkeit dieses Satzes selbst 
dort begründet, wo, wie in der passiven Identifizierung — z. B. in der Ver? 
liebtheit — , sogar ein reales Objekt nicht verloren, sondern gefunden 
wurde. Die Verliebtheit belebt am intensivsten den archaischen Charakter 
und den Mechanismus der primären Identifizierung, die, wie auch die spä* 
teren Identifizierungen, dem Wiederholungszwang verwandt, als „Reaktion 
auf den enttäuschenden Verlust der Ich* und Außenwelt umfassenden Ein* 
heit' (Fenichel), also leztlich als Bestreben zur Wiederherstellung der 
MuttewKind*Einheit aufzufassen ist. Es ist klar, daß der Verlust dieser Ein* 
heit in keiner noch so intensiven Verliebtheit und Selbstentäußerung völlig 
rückgängig gemacht werden kann. Es bleibt stets ein Rest der Unbefrie* 
digung, der zu immer intensiveren Versuchen der Identifizierung treibt. Je 
mehr das Subjekt sich der Verschmelzung mit dem realen Objekt der Liebe 
nähert, in desto krasseren Formen der Entselbstung bietet es sich an, freilich 
ohne je das Ziel der Ur*Identifizierung, die völlige körperlich*seelische Eins* 
werdung zu erreichen. Die Verliebtheit rührt deshalb wie kein Phänomen an 
den Urschmerz, den ersten Objektverlust der Mutter bei der Geburt. 
^ Ein moderner Dichter' läßt in einer Novelle den greisen Hirten und Ma* 
gier Gondertalm von der Ehe erzählen, und ein junges Hochzeitspaar, das 
ihn um Rat gebeten, lauscht: 

„Ihr werdet sehen", eifert er, „die Liebe ist grausam wie Feuer: ... die Seelen ringen 
und saugen sich erbittert ineinander . . . Aber es geht nicht an, der Körper ist zu stark 
und spröde. Manchmal sind die Herzen sehr dicht beieinander unter der heißen Haut Sie 
suchen gleichen Schlag. Sie pulsen, aber sie hämmern doch nur immer gegeneinander 
Nach jedem Rausch packte mich wieder die Wut, daß mein Weib dort lag und ich hier 
Emmal saßen wir beide am Tische. Sie sah mir zu, wie ich mit Lust und Hunger aß. "ich 
tuhr sie an: Was starrst du mir auf den Mund wie auf ein Wunder? Sie senkte die Augen 

7) Adrien Turel: Selbsterlösung. Verlag S. Fischer, Berlin, 1919, S. 167 f. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 29 

und hob sie gleich wieder, weinend vor Glück: Du kannst so viel essen, stockte sie, 
warum kann ich nicht auch in dir aufgehen als Fleisch von deinem 
Fleische. Als sie das sagte, fuhr es mir durch den Leib, denn ich hatte niemals der* 
gleichen zu ihr gesprochen. Ich ging hinaus und weinte . . ." 

Der alte Gondertalm gab dem Hochzeitspaar ein Zeichen ihrer künftigen 
Ehe: 

„Er hob zwei kleine, roh aus Wachs gebildete Puppen hervor, einen Mann und ein 
Weib. Er drückte sie Nabel an Nabel ineinander und begann die Leiber, die Köpfe, je zwei 
Arme und zwei Beine in eins zu kneten. Er formte mit zuckenden Händen hoch in der; 
Luft, damit die Brautleute und alle anderen recht sehen konnten, was er tat. Sie standen 
übergebeugt. Mit ihren scharfen nebelgrauen Augen sahen sie die schmutzigen Puppen 
zwischen den fieberhaften krummen Fingern. Die winzigen Wachsgliedmaßen bogen sich 
hin und her wie in einem verzweifelten Ringen, sie wrangen sich ineinander mit seltsamem 
Verzerrungen; allmählich, mühsam wie eine Neugeburt glich sich alles aus und schmolz 
in eins. Der alte Schäfer sprach: Ich habe vierzig Jahre darüber nachgedacht. Jede Liebe 
will das. Der Mensch fühlt sich zu einsam und friert inmitten des Meeres". 

Wenn ich zusammenfassend Verliebtheit (immer als höchstgesteigerte libi* 
dinöse Objektbeziehung aufgefaßt) und Identifizierung vergleiche, ergibt sich 
gegenüber Freuds bekannter Zusammenfassung 3 eine neuartige und, wie ich 
hoffe, klärende Darstellung: 

1. Es bleibt zu Recht bestehen, daß die Identifizierung die „Ursprung* 
lichste Form der Gefühlsbindung an ein Objekt" ist. 

2. Entsprechend der Ambivalenz aller Gefühlsbindungen spaltet sich auch 
die Identifizierungstendenz in zweierlei entgegengesetzt gerichtete Media* 
nismen, indem sie entweder wie in der Verliebtheit das Subjekt verleitet, 
passiv im Objekt aufzugehen, oder^aber (als bisher bekannte Introjektion) 
aktiv das Objekt aufzusaugen. Ich würde also nicht mehr sagen, daß die 
Identifizierung „auf regressivem Wege zum Ersatz für eine libidinöse Ob* 
jektbindung wird" (Freud), sondern daß der in der libidinösen Objekt* 
bindung vorherrschende Mechanismus der passiven Identifizierung u m* 
schlägt in denjenigen der aktiven. Der Umschlag erfolgt wohl regel* 
mäßig als Reaktion auf eine Versagung. 

3. Es kann auch nicht mehr heißen, daß die Identifizierung „bei jeder neu 
wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der 
Sexualtriebe ist, entstehen kann" (Freud), sondern es ist so, daß jede neu 
wahrgenommene Gemeinsamkeit schon Ausdruck und Resultat der von An* 
fang an vorhandenen Identifizierung ist, die dem „Objekt der Sexualtriebe" 
gegenüber — wenn auch mit anderem Mechanismus sich manifestierend — 
mit derselben unverminderten Intensität fortbesteht wie gegenüber dem 
„desexualisierten Objekt". 



8) op. cit, S. 306. 



30 Gustav Hans Graber 



1 



find 






i I 



4. Auch die schwierige Frage, welche unterschiedliche Beziehung zwischen 
Objekt, Ich und Ich^Ideal oder Übersieh bei der Verliebtheit und der Identi* 
fizierung besteht, dürfte bei unserer Betrachtungsweise nun eine Klärung 



en: 



Als Freud schließlich den Satz aufstellte, daß sich bei der Verliebtheit 
das Objekt an Stelle des Ich*Ideals gesetzt habe, äußerte er, es wäre „nun 
leicht", den Unterschied gegenüber der Identifizierung zu beschreiben, indem 
das Ich in jener verarme, in dieser sich „um die Eigenschaften des Objektes 
bereichere". Aber er war davon wenig befriedigt, merkte wohl, daß mit der 
Einbeziehung des Ich*Ideals die Frage eher komplizierter wurde, und gab 
schließlich nach zwei weiteren Darstellungsversuchen zum Schluß die in der 
ersterwähnten Auffassung angedeutete Formulierung. 

Die Stelle, die das stete Ringen des großen Forschers um letzte Klärung 
wiederspiegelt, wirft Probleme auf, deren Lösung wir uns nun einen Schritt 
zu nähern versuchen. Ich zitiere: 9 ! 

„Das Objekt hat sich" (bei der Verliebtheit) „an die Stelle des 
Ich*Ideals gesetzt. Der Unterschied der Identifizierung von der Ver* 
liebtheit in ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszination, verliebte Hörig* 
keit heißt, ist nun leicht zu beschreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um 
die Eigenschaften des Objektes bereichert, sich dasselbe nach Ferenczis Aus» 
druck introjiziert; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hin* 
gegeben, dasselbe an die Stelle seines wichtigsten Bestandteiles gesetzt. Indes 
merkt man bei näherer Erwägung bald, daß eine solche Darstellung Gegensätze 
vorspiegelt, die nicht bestehen. Es handelt sich ökonomisch nicht um Verarmung 
oder Bereicherung, man kann auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, daß 
das Ich sich das Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unter* 
Scheidung eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist das Objekt ver* 
lorengegangen oder aufgegeben worden; es wird dann im Ich wieder aufge* 
richtet, das Ich verändert sich partiell nach dem Vorbild des verlorenen Ob* 
jektes. Im anderen Falle ist das Objekt erhalten geblieben und wird als solches 
von seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber auch hiegegen erhebt sich 
ein Bedenken. Steht es denn fest, daß die Identifizierung das Aufgeben der Ob* 
jektbesetzung voraussetzt, kann es nicht Identifizierung bei erhaltenem Objekt 
geben? Und ehe wir uns in die Diskussion dieser heiklen Frage einlassen, kann 
uns bereits die Einsicht aufdämmern, daß eine andere Alternative das Wesen 
dieses Sachverhaltes in sich faßt, nämlich ob das Objekt an die Stelle 
des Ichs oder des Ich*Ideals gesetzt wird." 

Soweit Freud. Wenn wir uns nun vorerst vergegenwärtigen, daß das 
Übersieh selbst bereits Niederschlag von Identifizierungen ist, daß sogar 
auch das Ich im wesentlichen — ja vielleicht überhaupt — seine Entstehung 
den Identifizierungen verdankt, dann ahnen wir die Schwierigkeiten, die sich 
einer erschöpfenden metapsychologischen Darstellung entgegenstellen: 

9) op. cit., S. 313 f. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 31 

Vorerst das topisch*dynamische: in der Verliebtheit — wie ahn* 
lieh in jeder Liebesbeziehung — wird vornehmlich durch den Mechanismus 
der passiven Identifizierung das Übersieh und teilweise auch das Ich in 
das Objekt versetzt, d. h. es werden durch diesen Akt die früheren im Über«« 
Ich, partiell aber auch die im Ich konservierten und meist unbewußt wirk* 
samen Identifizierungen von den aktuellen mit dem realen Objekt abgelöst. 
Das Objekt tritt also an ihre Stelle, und somit ist ebenfalls berechtigt zu 
sagen, daß in der Verliebtheit „das Ich sich" (wenigstens zu einem Teil) 
„das Objekt introjiziert" hat. Der Mechanismus der aktiven Identifizierung 
macht sich wie eine Ergänzung in ihr geltend, spielt also eine weniger ge* 
wichtige und offensichtliche Rolle. Wir erkennen demnach, daß tatsächlich 
die Verliebtheit ein Identifizierungsakt bei erhaltenem Objekt ist, 10 und zwar 
ein vollständiger, d. h. einer, bei dem beide Identifizierungsmecha* 
nismen (primär der passive und sekundär der aktive) in Tätigkeit treten. 

Bei der Identifizierung oder Introjektion, wie sie uns bisher bekannt war, 
— also nach realem Objektverlust — wird vorherrschend durch den Mecha* 
nismus der aktiven Identifizierung das Objekt ins Ich introjiziert, während 
das Übersieh seine alte Herrschaft, wenig oder gar nicht verändert, weiter 
ausübt. Dagegen versucht das Ich mittels der Projektion, sich des neuen 
Introjekts, das bereits Ichcharakter trägt, zu entledigen und es ins Objekt 
zurückzuversetzen, d. h. der Mechanismus der Projektion entpuppt sich so« 
mit als eine Art verkappter Mechanismus passiver Identifizierung. Und 
so ergibt sich die Tatsache, daß auch der uns bisher bekannte Identifizier 
rungsakt (Introjektion) ein vollständiger ist, d. h. primär den aktiven, 
aber sekundär auch den passiven Mechanismus benötigt. Der Begriff 
der Identifizierung hat somit eine starke Erweiterung 
erfahren. 

ökonomisch gesehen, ergibt sich mir eine Darstellung, die der an* 
fänglich von Freud aufgestellten entgegengesetzt ist: es kann nicht stimmen, 
daß in der Verliebtheit das Ich „verarmt", daß das Objekt „schließlich in 
den Besitz der gesamten Selbstliebe des Ichs gelangt, so daß dessen Selbst* 
Opferung zur natürlichen Konsequenz wird". Es entspricht ferner eher einer 
vielleicht intellektualistischen Betrachtungsweise als der Schilderung des tat* 
sächlichen Erlebens der Verliebtheit, wenn Freud dazu sagt: „Das Objekt 
hat das Ich sozusagen aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung des Nar* 
zißmus, Selbstschädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden." 
Diese ökonomische Darstellungsweise widerspricht meiner, aber auch 

10) Ähnlich schildert übrigens Freud den Sachverhalt für die hysterische oder 
wie sie später bezeichnet wurde, partielle Identifizierung, bei der die Objektbesetzung 
bestehen und — wenn auch nur beschränkt — wirksam bleibt. 



32 Gustav Hans Graber 



::! 



Freuds eigener Ausführung, wonach das Objekt sich an Stelle des Ich* 
Ideals setzt, das Ich also dadurch von der „Summe aller Einschränkungen" 
befreit wird und das „großartige Fest" der Befreiung feiert, das Fest der 
unendlichen Bereicherung, dessen Freuden es mit dem Objekt teilt, in 
welchem seinerseits ein ebenso vom Übersieh befreites Ich triumphiert. Denn 
es ist in Wirklichkeit doch nicht so, daß das Objekt der Verliebtheit etwa 
auch so grausam wäre wie das Übersieh, im Gegenteil, es gewährt und be* 
reitet dem Verliebten alle Freiheiten und Genüsse. 

Umgekehrt bedeutet ökonomisch die Identifizierung (Introjektion) nach 
realem Objektverlust nicht eine Bereicherung des Ichs „um die Eigen* 
Schäften des Objekts", sondern eine Belastung. Das Ich fühlt sich durch 
die neue Identifizierung, die bei Wegfall des realen Objektes und bei unver* 
minderter Herrschaft des Über*Ichs sich den früheren Identifizierungsnieder* 
schlagen beigesellt und mehr und mehr Über*Ich*Charakter erhält, einge* 
schränkt und muß entsprechend dem Übersieh eine noch größere Tyran* 
nei einräumen. 

Bevor ich nun nach erfolgter Problemstellung empirisch an Hand einiger 
Beispiele auf Formen und Funktionen der passiven Identifizierung ein* 
gehe, ist es überleitend noch notwendig, einige Stellen aus der psychoanaly* 
tischen Literatur der letzten Zeit zu erwähnen, die, wie bereits vermerkt, sich 
meiner Auffassung nähern. 

Schon in seiner Genitaltheorie sprach Ferenczi 11 von der „Identi* 
fizierung der sich Begatten den" und beschrieb den Vorgang beim 
Manne so, daß das Glied „als Miniatur des ganzen Ichs" nach stattgehabter 
Identifizierung mit der Frau durch Streicheln, Umarmen usw. — was einer 
„Introjektion der Organe des Weibes" gleichkomme — sehr wohl dem frem* 
den Körper nun anvertraut werden könne. 

Gerade der Begattungsakt wird uns jedoch nach Kenntnis des Media* 
nismus der passiven Identifizierung viel verständlicher: Der sich mit 
seinem Gliede und — was auch Ferenczi erwähnt — mit seinem Genital* 
sekret identifizierende Mann versetzt sich mit beiden in die Frau hinein, und 
so gelingt ihm gerade durch diesen Akt am vollkommensten die passive Iden* 
tifizierung mit ihr. Andererseits müssen wir annehmen, daß bei der Frau im 
Begattungsakt die aktive Identifizierung die Hauptrolle spielt, nimmt sie 
doch den Mann in sich auf. 

Ebenfalls in seiner Anwendung auf den Vorgang der libidinösen Objekt* 
bindung postuliert Alice B ä I i n t 12 eine Erweiterung des Begriffes der Iden* 

ii) Versuch einer Genitaltheorie. Int. Psa. Verlag, Wien, 1924, S. 23 f. 

12) Die Psychoanalyse des Kinderzimmers. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. VI, 1932, S. 103— 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 33 

tifizierung über Freud hinaus, indem sie die „identifizierende Denkweise 
in ihrem Wesen als mit dem Narzißmus verwandt" glaubt. Die Identifizier 
rung bildet für sie „jene Brücke, die von der nackten Selbstliebe zum Liebge* 
winnen der Realität hinüberleitet", oder, mit ihrer anderen Formulierung, 
„die gemeinsame Grundlage des Lebens und des Verstehens ist die IdentL* 
fizierung, ohne die beides unmöglich wäre". Alice Balint versucht, von 
dieser Feststellung ausgehend, den Unterschied zwischen Liebhaben und 
Identifizierung herauszufinden, kommt dabei aber nicht über die F r e u d sehe 
Darstellung hinaus. Sie erkennt nicht, in welcher Weise die Identifizierung 
sich im Liebhaben äußert. 

Dagegen sucht Hoffmann in seiner vor Jahresfrist erschienenen intern 
essanten Arbeit über „Projektion und Ich^Entwicklung" 13 die Vorgänge bei 
der primären Identifizierung auf der Stufe des Frühs=Ichs zu schildern und 
kommt dabei meinem Gedankengang am nächsten. Er schreibt: „Die primäre 
Identifizierung ist stets eine totale, da auf dieser Früh^Stufe das Individuum 
stets als Ganzes reagieren muß. Das Objekt wahrnehmen, bedeutet... 
fürdasKindBefreiungvonGefahr, d. h. vonübe rgroßerBe* 
dürfnisspannung und, nachdem dies geschehen ist, Zürückver* 
setzung in den maximal^lustv ollen Vorgang des Intra* 
u t e r i n = L e b e n s. Das Objekt sich vorstellen, bedeutet das gleiche, denn 
zu dieser Zeit haben die Vorstellungen noch Wirklichkeitswert . . . Sich 
die Mutter vorstellen, bedeutet: sich eine Lust vorstellen . . . sich eine 
Lust vorstellen, bedeutet: sich totale, bezw. maximale Lust vorstellen . . . 
totale Lust sich vorstellen, bedeutet: totale Lust fühlen . . . totale Lust 
fühlen, bedeutet: die gesamte narzißtische Libido befriedigt zu haben, be* 
deutet somit: als Ganzes sich als lustvolles Subjekt fühlen . . . das 
Objekt sich vorstellen, bedeutet: sein Ich — das Früh^Ich — als lust* 
volles Subjekt fühlen." 

Ohne daß Hoffmann die theoretischen Erwägungen stellt, schildert er 
doch hier — als zur primären Identifizierung gehörig — nicht nur den Media* 
nismus der passiven Identifizierung, sondern er setzt darüber hinaus — frei* 
lieh ohne sich dieser Zusammenhänge voll bewußt zu sein — Wahr* 
nehmen und Vorstellen auf dieser Stufe mit Identifizieren gleich. 
Ich werde später versuchen, einiges zur Evidenz dieser Gleichung beizu* 
steuern ; sie muß, da die Mechanismen auf der Stufe des Früh*Ichs auch später 
wirksam bleiben, deshalb auch im differenzierten Denken des Erwachsenen 
nachweisbar sein, d. h. auch dieses muß wohl als ein Zusammenwirken von 

13) Ernst Paul Hoffmann: Projektion und Ich*Entwicklung, Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXI, 1935, S. 355. 

Ima B o XXIII/1 3 



34 Gustav Hans Graber 



innerer und äußerer Wahrnehmung im Grunde auf ein stetes Identifizieren 
reduzierbar sein. ' 

II. 

Wenn ich mir nun vorerst die Aufgabe stelle, aus den verschiedensten; 
psychischen Gebieten des Lebens, der Wissenschaft, Kunst usw. an Hand 
von Beispielen die passive Identifizierung, ihren Mechanismus und ihre 
Formen aufzuzeigen, dann muß ich Sie um Nachsicht bitten, denn ich werde 
ihr nur programmatisch, also nur in sehr bescheidenem Maße, gerecht wer* 
den können. Ich will bei dem Streifzug durch Folklore, Dichtung, Traum* 
material, Äußerungen von Patienten, Sprachgebrauch usw. mit dem letzteren 
beginnen. 

Wir haben längst gelernt, den Sprachgebrauch als symbolische Aus* 
drucksweise uralter, stets sich wiederholender Erlebnisse, als einen Nieder* 
schlag der Phylogenie und damit als stets von neuem wieder zu erkennende 
Wirklichkeit zu betrachten. Zu den bereits erwähnten Begriffen des sich ins 
Objekt Hineinfühlens, Hineinversetzens, Hineindenkens, die das Dyna* 
mische der Intuition und passiven Identifizierung wiedergeben, gesellt sich 
eine Menge verwandter: man spricht von „in jemandem aufgehen", „im Werk 
aufgehen", „sich in die Seele des andern, in eine Sache, ein Objekt ver= 
tiefen", „sich hineingrahen", sich hingehen' ', „ins Innere des andern ver= 
senken' usw. Hören wir z. B., welche Ausdrucksweise Jung 14 und, ihn 
zitierend, Worringer gebrauchen: „Indem der Einfühlende aber seine 
Tätigkeit, sein Leben in das Objekt einfühlt, so begibt er sich damit ebenfalls 
ins Objekt, insofern der eingefühlte Inhalt einen wesentlichen Teil des Sub* 
jektes darstellt. Er wird zum Objekt, er identifiziert sich damit und kommt 
auf diese Weise von sich selbst los. Indem er sich objektiviert, entsubjek* 
tiviert er sich". Worringer sagt: „Indem wir aber diesen Tätigkeitswillen 
in ein anderes Objekt einfühlen, sind wir in dem andern Objekt. Wir sind 
von unserm individuellen Sein erlöst, solange wir mit unserm Erlebensdrang 
in ein äußeres Objekt, in einer äußeren Form aufgehen." 

Mit etwas verächtlichem Unterton hört man etwa: „der schlüpft ja form* 
lieh" (vulgär per anum) „in den anderen hinein", und gelegentlich kann man 
hören: „Ich bin in jemand hinein verliebt". Manchmal verrät aber die Aus.* 
drucksweise auch einen Unterton von Aggression, wohl meist dann, 
wenn seitens des Objektes die Aufnahmebereitschaft den Wünschen der Hin* 
gäbe nicht entgegenkommt. So schrieb mir kürzlich eine Kollegin nach ihrem 
Urlaub: „Ich habe mich gleich sehr in meine Patienten gestürzt, als ich von 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 35 

der Reise kam". Sicher ist es ebenfalls auf ein Versagen seitens des Objektes 
zurückzuführen, wenn man gewaltsam in dasselbe hineindringen will; wie 
überhaupt aufmerksame Beobachtung lehrt, daß die Versagung seitens des 
Objektes nicht — wie wir bisher annahmen — unbedingt den Mechanismus 
der aktiven Identifizierung auslösen muß, sondern es kann die im Subjekt 
reaktiv aufwallende Aggression sich auch im Mechanismus der passiven 
Identifizierung äußern, und zwar etwa indem Sinne, wie sich eine Patientin 
mir gegenüber ausdrückte: „Jetzt grad zu Leid! Sind Sie nicht willig, sich 
mir zu erschließen, dann brauche ich eben Gewalt und werde in Sie ein* 
dringen." Umgekehrt erwarten die Patienten eigentlich stets, daß der Analy* 
tiker sich in sie hineindenke, ja es wirkt gerade diese Haltung sehr oft als 
stärkster Widerstand. So äußerte sich mir gegenüber eine andere Patientin, 
die sich zu Anfang der Analyse heftigst gegen das Gebot des freien Einfalls 
wehrte, sehr energisch, aggressiv und ärgerlich — wobei ihr allerdings ein 
bedeutsames Versprechen unterlief — : „So denken Sie sich doch einmal 
richtig in mich hinein! Wie wollen Sie mich denn sonst verstehen! Dringen 
Sie in mich ein, fragen Sie mich, dann werde ich mich Ihnen keinesfalls er-- 
schließen !" 

Bei den angeführten Beispielen sprachlicher Ausdrücke für die passive 
Identifizierung handelt es sich durchwegs um ein totales Einverleibtwerden 
des Subjektes, also um eine „totale" 16 Identifizierung. Das gilt auch für 
jene Redewendungen, bei denen etwa nur ein Körperteil des Objektes in 
Frage kommt, wie „jemandem im Kopf sitzen", „von jemandem ins Herz 
geschlossen werden", „jemandem auf dem Magen, im Sinn oder in den Ohren 
liegen". Die partielle Identifizierung beansprucht den passiven Mecha* 
nismus ebenso in Redewendungen wie „sein Herz, seinen Kopf verlieren" 
usw. Im übrigen sahen wir, daß das Sich=Introjizieren wie bei der aktiven 
Identifizierung nicht ausschließlich den oralen Weg gehen muß, sondern 
ebenfalls durch andere Körperöffnungen, wie Nase, Augen, Ohren, Geni* 
talien, After, Haut usw. erfolgen kann. 

Eine häufige Redewendung, die unsere besondere Aufmerksamkeit ver* 
dient und die zugleich die Betrachtung auf folkloristische Daten über* 
leitet, sei noch erwähnt: Wenn wir Patienten auf ihre Abwehrmechanismen 
aufmerksam machen, erhalten wir gelegentlich zur Antwort: „Ich kann doch 
nicht aus meiner Haut heraus", oder: „Es ist zum aus*der*Haut*fajhren", 
oder: „Sie könnten auch nicht anders, wenn Sie in meiner Haut stecken 
würden!" Die Äußerungen erinnern uns an die alltäglichen Redewendungen: 

i5) „total" im herkömmlichen Sinn, so wie der Begriff für die aktive Identifi* 
zierung gebräuchlich war, zum Unterschied von meiner Darstellung der vollst» n* 
d i g e n Identifizierung mit beiden Mechanismen. 



3° Gustav Hans Graber 



„in der Haut des anderen stecken", „sich in der Haut des anderen fühlen", 
die tatsächlich einen ursprünglichsten Brauch mit passiver Identifizierung 
wiedergeben, den wir bereits im Totemismus vorfinden. 

Während Frazer im Totemismus lediglich die Identifizierung der an 

der Totemmahlzeit Teilnehmenden mit dem Totem sah, versuchte Freud 

den tieferen Sinn der Identifizierung bewußt zu machen, wobei er zwar 

auch hier schon seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem Mechanismus der 

aktiven Identifizierung, d. h. dem Verzehren des Totems zuwandte und 

die vorausgegangene Identifizierung, die darin bestand, daß der 

Stammesgenosse, der an der Mahlzeit teilnahm, sich in die Haut des Totems 

steckte oder — je nach der Tiergattung — sich dessen Hörner, Federn usw. 

aufsetzte, unberücksichtigt ließ. Der Primitive versetzt sich also gleichsam 

in das Totemtier hinein und symbolisiert damit ein Gefressen* 

wordensein, d. h. er tätigt den Mechanismus der passiven Identifizierung, 

um auf diese Weise die Identität mit dem Totem bekunden zu können. Wir 

erkennen also auch in dem Ritus des Totemmahles die vollständige 

Identifizierung (passiv und aktiv), wobei es schwer fallen dürfte, festzu* 

stellen, ob die passive oder aktive Identifizierung primär wirksam ist. Man 

möchte allerdings annehmen, daß die passive Identifizierung vorausgeht, da 

sich die Stammesgenossen bereits vor der Mahlzeit in die Haut usw. des 

Tieres versetzen. Übrigens ist auch bei den von Freud erwähnten und mit 

dem Totemismus in Beziehung gebrachten Knaben, die an Tierphobien 

litten, das tatsächliche oder gefürchtete Gebissenwerden, hinter dem das Ge* 

fressenwerden steckt, die frühere Identifizierung. Indem also das Kind sich 

vom Tier unbewußt als aufgefressen erlebte, identifizierte es sich mit ihm und 

erst hernach aktivierte es den ganzen Vorgang, wollte nun auch seinerseits 

das Tier aufessen und ergänzte auf diese Weise die passive Identifizierung 

zur vollständigen. Der Mechanismus der passiven Identifizierung wird uns 

bei dem „kleinen Hahnemann" Ferenczis besonders deutlich vor Augen 

geführt: Ein Huhn beißt ihn in sein Glied oder schnappt danach. Wie er 

später wieder an den Ort des traumatischen Erlebnisses kommt, wird er 

selbst zum Huhn und gackert und kräht. Wie in der aktiven Identifizierung, 

so setzt sich auch hier das pars pro toto durch: Das Kind identifiziert ;sich 

mit seinem Glied, wähnt und glaubt dieses und damit sich selbst vom Huhn 

aufgefressen und wird dadurch selbst zum Huhn. 

^ Ein zehnjähriger Knabe, dessen Analyse seiner Gespensterangst ich kürz* 
lieh veröffentlichte, 16 litt seit seinem dritten Altersjahr an einer Schweine* 
phobie, die sich später zur Gespensterangst modifizierte. Er schlug in einem 



Die zweierlei Me chanismen der Identifizierung 37 

Traum den gefürditeten Eber tot, aß sein Fleisch, stopfte ihn aus, setzte 
sich dessen „Hörner" (gemeint sind die Hauer) auf und wurde im Traum 
hernach selbst zum kleinen Wildschwein, dem man nichts machen darf, weil 
es sonst auch schon auf einen losgehen könnte wie der alte Eber. 

In dem Kapitel „Tierphobien" aus meiner früheren Arbeit über die „Ambi* 
valenz des Kindes" 17 berichtete ich von einem anderen Knaben, der an einer 
Fuchsphobie litt und öfter träumte, daß er einen Fuchs erlegte, ihn gemeinsam 
mit Geschwistern und anderen Beteiligten schlachtete, briet, aufaß und sich 
aus dem Fell ein Paar Lederhosen verfertigte. 

Im Zusammenhang mit dem letzterwähnten Traum wies ich damals schon 
auf die zweierlei Identifizierungen, die sich ergänzen, hin. Daß in den 
Träumen beider Knaben im Gegensatz zu meinen vorausgehenden Ausfüh* 
rungen über die Totemmahlzeit die passive Identifizierung der aktiven 
folgt, kann damit begründet werden, daß der Traum als Wunscherfüllung 
die Aktivierung und Abwehr des einstigen traumatischen Erlebrrisses — des 
Gebissen* oder Gefressenwerdens — voranstellt und besonders hervorhebt. 
Die Tatsache, daß in dem einen der beiden Träume ein Junge aus dem 
Fell des von ihm geschlachteten und verzehrten Fuchses sich ein Paar Leder* 
hosen anfertigte, führt uns einen Schritt weiter zum Problem der Beklei* 
düng, Verkleidung, Maskierung usw. als Mittel und Ausdruck 
passiver Identifizierung. Ein „sich in das Kleid oder ein Kleidungsstück 
eines anderen stecken", wäre demnach — entsprechend dem Vorgang im 
Traum — gleichbedeutend mit „sich in die Haut des anderen versetzen" und 
dies wiederum gleichbedeutend mit „sich in den anderen versetzen", d. h. 
also als passive Identifizierung gleichbedeutend mit „der andere sein". Auch 
dafür hat der Sprachgebrauch Redewendungen geschaffen wie u. a. „Kleider 
machen Leute", „sich mit fremden Federn schmücken" u. a. m. Einem außer* 
ordentlich femininen, latent passiv homosexuellen jungen Mann unterlief 
bei den Einfällen zu einem Traum folgendes illustrative Versprechen: 

„Der Bube, den ich angehabt habe, hat mich selber erinnert . . ." Der 
Patient wollte sagen: „Der Bube, den ich angesehen und der eine Mütze ange* 
habt hat, wie ich sie als Kind trug, hat mich selber erinnert . . ." Im Ver* 
sprechen äußert sich die unbewußte Wunschregung, in der Mütze des 
Knaben, d. h. im Knaben selbst zu stecken, mit ihm so in passiver Identifizier 
rung eins zu werden. 

Im Märchen vom Rotkäppchen frißt der Wolf die Großmutter auf, zieht 
ihre Kleider an, setzt sich ihre Haube auf, legt sich in ihr Bett und täustht 
so das Rotkäppchen. Die Episode schildert die beiden Mechanismen der 

17) Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 






38 Gustav Hans Grab er 



vollständigen Identifizierung, das Auffressen und das Aufgefressensein, wo* 
mit das Märchen andeutet, daß Großmutter und Wolf im Grunde identisch 
sind, nämlich unbewußte Personifikationen der geliebten und der gehaßten 
(oder gefürchteten) Mutter. Rotkäppchen selbst erliegt der nunmehr bösen 
Mutter = Wolf gegenüber dem Zwang der passiven Identifizierung, ver* 
setzt sich in sie hinein, d. h. wird gefressen. Der Jäger, der eine Vaterfigur 
darstellt, löstdieldentifizierungenauf, versöhnt zwischen Mutter 
und Tochter und schaltet somit die aggressive und gehaßte Mutter aus, d. h. 
er läßt mit List den Wolf sich selbst umbringen. 

Das Rückgängigmachen der Identifizierungen als Er* 
lösungsvorgang finden wir in Märchen, Sagen und Legenden häufig. 
So berichtete ich in meiner Arbeit über Gotthelf „Die schwarze Spinne" 18 
von einem transsylvanischen Märchen, in dem ein Mädchen einem von einer 
Frau geborenen Ziegenbock das Fell abzieht und es verbrennt, worauf 
sich dieser in einen schönen Mann verwandelt, mit dem die Erlöserin Hoch* 
zeit feiert. Wie im Rotkäppchen ist es auch hier die passive Identifizier 
rung, die aufgehoben wird. Wir wissen, daß der Heilungsvorgang in 
der Analyse eine große Verwandschaft zeigt, indem ebenfalls alte Fixie* 
rungen, die immer zugleich Identifizierungen sind, sich auflösen. Bisher haben 
wir jedoch in der psychoanalytischen Therapie unser Augenmerk wohl aus* 
schließlich der Auflösung aktiver Identifizierungen — d. h. dem Her* 
geben des Introjekts — zugewandt. Wir werden an einigen Beispielen sehen, 
daß das Sichbefreien aus der Umhüllung, Verkleidung, Maskierung — also 
gleichsam das Geborenwerden aus dem Körper der Person, mit der die pas* 
sive Identifizierung vollzogen wurde — eine ebenso wichtige, wahrscheinlich 
sogar wichtigere Rolle spielt. 

Die Frage drängt sich auf, ob und wie weitgehend in der Menschheits* 
entwicklung das Bekleiden, der Körperschmuck und die Maskierung ihre 
Bedeutung, ja ihren Ursprung dem Mechanismus der passiven Identifizie* 
rung verdanken, wissen wir doch, daß bei Urvölkern nicht nur das Fell, 
Zähne, Federn, Hörner usw. des Totemtieres dem Vorgang der Identifizier 
rung dienten, sondern auch Körperteile des erlegten Feindes, wie Haare, 
Skalp, Zähne, Nägel usw., die aufgesetzt oder umgehängt wurden. Später 
werden die Körperteile ersetzt durch Schmuck, Kleidung und Bewaffnung, 
die der Sieger sich aneignet, anzieht oder umhängt. 

Von hier aus leitet ein Gedanke der Analogie zum besseren Verständnis 
des Transvestitismus über. Der Wunsch, das andere Geschlecht zu 
vertreten, führt zum Mechanismus der passiven Identifizierung: sich in das 



18) Imago, Bd. XI, 1925. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 



39 



Kleid oder ein Kleidungsstück der Person des anderen Geschlechts zu ver* 
setzen, um auf diese Weise in ihr darinnen zu sein, mit ihr eins zu werden 
und entsprechend ein Mann oder eine Frau zu sein. Wenn der Schuhfetischist 
den Frauenschuh liebt und bewundert, bewundert er unbewußt in ihm die 
Frau selbst, und wenn er zwangsweise immer wieder den Schuh anzieht, damit 
auf die Straße geht, um sich bewundern zu lassen, 19 identifiziert er sich passiv 
mit der Frau selbst, steckt wie in ihrem Schuh gleichsam auch in ihrer Haut, 
ist sie selbst und läßt sich nun als Frau bewundern. So wie bei der aktiven 
Identifizierung häufig nur Teile des Objektes für das Ganze introjiziert 
werden, so introjiziert sich das Subjekt bei der passiven Identifizierung oft 
ebenfalls nur in Teile des Objekts, die aber immer auch für das Ganze 
gelten. Es kann jedoch auch der andere Fall eintreten, daß das Subjekt sich 
selbst nur partiell in das Objekt versetzt. 

Neben Körperteilen, Kleidung oder Kleidungsstücken kann das pars pro 
toto auch so Ausdruck finden, daß Sprache, Gesang, Geruch, Exkremente, 
Urin, Blick usw. für die Person stehen: 

Eine Patientin, die vor dem Klimakterium stand, hatte seit frühester Kind* 
heit ihren höchsten, nie erfüllbaren, fiktiven Lebensplan darin gesehen, singen 
zu können, um mit der S t i m m e in das Herz des Vaters zu dringen, sich 
auf diese Weise ganz in ihn hineinzuzaubern, um ihn zu ge* 
winnen, mit ihm eins zu werden. Beeindruckt von dieser obersten Leitidee, 
wurde das ganze Tun und Lassen der Patientin Zeit ihres Lebens Ausdruck 
immer sich wiederholender Versuche ihrer Verwirklichung. Die Frau erhielt 
so ihr bestimmtes Gepräge und wurde zum ausgesprochenen Typus pas* 
siver Identifizierung, über den wir später noch hören werden. 

Eine andere Patientin, die in der Ehe seit Jahren an zähestem Vaginismus 
litt, in der Analyse längere Zeit hartnäckig Vorstellungen und Träume produ* 
zierte, in denen sie meinen Penis mit dem Munde oder der Vagina abbiß und 
verschluckte, sah eines Tages, als ihr diese Zusammenhänge schon ordent* 
lieh bewußt geworden waren, im Korridor meinen Mantel hängen, berührte 
ihn mit dem Gesicht und atmete seinen und damit meinen Geruch ein. Am 
folgenden Tage behauptete sie, sie habe den Geruch seitdem immer i n s i c h 
gehabt, aber sie müsse gestehen, es sei ihr, als hätte sie ein schlechtes Ge* 
wissen, als hätte sie etwas weggenommen. Die inspiratorische Introjektion 
meines Mantels als Penissymbol und damit als Ersatz für mich selbst, ist 
unverkennbar. Interessant jedoch ist, daß die Patientin nach der Deutung am 
folgenden Tage eine Geruchshalluzination produzierte: Sie berichtete, als sie 
von der Analyse nach Hause gekommen sei (die Patientin hat eine Stunde 

ig) Siehe z. B. den Fall von Bunker: The Voice as (female) Phallus, Psa. Quarterly, 
Bd. III, S. 3. 



40 Gustav Hans Graber 



Weg), sei ihr plötzlich der Geruch von meinem Zimmer und mir „entgegen* 
geflogen". Darauf sei sie „ganz in dem Geruch drin gewesen, wie 
von ihm und mir umgeben", und als sie ihre Kleider danach unter* 
suchte, hätten auch die nach mir gerochen. Wir sehen, wie in dem beschrie* 
benen Prozeß die als Aggression erkannte und deshalb abgewehrte 
aktive Identifizierung in den Mechanismus der passiven umschlägt, wobei 
der Geruch die Person vertritt. 

Wieder ein anderer meiner Patienten, ein tuberkulöser, wegen einer 
Gonorrhöe unfruchtbar gewordener junger Mann mit der Struktur eines aus* 
gesprochen passiv Homosexuellen und eines manifesten Masochisten, war 
zeitlebens völlig vom Zwang der passiven Identifizierung mit der ernied* 
rigten Frau, hauptsächlich der Dirne, beherrscht. Vorstellungen wie: sich 
wegschmeißen, der Hund im Schöße der Frau sein, mit dem Penis, der 
Zunge, den Fingern, den Zehen usw. oder auch gänzlich in sie hinein* 
schlüpfen, verfolgten ihn dauernd. Ähnliche Träume wie der folgende waren 
nicht selten: 

Ich greife einer Frau unter den Rock an den After, dann macht sie 
vorne das Kleid auseinander. Ihr Körper ist nun von oben bis unten eine 
große Falte. Idi schneide ein Gesicht, aber sie sagt: das wird sauber ge* 
waschen, dann kannst du dich da hineinlegen und ich klappe die Falte 
über dir zu. Ich tat es. 

In der Selbsterniedrigung waren Kot und Urin für ihn unbewußt mit 
der Dirne identisch. Es ergaben sich öfter lustbetonte Phantasien, in denen 
Dirnen in eine Badewanne urinieren und exkrementieren und er sich da 
hineinlegt, um sich ihnen ganz zu unterwerfen, in ihnen aufzugehen, 
zu werden wie sie. Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß bei diesem Patienten 
die passive Identifizierung den Eindruck einer Reaktionsbildung 
hinterläßt, und zwar als Ausdruck abzuwehrender schwerer Aggres* 
sionen gegen das weibliche Geschlecht. 

Die beiden letzterwähnten Fälle lenken die Aufmerksamkeit auf den Zu* 
sammenhang von Aggressionstrieb und passiver Identifizierung und 
sind bereits Beispiele dafür, daß der Liebestrieb ebensowenig alleiniger An* 
trieb für den Mechanismus passiver Identifizierung sein kann wie die Aggres* 
sion für denjenigen der aktiven. Sofern wir darauf zu achten gelernt haben, 
begegnet uns die reaktive passive Identifizierung als Abwehr der aktiven 
und der damit verbundenen Aggression in der Pathogenie sehr häufig, ist 
automatisch als Wendung ins Passive und gegen das Ich vom M a s o c h i s* 
mus begleitet und äußert sich als aufdringliche Überzärtlichkeit, als Mit* 
leid, als dauernd sorgende und pflegende Einstellung, als jener Altruismus, 
dessen Verfechter sich selbst dem anderen zuliebe aufgeben und in ihm auf* 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 41 

gehen will. Die beschriebene Objekteinstellung hemmt oder verhindert natura 
Üch eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung : äußerlich besteht die Unfähig* 
keit, sich dem fixierenden Zwang der passiven Identifizierung und Unter* 
Stellung zu entziehen, während innerlich — meist unbewußt — die Rebellion 
dagegen tobt und der Drang nach Vernichtung des Objektes fortbesteht, wo* 
bei zwangsläufig in der passiven Identifizierung als Reaktionsbildung die 
Wiederkehr des Abgewehrten, nämlich versteckte Aggressionen, sich hervor* 
wagen. Nach meinen Beobachtungen ließe es sich rechtfertigen, von einem 
pathogenen Typ reaktiver passiver Identifizierung zu sprechen, wie über* 
haupt die Charakterologie vom Gesichtspunkt der Identifizierungsmecha* 
nismen aus gesehen eine Bereicherung der Einsichten erfährt. 

Hören wir jedoch zunächst noch drei Beispiele von passiver Identifizierung 
als aggressivem Akt: 

Ambivalent, als Gemisch von realisiertem Liebesanspruch und Aggression, 
war die Äußerung der dreijährigen Lotte, eines kleinen „Struwwelpeters" 20 , 
deren Analyse ich kürzlich veröffentlichte: Gegen Ende der Behandlung 
birgt eines Abends die kleinere und früher gehaßte Schwester Tru de ihren 
Kopf im Schöße der Mutter. Lotte kommt dazu und schimpft: „Ja, schlupf 
du nur in die Mama rein, dann schlupf ich in dich rein und mit dir in die 
Mama rein!" Ich schrieb damals: „Über den Weg radikalen Siche'inverleibens 
findet Lotte in der Mutteridentifizierung die verlorene Liebe zur Mutter und 
damit auch zur bisher gehaßten Trude wieder" und würde heute ergänzen, 
daß auch die Schwester auf dem Weg der passiven Identifizierung liebge* 
wonnen wurde, wenn auch im erwähnten Ausspruch noch der Unterton der 
Aggression mitschwang. 

Ebenfalls ambivalent, aber doch schon sehr viel deutlicher aggresiv war 
das Verhalten einer Patientin mit ausgeprägt und vorherrschend melancho* 
lischen Mechanismen: Eines Tages brachte sie in die Analyse ein kleines 
Marzipanschweinchen und stellte es schweigend mit deutlich provozierender 
Gebärde vor mich hin, sprach jedoch nichts darüber. Als ich sie schließlich 
fragte, was sie damit bezweckte, wurde sie vorerst ausfällig im Ton und ver* 
langte: „Sie sollen die Sau schlucken! Das bin ich. Ja, ich bin so ein Schwein. 
Und dann geschieht es Ihnen ganz recht, wenn Sie die Schweinerei im Bauch 
drin haben müssen". Nach einiger Zeit aber fügte sie, wohl den Identifizie* 
rungsvorgang erkennend, mit weicher Stimme bei: „Dann sollen Sie mich 
wieder zur Welt bringen, aber so wie Sie sind, so gut." Ich lernte an diesem 
Fall noch ein Übriges, daß nämlich auch bei der Melancholie nicht aus* 
schließlich der Mechanismus der Introjektion den Patienten beherrscht, - 



20) „Lotte" — ein kleiner Struwwelpeter, Psyche, Jahrg. 1935, Nr. 12. 



dies weniger aus dem erwähnten Vorkommnis, das ja deutlich den Charakter 
eines Heilungsversuches zeigt, erkennend, als vielmehr daran, daß die Pa* 
tientin oft und oft klagte, sie müßte sich immer gegen das „Hinein* 
sacken" wehren, das Sich*völlig* Verlieren im anderen. 

Das dritte Beispiel aggressiver passiver Identifizierung, die sich hier mehr 
als Aktivierung des vorher aus Schuldgefühlen masochistisch erlebten Mecha* 
nismus manifestiert, betrifft einen manisch-depressiven Neurotiker, der sich 
immer wieder als kleines Kind erlebte und schuldbeladen in Abwehr seiner 
Sadismen der Frau möglichst alles zuliebe tat. Er brauchte dabei oft den 
Ausdruck, er müsse ganz in sie hineinschlüpfen. Als er die Zusammenhänge 
mit seiner Mutteridentifizierung und der Fixierung an sie zu erkennen be* 
gann, schilderte er dies mit folgenden Worten: „Meine Mutter hat mich stets 
nur als ihr Spielzeug oder, besser noch, als ihren Penis behandelt. Ich habe 
sie deshalb gehaßt, aber das Schuldgefühl zwang mich wohl zur Identifizier 
rung, mich ganz in sie einzufügen, ja in sie hineinzuschlüpfen, ihren Wünschen 
gefällig zu sein und als ihr Penis in ihr drin ihr Lust zu verschaffen." Tat* 
sächlich stellte in der geschlechtlichen Beziehung zu seiner Frau der Gedanke, 
i h r Lust zu verschaffen, das eigene Begehren in den Schatten, verminderte 
die eigene Befriedigung oder schaltete sie völlig aus. Nach dieser Einsicht 
und im Zusammenhang neu auftauchender Kindheitserinnerungen brach 
dann in der Übertragung die Aggression durch, und zwar immer noch im 
Mechanismus der passiven Identifizierung. Bei einem Zornausbruch äußerte 
Patient zu mir: „Ich möchte so in Sie hineinfahren, wie ein Penis in eine Frau 
und möchte in Ihnen drin wüten." 

_ Die Identifizierung mit dem Penis bewirkt übrigens, daß der passive Identi* 
fizierungsmechanismus beim Manne häufiger auftritt und sich intensiver aus* 
wirkt als bei der Frau. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum es weniger 
impotente Männer gibt als frigide Frauen. Meist verknüpft sich mit der Vor* 
Stellung, als Penis in sie zu gelangen, die uns bekannte, die Frau auf diese 
Weise mit einem Penis auszustatten und so der Kastrationsangst entgegenzu* 
wirken. Aber auch von der Frau aus gesehen verstehen wir, daß ihre orga* 
nisch*biologische Gegebenheit sie vornehmlich zum Objekt der passiven 
Identifizierung ^prädestiniert, da der Mechanismus mit der Mutterleibsregres* 
sion identisch ist. Wo wir Frauen als Typen ausgeprägter passiver Identi* 
fizierung begegnen, finden wir stets eine vorwiegend homosexuelle Fixie* 
rung. Natürlich wird, besonders in der Verliebtheit, auch der Mann Objekt 
passiver Identifizierung, wofür ich Ihnen noch ein Beispiel einer aus dem Er* 
lebnis erwachsenen Dichtung, der ich einige charakteristische Stellen ent* 
nehme, beifügen möchte, ein Beispiel, das uns übrigens in anschaulichster 
Weise den Wandel aus Liebesunfähigkeit und schwerster Depression, aus 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 43 

aktiver Identifizierung als einziger Objektbeziehung in die Verliebtheit, Ge* 
nesung und damit passive Identifizierung schildert: 21 

In den ersten Sonetten ringt die Dichterin noch mit ihrer Einsamkeit, ihrer 
Krankheit, mit den Zweifeln, den Aggressionen gegen den Geliebten, ja mit 
dem Tod. Im sechsten Sonett (VIII) bricht erstmals ihre Liebesbeziehung in 
Vorstellungen aktiver Identifizierung durch und beginnt die Zweifel zu 
zerstreuen: 

. . . mag Land um Land 

anwachsen zwischen uns, so muß doch dein 

Herz in dem meinen bleiben, doppelt schlagend, 

Und was ich tu und träume, schließt dich ein: 

so sind die Trauben überall im Wein . . . 

Ihre Liebe ist noch die der Nehmenden. Sie getraut sich die Kraft des Gebens 

noch nicht zu (XI): 

. . . wer andres nicht zu geben hat, der muß nicht Geber werden 
. . . Nichts geben will ich; unrecht wäre das . . . 

Aber immer mehr entwickelt sich ihr wahres Liebesgefühl und der innere 
Reichtum drängt zum Schenken. Bilder wie (XIV): 

. . . Denn deine Seele hob mich auf als eine Hinschwindende 
zu deinem Thron . . . 

künden schon die wachsende Fähigkeit der Hingabe, die Wandlung zum 
Mechanismus der passiven Identifizierung und damit zur echten Liebe, 
die nun immer innigere Worte findet. (Man beachte die Bilder passiver 
Identifizierung) : 

. . . Doch, in dich verloren, sehe ich die Liebe und der 

Liebe Ende . . . (XVII) 
... du kannst dich auch an meine Angst noch wagen 

und deinen Purpurmantel um mich schlagen, 

so daß mein Herz in deins gedrängt vergißt . . . (XVIII) 
. . . Geliebter, liebe mich, umgib mich ganz . . . (XXV) 

. . . Durch die eigne Schwere 

sinkt es (das Herz) in deine Tiefe, die wie Meere 

sich drüber schließen . . . (XXVII) 
. . .Ich sitz in deinem Blick . . . (XXXIII) 
... So tu auf und leid es, daß deine Taube flüchtet 

in dein Herz . . . (XXXVII). 

Bevor ich nun in einem letzten Abschnitt ergänzend und zusammenfassend 
die Beziehungen der Identifizierungen zu den Trieben und zur Wahrnehmung 

21) Elisabeth Barret^Browning: „Sonette aus dem Portugiesischen", Insel* Verlag, 
Leipzig. Die Dichtung war bereits Gegenstand analytischer Untersuchung in der Arbeit 
von Johanna Heimann: Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten, Imago, 
Bd. XXI, 1935, S. 227. 



Gustav Hans Graber 



beleuchte, gestatten Sie mir noch kurz einige Hinweise und Beispiele zur 
Frage der Charakterologie und Typisierung. Es ist unbestreitbar, 
daß frühe Identifizierungen charakterformende Wirkungen haben, daß das, 
was wir etwa als charakterliche Panzerung bezeichnen, weitgehend überein* 
stimmt mit jenem Zustand des „sich in der Haut des anderen fühlen" und 
daß, wenn Patienten klagen: „Ich kann doch nicht aus meiner Haut heraus", 
sie sich besser ausdrückten: „Ich kann nicht aus der Haut des anderen her*' 
aus." 22 Es ist im Rahmen dieser Arbeit nur andeutungsweise möglich, den 
pathologischen Typ der reaktiven passiven Identifizier 
rung zu beschreiben. Er zeichnet sich vor allem durch eine allgemeine Ge* 
hemmtheit aus und benimmt sich so, als ob er dauernd demonstrieren müßte: 
Ich kann doch nichts tun, ich bin doch nichts, denn ich bin ja in einem an- 
dern drin gefangen. Er zeigt ein aufdringliches Gebaren der Abhängigkeit und 
Unterwerfung, eine Vorliebe zum Sicheinschließen und Verkriechen, kann 
aber auch als Reaktion auf das Gefangensein die stereotype Gebärde des 
fanatischen Freiheitskämpfers bekunden. 

Ein junger Arzt, der an einer psychogenen Aspermie litt und der — als 
Reaktionsbildung gegen die einst seiner Mutter geltenden Aggressionen — 
sein höchstes Lebensziel darin erblickte, eine Frau zu sein, kämpfte dauernd 
mit der Angst — hinter der der Wunsch steckte — , von der geliebten Frau 
wie von einem Vampyr auf gesaugt zu werden, ganz in ihr zu ver* 
schwinden. Jede leiseste Regung einer Aggression gegen sie wehrte er 
stets sofort mit einer passiven Identifizierung ab. Er tat unter stetem Tränen* 
ström des Mitleids alles, was die Geliebte wollte, damit „alles in schönster 
Ordnung" bleibe. Wenn sie zur Bahn ging und ihn einen Tag allein ließ, 
fürchtete er, es könnte ihr etwas zustoßen, ein Unglück, Krieg könnte herein* 
brechen, Fliegerangriffe ihr Tod sein. Dann weinte er um die Ärmste und 
ermahnte sich, wenn sie zurückkäme, sich selber ganz aufzugeben, völlig 
in ihr aufzugehen, um sie zufrieden und glücklich zu machen. Und 
wenn ich ihn etwa in der Analyse auf seinen verborgenen Unwillen, seine 
Unzufriedenheit mit mir aufmerksam machte, dann weinte er ebenfalls und 
erklärte mir, wie freundlich ich sei und wie stolz er sei, daß er mir nicht 
gegenübertrete, daß er ganz in mein Lager komme, sich ganz in mir 
drin fühle. 

Wir sehen, die Sprache des reaktiv aus Schuldgefühlen an sein Liebesobjekt 
Gebundenen ist dieselbe wie die des Verliebten: Sie gibt der passiven Identi* 
fizierung Ausdruck. Das Resultat des libidinösen Erlebens aber ist ein an* 
deres: Hier Herabsetzung oder Ausschaltun g des Über*Ichs und damit ver* 

22) Als Buddha in das Nirwana einging, empfand er das Erlebnis so, als ob eine fremde 
nulle von ihm abgefallen sei. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 45 



banden das Glücksgefühl, dort aber ein Ausdruck seiner verstärkten Herr* 
schaft und damit Leiden. 

Eine 29jährige, unverheiratete Patientin, die sich selbst immer als lebenden 
Leichnam bezeichnete, stark frigid veranlangt war, „Todesanfälle" (von ihr 
so benannt) produzierte und immer wieder klagte, sie könne doch nicht aus 
ihrer Haut heraus, brachte eines Tages einen Traum, in dem sie die Gestalt 
eines Feuersalamanders hatte. Die Einfälle dazu ergaben das überraschende 
Ergebnis, daß sich die Patientin dauernd mit dem Penis ihres Vaters identi* 
fizierte und dem unbewußten Zwang unterlag, den gefährlichen väterlichen 
Penis und damit also sich selbst in die Mutter hineinzutun, damit er klein 
und ungefährlich werde. Dementsprechend schlugen alle ihre Vernichtungs* 
wünsche des Auffressens (aktive Identifizierung) immer sofort um in die 
masochistische Haltung des Gefressenwerdens (passive Identifizierung). Sie 
klagte stets, „eingekapselt" und „verschnürt" zu sein, und litt an schwersten 
Atemhemmungen. Eines Tages fiel ihr ein, daß die Haut, in der sie steckte, 
die Vorhaut sei. Sie sei also immer tot wie der schlaffe Penis. Das Er* 
wachen und Lebendigsein entspräche der Erektion, dem „Aus*der*Haut* 
treten". Aber gerade das mußte sie sich versagen, um selbst nicht so gefahr* 
voll zu werden, wie es einst der erigierte väterliche Penis war. 

Frauen mit vorherrschend passiver Identifizierung mit dem Manne er* 
scheinen in ihrem Gehaben nicht als Mannweiber, sondern zeigen eine große 
Passivität und Schein* Weiblichkeit, ähnlich der der von Frau H o r n e y be* 
schriebenen Fälle. 

Ein besonders typischer Fall dieser Art war jene Patientin, von der ich 
berichtete, daß ihr Lebensplan darin bestand, „mit der Stimme in das Herz 
des Vaters zu dringen". Sie klagte monatelang in der Analyse immer wieder, 
sie versinke stets in einen Zustand der Leere und der Starre, sie sei wie auf 
einem toten Punkt, sei nicht da, sei wie in etwas drinnen, wie in der 
Gefangenschaftvonjemand, dem gegenüber sie dauernd Rücksicht 
nehmen müsse. Sie sei wie tot, alles sei so langweilig. Sie produzierte ent* 
sprechend Vorstellungen wie „in einer Kokosnuß drinstecken". Von mir er* 
wartete sie stets, daß ich sie herausreiße aus dem Zustand, daß ich die Schale 
zerschlagen müsse. Ihre Vateridentifizierung und damit ihre Lebenshaltung 
kam wohl am besten in folgendem von ihr erwähnten Vergleich zum Aus* 
druck: „Wir Frauen müssen es mit den Männern so machen wie in der 
Fabel der Zaunkönig mit dem Adler". Die Haltung ist gut erkennbar: in 
passiver Identifizierung in den Mann hineinschlüpfen, um nach seiner Er* 
Schöpfung sich über ihn erheben zu können. Ich brauche Ihnen wohl kaum 
zu sagen, daß die Analyse dieser Frau eine sehr langwierige wurde und daß 
im Endeffekt die „verträgliche" Identifizierung, wie die Patientin sie 



i 



nannte, dieses Attribut im Grunde keineswegs verdient. Natürlich schob die 
Patientin die Schuld für ihr Eingeschlossensein, ihren „Tod" immer dem 
Vater, bezw. mir zu, rächte sich jedoch dafür stets wieder mit dem Media* 
nismus der passiven Identifizierung und blieb so in einem circulus vitiosus 
stecken. 

III. 

Über Ursprung, Gesetzmäßigkeiten und Geltungsbereich der Identifizier 
rungsmechanismen erfahren wir die beste Aufhellung durch die Analyse ihrer 
Beziehung zu den Trieben und den Wahrnehmungen, von denen 
nach Freud die ersteren für das Es dieselbe Bedeutung haben wie die 
letzteren für das Ich. Die Wahrnehmungen bewirken „auftragsgemäß" als 
„Sendboten" der Triebe im psychischen System Ich die Motorik, die mit 
Bezug auf ein Triebobjekt zur Herabsetzung der Spannung an den Trieb* 
quellen führen soll. Es erscheint deshalb nur konsequent, analog den beiden 
1 riebarten, im Psychischen basierend auch zweierlei Arten von Mechanismen 
für die Wahrnehmungen anzunehmen, die korrelativ die Triebarten vertreten. 
Das Heranziehen der Unterscheidung in innere und äußere Wahrneh* 
mungen führt uns jedoch vorläufig nicht viel weiter, da wir hier vielleicht 
doch keine prinzipielle, sondern nur eine historische Unterscheidung treffen, 
indem ja auch die inneren Denkvorgänge ursprünglich aus äußeren Wahr* 
nehmungen stammen. Es ergäbe sich deshalb vorerst die Notwendigkeit, 
nach einer Überprüfung des Charakters der beiden Triebarten zu unten* 
suchen, ob nicht die beiden Mechanismen der Identifizierungen als das zwi* 
sehen den Trieben und dem W*Bw liegende Psychische des Primärvor* 
ganges, den beiden Triebarten verwandter sind und ihren Anforderungen 
eher entsprechen. 

In einer früheren Arbeit, einem „Versuch des Ausbaues der Trieblehre 
Freud s", 23 ging ich aus von dem Postulat eines regressiv gerichteten U r* 
triebe s, der mit dem Geburtsakt aktiviert wird und der wegen der dop* 
pelten Aufgabe, die ihm gestellt ist, sich in zwei Primärtriebe spaltet, näm* 
lieh in den eigentlichen Regressionstrieb, dessen Ziel — die Herab* 
setzung der schockartig aufgetretenen Reizspannung — in der Wiederherstel* 
lung des fötalen Zustandes erreicht werden soll, und in den Aggression s* 
trieb als dem Trieb der Ablehnung des neuen Daseins und einer Welt der 

23) Biologische Heilkunst, Jahrg. 13, Nr. 52, 1932. 

Es würde zu weit führen, hier den Vergleich mit Freuds Bezeichnung der Lebens^ 
und Todestriebe zu machen. Ich ging in meiner Arbeit davon aus, daß die Triebe ein 
Früheres — nämlich das vorgeburtliche Leben — erstreben, das weniger weit zurückhegt 
als der Tod, der dem Unbewußten ohnehin unbekannt ist. 



Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 



47 



Versagungen. Ich versuchte nachzuweisen, daß mit der weiteren Differenzie* 
rung der Primärtriebe sich wohl neue Triebmischungsverhältnisse ergeben, 
jedoch keine prinzipiellen Veränderungen. Es zeigte sich ferner, daß die 
triebhafte Grundtendenz immer dieselbe bleibt, nämlich die der Wieder* 
hersiellung des früheren Zustandes der verlorenen Einheit mit dem Objekt, 
und daß es immer dieselben zwei Mechanismen sind, die agiert werden: Ver* 
nichtung der Objektwelt durch Introjektion einerseits, und regressive, par* 
tielle Selbstentäußerungen, die die im Unbewußten erstrebte totale in den 
Embryonalzustand ersetzen sollen, andererseits. Es ist, als ob die einfache 
Formel für die Primärtriebe so lautete, wie sich einmal ein Junge mit einer 
Weltuntergangsphobie äußerte: 2 * „Man muß sie (die Welt) aufessen, sonst 
wird man selber gefressen", oder dasselbe ohne das Angstmoment: es gibt 
letztlich nur zwei triebhafte Verhaltungsmöglichkeiten : Verschlingen und 
Sichverschlingenlassen. Wir sind über diese Primivität bei den Primär" 
trieben nicht verwundert, entstammt sie doch einer Lebensphase, auf der das 
ganze Leben oral organisiert war. Mit dieser Feststellung drängt sich der 
Gedanke auf, daß die Triebe nicht nur das Agens der beiden Identifizierungs* 
mechanismen abgeben, sondern daß die letzteren ihre direktesten psycho 
sehen Abkömmlinge sein müssen, da auch sie nicht aus dem Kreis des Ein* 
verleibens und Einverleibtwerdens hinauskommen, dem Kreis, der die Ein* 
heit Subjekt = Objekt passiv oder aktiv immer wieder herstellen soll. Es 
ist wohl müssig zu fragen, wer älter ist, das W*Bw*System oder die Identi* 
fizierungsmechanismen. Freud bezeichnet das erstere als den Kern des Ichs. 
Gleichzeitig aber wissen wir, daß die Identifizierungen als eine Erscheinung 
des Primärvorganges sich unbewußt vollziehen und auch bereits vor der 
Bewußtseinsbildung ichbildend und ichverändernd wirkten, daß sie ferner 
einst in früher Kindheit als Gefühlsbeziehung an der Basis jeder Objekt* 
bin düng standen und — da die primitiveren Mechanismen im Seelenleben 
nie ganz verschwinden — also auch im Erwachsenenleben allen Objekt* 
beziehungen noch zugrunde liegen müssen. 

Es stellt sich uns deshalb vielleicht überhaupt nur mehr die eine Frage: 
Gibt oder gab es je Wahrnehmungen, die der Identifizierungsmechanismen 
entbehren können oder konnten? Anders formuliert: kommen nicht alle 
Wahrnehmungen erst mittels eines Identifizierungsmechanismus zustande? 

Die Frage verdiente einer besonderen Untersuchung unterworfen zu wer* 
den. Ich kann sie nur streifen und meine, daß ihre Beantwortung bejahend 
ausfallen müßte, denn auf der Stufe des Früh*Ichs sind im Primärvorgang 
alle psychischen Akte, die — mit Ausnahme derjenigen des W*Bw*Systems 



2 4) Vgl. Graber: 
Bd. III, 1929, S. 213. 



Realitätsflucht und Weltuntergangsphobie. Ztschr. f. psa. Päd., 



48 Gustav Hans Graber: Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 

— im späteren Seelenleben in vielerlei Differenzierungen aufgeteilt werden, 
verdichtet schon vorhanden, also vor allem auch die frühesten Gefühlsbezie* 
hungen, die Identifizierungen. Alle Eindrücke, die auf dieser Stufe statt* 
finden, lösen Erregungsvorgänge aus, die ihrerseits dauernde Erinnerungs* 
spuren hinterlassen. Der Erregungsvorgang wird — wie wir es an dem er* 
wähnten Beispiel von Hoffmann erkennen konnten — zweifellos dem 
Objekt, das ihn verursacht, in primärer Identifizierung gleichgesetzt, da 
ja die Subjekt*Objekt*Spaltung sich erst mit der bewußten Wahrnehmung 
endgültig vollzieht. Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung sind hier 
noch identisch, da auch der eigene Körper mit dem Erregungsvorgang und 
dem erregenden Objekt als identisch erlebt wird; später, mit der Abspaltung 
der Außenwelt entwickelt sich mit der eigentlichen Ichbildung der Sekundär* 
Vorgang des Bewußtwerdens, der aber niemals den Primärvorgang auszu* 
schalten vermag, da jeder bewußte Denkvorgang, also auch jede bewußte 
Wahrnehmung, erst dann zustande kommt, wenn zuvor der Kontakt mit den 
Erinnerungsresten hergestellt ist, d. h. mit jenen Spuren, die unbewußt und 
gefühlsmäßig Identität mit dem wahrgenommenen Objekt erleben läßt. Die 
zu Anfang dieser Abhandlung gestellte Frage, ob nicht die Fremdwahr* 
nehmung auf dem Umwege einer unbewußten Selbstwahrnehmung — also 
einem Identifizierungsvorgang — entsteht, muß deshalb ebenfalls bejaht wer* 
den. 25 Jeder bewußte Wahrnehmungs* oder Vorstellungsakt basiert auf dem 
Identifizierungsakt des Primärvorganges und ist deshalb, auf sein Element 
reduziert, selbst ein Identifizierungsmechanismus, der in jedem Fall die Iso* 
lierung durch die Geburt rückgängig machen und die vorgeburtliche Einheit 
wieder herstellen soll. 



25) P. H ab erlin sucht in seinem Buch „Der Gegenstand der Psychologie" (Berlin, 
1921) in anderem Zusammenhang nachzuweisen, daß es „keine andere Wahrnehmung als 
Selbstwahrnehmung" gibt, da alles Fremde nur durch „funktionelle Identifikation" als 
wirklich gedacht werden könne, wobei für ihn der Begriff „fremd" dem Begriff „physisch" 
gleichgesetzt wird. 



Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der 
Identifizierung (im Anschluß an G. H. Graber) 1 



Von 

H. Christoffel 

Basel 



Frage einer Laiin auf dem Wege zu jener Basler Sitzung vom 26. April 
1936, in welcher Dr. Grab er erstmals seine im Titel genannten Ausfuhr 
rungen vortrug: was ist wohl mit diesen „zweierlei Mechanismen" gemeint? 
Antwort: analytisch stellen wir uns den Vorgang der Identifizierung nach 
dem deutschen Sprichwort vor: man ist, was man ißt; ich vermute, daß 
Dr. Grab er als zweiten Mechanismus das zur Darstellung bringen wird, 
was unsere Sprache unter anderm mit dem Wort Einfühlung bezeichnet. 

Bei diesem Gespräch über eine i n t r o * und projektive Seite der 
Identifizierung kamen mir noch folgende Erinnerungen. Ich sah in 
Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" die Stelle, wo es in Ab* 
handlung II innerhalb des Randhinweises „Prägenitale Organisationen" von 
deren erster beißt: „Einverleibung des Objekts . . . Vorbild dessen, was 
späterhin als Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle 
spielen wird." Und was den „zweiten Mechanismus" anbetrifft, erinnerte ich 
mich aus einem 16 Jahre zurückliegenden Vortrag folgender eigener Äuße* 
rung: „Das, was man Einfühlung nennt, wäre in vielen Fällen eher Aus* 
fühlung zu nennen." 2 

I n de r Psychoanalyse pflegen wir eine klare Subjekt* 
ObjektbeziehunginGegensatzzustellenzueinerSubjekt* 
Objektverschmelzung, wie sie mit der Identifizierung 
statthat, wobeiweiterhindieAuffassunggilt, daßdieman* 
gelhafte Differenzierung ein Primär*, die Subjekt*Ob* 
jektscheidung ein Sekundärvorgang sei. 

Bloß die Subjekt*Objektverschmelzung durch Introjektion, also zu 
Ungunsten des Objekts, pflegte man bis anhin als Identifizierung zu be* 
zeichnen. Dies ist nach bisherigem analytischem Brauch die Identifizierung 
katexochen. Über den polar entgegengesetzten, projektiven Vorgang, der 
erwartungsgemäß mit Subjektverlust verbunden sein muß, vernehmen wir 

i) Siehe diese Zeitschrift, dieses Heft S. 24 ff. 

2) H. Christoffel: Moderne Seelenheilkunde. Schweiz. Zeitschr. f. Kranken* und 
Irrenpflege. Jahrg. 1921. Genossenschaftsdruckerei, Zürich. 

Imago XXIII/l 4 



50 H. Christoffel 



i 



erst bei Grab er Genaueres. Daß aber die bisherige einfache Auffassung 
der Identifizierung mit einiger Unsicherheit einhergegangen ist, kann aus der 
analytischen Literatur verschiedentlich entnommen werden ; schlägt man z. B. 
H. Nunbergs „Allgemeine Neurosenlehre" im Kapitel „Identifizierung" 
nach, so findet man dem Wort „Identifizierung" das Wort „Introjektion" in 
Klammern beigefügt (S. 199). Beruhte Herstellung einer Subjekt*Objekt* 
Identität so sicher nur auf einem subjektgerichteten Vorgang, so brauchte es 
eine extra markierte Introjektion nicht. Aber darüber später G r a b e r selbst. 
Sein Vortrag hat anläßlich der Basler Feier von Freuds 80. Geburtstag 
stattgefunden. Interessanterweise greift wenige Tage später bei der Wiener 
Geburtstagfeier Thomas Mann mit seinem Festvortrag 3 mitten in die Iden* 
tifizierungsproblematik. Dies sowohl expressislverbis als durch die Art des 
ganzen Vortrags selbst. „Ich müßte mich sehr täuschen", präludiert der 
Dichter, „oder gerade die Vereinigung von Subjekt und Objekt, ihr 
Ineinanderfließen, ihre Identität, die Einsicht in die geheimnisvolle Einheit 
von Welt und Ich, Schicksal und Charakter, Geschehen und Machen, in das 
Geheimnis also der Wirklichkeit als eines Werkes der Seele — oder, sage ich, 
gerade dies wäre das A und O aller psychoanalytischen Initiation". Thomas 
Mann stellt also den Identifizierungsakt als sine qua non analytischen Ver* 
ständnisses dar und führt weiter aus: Sich als Macher seiner Gegebenheiten 
zu empfinden, „dies Wissen ... ist für den abendländischen Geist ein Para* 
doxon, das seiner Logik widerstreitet; denn diese unterscheidet zwischen 
Subjekt und Objekt und sträubt sich, dieses in jenes hineinzuverlegen oder 
aus ihm hervorgehen zu lassen." „Zwar kannte die europäische Mystik solche 
Anwandlungen", heißt es ferner. Und wir dürfen ergänzen: kaum aber wurde 
die Identifizierung bisher Objekt der abendländischen Wissenschaft. 

II. 

Einleitend habe ich den Doppelvollzug, die „vollständige" Identifizierung 
als Intro* und Projektion auseinandergehalten. Was den zweiten Media* 
nismus anbetrifft, muß ich gleich beifügen, daß, indem ich Ihnen nun an 
Hand von Grabers Manuskript seine Mitteilungen resümiere, eine Ein* 
schränkung anzubringen ist. Zwar verwendete G. selbst zur Kennzeichnung 
des der Introjektion entgegengesetzten Vorgangs den Terminus Projektion, 
dies aber nebenbei, indem er gelegentlich die Bemerkung äußert: „Der Me* 
chanismus der Projektion entpuppt sich ... als eine Art verkappter Media* 
nismus passiver Identifizierung." Passiv, das ist der G r a b e r sehe Gene* 

3) Thomas Mann: Freud und die Zukunft. Imago, Bd. XXII, 1936, und „Almanaoh 
der Psychoanalyse 1937"; ferner im Bermann^Fischer Verlag, Wien, 1936. 



Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung 



51 



ralausdruck für den zweiten Identifizierungsmechanismus,- aktiv heißt er den 
ersten, die Intro jektion, passiv den zweiten als Intro jiziertwer* 
den. Es mag aber für weitere Untersuchung und Diskussion des 
Identifizierungsbegriffes nützlich sein, die Anlehnung an vertraute 
Tatbestände und Begriffe so weit wie möglich zu wahren, weshalb ich mir 
erlaubt habe, die Projektion für den zweiten Mechanismus mehr in den 
Mittelpunkt zu stellen. Je mehr ich mich in G.s höchst bedeutsame und eine 
Fülle von Tatsachen und Ausblicken bietende Arbeit vertieft habe, desto 
mehr hat sich mir der Eindruck ergeben, daß das wesentlich Neue die In* 
Beziehung*Setzung von Intro* und Projektion ist. Sollte ich auf richtiger 
Fährte sein, so ließen sich zwei weitere terminologische Schwierigkeiten ver* 
meiden; nämlich die Verwendung der heutzutage zu unscharfen Begriffe 
aktiv und passiv; und faßte man die Identifizierung als intro*projektiven 
Vorgang, so erübrigte sich die höchst mißverständliche Grab er sehe Be* 
nennung „vollständige Identifizierung" (vollständig = die zweierlei Mecha* 
nismen tätigend.) Vollständig, so leicht zu verwechseln mit der bisherigen 
quantitativen Bezeichnung der Introjektion als einer partiellen bis totalen. 
„Vollständig" also bei Grab er ein quäle, „total" in der gebräuchlichen 
analytischen Terminologie ein quantum J Und endlich möchte ich vorschlagen, 
für die Diskussion von Grabers interessantem „Versuch eines Ausbaues der 
Trieblehre Freuds" vorerst abzusehen und uns an die Aufstellung der 
beiden Triebarten zu halten. Ich befürchte, die fruchtbaren Anregungen 
könnten sonst leiden und eine Situation wie beim Turmbau zu Babel ent* 
stehen. 

Spielt sich der Einverleibungsvorgang mehr oder weniger auf Kosten des 
Objekts ab — Stichwort „Objektverlust" — , so ist sein Partner durch S u b* 
jektverlust charakterisiert, von der „Einfühlung" bis zur „Entselbstung" 
führt G. vielerlei Grade und Qualitäten dieses „zweiten Mechanismus" an: 
„Intuition, Hineindenken, Hineinversetzen, Hineinversenken, Hingabe des 
Subjekts, Versetzung ins Objekt, Aufgehen darin, von ihm aufgefressen wer* 
den" usw. Sein Ausgangspunkt ist die Situation dem Analysanden gegen* 
über mit dem Bestreben der Herstellung einer Dual*Einheit im Sinne Her* 
manns. 4 Er sucht sich des Analysanden Atmung, Gedanken und Reflex* 
bewegungen anzugleichen und überlegt sich, daß dieses therapeutisch nütz* 
liehe Verhalten doch zutiefst „Auswirkung einer Mutterleibssehnsucht" sei. 
„Wie konnte sich nun bei dem Bestreben, den Patienten besser zu verstehen, 
ein solch regressiver Vorgang entwickeln?" fragt sich G. und antwortet mit 
der Überlegung, „daß nach einem] Worte Nietzsches das Höchste 



4) J. Hermann: Sich* Anklammern 
1936, S. 349. 



Auf*Suche*Gehen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 



52 H. Christoffel 



aus dem Tiefsten kommt — also höchstes progressives Verstehenwollen des 
anderen — als welches die Einfühlung oder Intuition doch wohl bezeichnet 
werden muß — den tiefsten regressiven Tendenzen entspricht, oder, nach 
Freud, höchste Über*Ich*Strebungen ihre Abkunft von tiefsten Es*Stre* 
bungen verraten". G. weist auf das Nebeneinander der beiden Trieb* 
arten, die Ambivalenz in jeglicher Identifizierung hin, 
hält aber am introj izier enden Vorgang den Eros weniger 
beteiligt als am projektiven; genau mit G.s Worten: „In... der 
passiven Identifizierung entpuppt sich zumeist das, was wir mit dem Be* 
griff Liebe zusammenfassen, während in der aktiven Identifizierung 
mehr das Umschlagen in den Haß sich manifestiert. In beiden jedoch nimmt 
das Ich die Eigenschaften des Objektes an (Freud), d. h. es ahmt die ge* 
liebte und die gehaßte Person nach. Es dürfte allerdings schwer fallen, einem 
der beiden Mechanismen unvermischt zu begegnen. Am reinsten treten sie 
uns wohl in der Verliebtheit und in der Melancholie gegenüber. Zudem sind 
wir gewohnt, beim gleichen Subjekt zeitliche Wechsel in ihrer Vorherrschaft 
zu sehen und zu erleben. Während der Primitive den geschätzten Feind auf* 
frißt, um sich bewußt oder unbewußt seine Kräfte und Eigenschaften anzu* 
eignen, . . . wird man vom Verliebten sagen müssen, daß er von der ge* 
schätzten Person aufgefressen, bezw. einverleibt werden will, um mit ihr eins 
zu werden." 

Und zur Verliebtheit: Gibt nicht das allbekannte „altdeutsche Liebeslied" 
einen schönen Hinweis auf das Doppelstreben der Identifizierung: 

„Du bist min, ich bin din: 
des solt du gewis sin. 
Du bist beslozzen 
in minem Herzen; 
verlorn ist daz Slüzzelin: 
nun muost immer drinne sin." 

Suchen wir den Primärvorgang, die Ich*Du*Einheit zu verdeutlichen, so 
müßte dieses „Du bist mein, ich bin Dein" etwa lauten : Du bist Ich, ich bin 
Du; und es deutet sich zugleich mit dieser Annäherung an den Primärvor* 
gang der für die Identifizierung charakteristische Objekt* und Subjektver* 
lust anl Beachten Sie ferner, wie sogar in diesem Liebeslied das Meinsein ob 
des Deinseins, der Besitz ob der Hingabe prävaliert. Mir selber fällt dabei 
weiterhin das Gespräch Annettes mit ihrem Kind im Leibe ein, wie es uns 
Romain Rolland im ersten Band seiner „Verzauberten Seele" schildert. 
Und so ist, wie Grab er meint, auch für Liebe und Verliebtheit „der 
Wunsch, introjiziert zu werden, meist nur unbewußt, und es ist anzunehmen, 
daß gerade diese tiefste Wunschregung bei allen Menschen in zähester Ver* 



Bemerkungen über zweierlei Mech anismen der Identifizierung 53 

drängung gehalten wird". Immerhin sei in den Gedanken verschiedener 
Autoren über Mutterleibssehnsucht und Nirwanaprinzip bereits Wichtiges 
erkannt, ohne daß freilich die passive Identifizierung als Mechanismus er* 
faßt und der aktiven gegenübergestellt worden wäre. Es ist wohl zweck* 
mäßig, sich nochmals des altdeutschen Liebesliedes zu erinnern, um sich fol* 
gende schwierige Formulierung G r a b e r s einprägen zu können : „In der Ver* 
liebtheit — wie ähnlich in jeder Liebesbeziehung — wird vornehmlich durch 
den Mechanismus der passiven Identifizierung das Übersieh und teil* 
weise auch das Ich in das Objekt versetzt, d. h. es werden durch diesen Akt 
die früheren im Übersieh, partiell aber auch die im Ich konservierten und 
meist unbewußt wirksamen Identifizierungen von den aktuellen mit dem 
realen Objekt abgelöst. Das Objekt tritt also an ihre Stelle, und somit ist man 
ebenfalls berechtigt, zu sagen, daß in der Verliebtheit das Ich sich (wenig* 
stens zu einem Teil) das Objekt introjiziert hat." Die Verliebtheit ist also 
eine vollständige Identifizierung. Aber sie ist nicht nur das, sondern auch 
eine narzißtisch*objektlibidinöse Beziehung; Verliebtheit ist, ähnlich wie die 
„hysterisch" genannte Identifizierung, „ein Identifizierungsakt bei erhaltenem 
Objekt", wie G r a b e r sagt, und, dürfen wir wohl beifügen, bei desgleichen 
erhaltenem Subjekt. „Denn", fährt Grab er fort, „es kann nicht stimmen, 
daß in der Verliebtheit das Ich .verarmt' (Freu d)." Vielleicht, vielleicht auch 
nicht. Hat Freud 5 nicht für den Impuls der Verliebtheit nach wie vor recht 
mit seiner Behauptung einer libidinösen Ichverarmung, wodurch das „Ob* 
jekt schließlich in den Besitz der gesamten Selbstliebe des Ichs gelangt, so 
daß dessen Selbstaufopferung zur natürlichen Konsequenz wird"? Das ist 
doch mit andern Worten G r a b e r s passive Identifizierung; und es ist zudem 
in Freuds Charakterisierung der Verliebtheit als eines „an neurotischen 
Zwang mahnenden Zustandes" ein Hinweis auf den Primärvorgang ent* 
halten. Verliebtheit ist aber ein Extrem, ein akuter Zustand, der von dem 
mehr oder weniger dauerhafteren und ausgeglicheneren Zustand der Liebe zu 
unterscheiden ist. 

Ich weiche mancher subtilen Diskussion aus und komme zu G.s Schilde* 
rung der aggressiven Seite der Passividentifizierung: 

„Mit etwas verächtlichem Unterton hört man etwa: ,der schlüpft ja förmlich' (vulgär 
per anum) ,in den andern hinein' . . . Unterton von Aggression wohl meist dann, 
wenn seitens des Objektes die Aufnahmebereitschaft den Wünschen . . . nicht entgegen* 
kommt. So schrieb mir kürzlich eine Kollegin nach ihrem Urlaub: ,Ich habe mich gleich 
sehr in meine Patienten gestürzt, als ich von der Reise kam.' Sicher ist es ebenfalls auf ein 
Versagen seitens des Objektes zurückzuführen, wenn man gewaltsam in dasselbe hinein» 
dringen will; wie überhaupt aufmerksame Beobachtung lehrt, daß die Versagung seitens 



5) Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VI. 



54 H. Christoffel 



des Objektes nicht — wie wir bisher annahmen — unbedingt den Mechanismus der 
aktiven Identifizierung auslösen muß, sondern es kann die im Subjekt reaktiv auf* 
wallende Aggression sich auch im Mechanismus der passiven Identifizierung äußern, und 
zwar etwa in dem Sinn, wie sich eine Patientin mir gegenüber ausdrückte : Jetzt grad zu Leid ! 
Sind Sie nicht willig, sich mir zu erschließen, dann brauche ich eben Gewalt und werde 
in Sie eindringen.' Umgekehrt erwarten die Patienten eigentlich stets, daß der Analytiker 
sich in sie hineindenke, ja es wirkt gerade diese "Haltung sehr oft als stärkster Wider« 
stand . . .: ,So denken Sie sidh doch einmal richtig in mich hinein! 
Wie wollen Sie mich denn sonst verstehen! Dringen Sie in mich ein, fragen Sie 
mich, dann werde ich mich Ihnen keinesfalls erschließen!'" 

Wie bei der aktiven, so unterscheidet G. auch bei der p a s s i v e n I d e n= 
tifizierung totale und partielle, verweist für letztere auf Rede* 
Wendungen wie „sein Herz, seinen Kopf verlieren"; weiterhin sei der pas* 
sive Vorgang so wenig wie der aktive auf den oralen Weg 
beschränkt, sondern könne „durch andere Körperöffnungen wie Nase, 
Augen, Ohren, Genitalien, After, Haut usw. erfolgen." Als besonders 
bedeutsam erweist sich das „in der Haut des andern 
stecken". G. zeigt diesen Vorgang in totemistischen Bräuchen wie auch 
z. B. an einem Jungen, „der an Fuchsphobie litt und öfter träumte, daß er 
einen Fuchs erlegte, ihn gemeinsam mit Geschwistern und andern BeteU 
ligten schlachtete, aufaß und sich aus dem Fell ein Paar Leder= 
hosen verfertigte." Solche Beobachtungen führen G. weiter zum „Pro* 
blem der Bekleidung, Verkleidung, Maskierung... als Mittel 
und Ausdruck passiver Identifizierung . . . .Kleider machen Leute', ,sich mit 
fremden Federn schmücken'." G. illustriert wieder mit einem Versprechen 
eines Analysanden: 

,„Der Bube, den ich angehabt, hat mich erinnert . .' Der Patient wollte sagen: ,Der 
Bube, den ich angesehen und der eine Mütze angehabt hat wie ich als Kind sie trug, hat 
mich (an mich) selber erinnert'." 

Weiterhin enthält das Märchen vom Rotkäppchen hübsches Material. G. 
schreibt daran anschließend: 

„Das Rückgängigmachen der Identifizierungen als Erlösungs* 
Vorgang finden wir in Märchen, Sagen und Legenden häufig. So . . . in . . . einem 
transsylvanischen Märchen, in dem ein Mädchen einem von einer Frau geborenen Ziegen* 
bock das Fell abzieht und es verbrennt, worauf sich dieser in einen schönen jungen 
Mann verwandelt, mit dem die Erlöserin Hochzeit feiert. Wie im Rotkäppchen ist es auch 
hier die p a s s i v e Identifizierung, die aufgehoben wird. Wir wissen, daß der H e i 1 u n g s* 
Vorgang in der Analyse eine große Verwandtschaft zeigt, indem ebenfalls alte Fixie* 
rungen, die immer zugleich Identifizierungen sind, sich auflösen. Bisher haben wir jedoch 
in der psa. Therapie unser Augenmerk wohl ausschließlich der Auflösung aktiver 
Identifizierungen — d. h. dem Hergeben des Introjekts — zugewendet. Wir werden 
sehen, daß das Sichbefreien aus der Umhüllung, Verkleidung, Maskierung — also gleich* 
sam das Geborenwerden aus dem Körper der Person, mit der die passive Identifizierung 
vollzogen wurde — eine ebenso wichtige, wahrscheinlich sogar wichtigere Rolle spielt." 



Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung 



55 



G. wirft dann einen Blick auf den Transvestismus als eines der 
deutlichsten Beispiele passiver Identifizierung, erzählt ferner von einer Pa* 
tientin, die „mit der Stimme in das Herz des Vaters dringen, sich . . . ganz 
in ihn hineinzaubern" wollte, einer andern, die sich halluzinatorisch in den 
Geruch seines, des Analytikers, Zimmers bei sich zu Hause einhüllt usw. und 
lenkt die Aufmerksamkeit auf den gelegentlichen Masochismus in der pas* 
siven Identifizierung. Ich muß es mir aber versagen, auf die ausführlich mit* 
geteilten, schönen Beispiele einzugehen. Später heißt es: 

„Es ist unbestreitbar, daß frühe Identifizierungen charakterformende Wirkungen haben, 
daß das, was wir etwa als charakterliche Panzerung bezeichnen, weitgehend überein.* 
stimmt mit jenem Zustand des ,sich in der Haut des andern fühlen', und daß, wenn Pa* 
tienten klagen : ,Ich kann doch nicht aus meiner Haut heraus', sie besser sich ausdrückten; 
,Ich kann doch nicht aus der Haut des andern heraus'. — Als Buddha in das Nirwana (ein* 
ging, empfand er das Erlebnis so, als ob eine fremde Hülle von ihm abgefallen sei . . ." 

Aus dem kurzen Schlußteil der Arbeit halte ich zur Abrundung nur den 
Satz fest: „Jeder bewußte Wahrnehmungs* oder Vorstellungsakt basiert auf 
dem Identifizierungsakt". 

III. 

Grabers Auffassung der Identifizierung steht diejenige Th. Reiks 
nahe. 6 ^ 

Auch für ihn handelt es sich beim Erraten und Verstehen ubw. Regungen 
„ni cht um einen einfachen Identifizierungsvorgang" (S. 196), 
sondern um eine zweiaktige Ichveränderung, über deren willkürliche Her* 
Stellung R e i k sich allerdings sehr zweifelnd und spöttisch ausläßt. In knapp* 
ster Form faßt er seine Ausführungen folgendermaßen zusammen (S. 200): 

„Die besondere Form der Ichverwandlung, die dadurch zustandekommt, daß für einen 
Augenblick der Andere ins Ich aufgenommen wurde, kann nicht anders denn eine Infro" 
j e k t i o n genannt werden. Wir sind gewohnt, diesen Ausdruck für die Bezeichnung 
einer dauernden Ich Veränderung infolge Objekteinverleibung zu gebrauchen. Nichts aber 
hindert uns, von passager en Introjektionen zu sprechen. Im Falle der psycho* 
analytischen Arbeit sind wir genötigt, eine große Reihe solcher vorübergehender Intro* 
jektionen anzunehmen, da jedes wesentliche Stück des Verstehens verdrängter Vorgänge 
nur auf dem Wege der Objektintrojektion erworben werden kann. 

Diesem I n tro j ek ti,o ns v or g an g folgt nun di e P r o je k ti o n, durch 
welche das veränderte Ichbild nach außen geworfen und als psychologisches Objekt wahr* 
genommen wird. Diese Aufeinanderfolge, die Aufnahme des psychologischen Du ins Ich 
und seine Ausstoßung, sind für die Seelenforschung und für die Beobachtung des Fremd* 
seelischen eine so notwendige Voraussetzung wie der Wechsel von Ein* und Ausatmen 
für unseren Organismus. Sie bilden die primäre psychologische Voraussetzung unseres 
Verstehens fremder unbewußter Prozesse." 

6) Th. Reik: Der überraschte Psychologe (Über Erraten und Verstehen unbewußter 
Vorgänge). A. W. Sijthoff's Verlag, Leiden, 1935. (Hervorhebungen nicht im Original.) 



56 H. Christoffel 



Ich muß für feinere Einzelheiten wie auch für die Belege des Gesagten auf 
das Original verweisen. Aber schon aus dem hier Zitierten scheint mir eines 
deuthch, daß nämlich der zweite Akt der Identifizierung, die Projektion, zwar 
wirklich zur Identifizierung gehört, aber auch in gewissem Grade schon im 
Dienste der D i f f e r e n z i e r u n g steht. 

Daß die Erforschung der Identifizierung gegenwärtig im Flusse ist, zeigt 
auch das neueste Buch von Ann aFreud.' Wir finden in dessen X.Kapitel 
eine „altruistische" Form der Pro jektion geschildert, die andeutungsweise 
mit einem Ausdruck von P.Federn auch als „teilnehmende Identi- 
fizierung" bezeichnet wird. Ähnlich wie bei Graber wird hier eine 
hbidinöse Seite des Projektionsvorganges herausgestellt und von ihm ge* 
sagt: „Er dient auch der Herstellung wichtiger positiver Bindungen und 
damit der Befestigung der menschlichen Beziehungen." (S. 141.) Während 
Anna Freud die positive, Hbidinöse Subjek^Objektidentifizierung in real 
sozialem Sinne meint und kasuistisch dartut, hat P. Federn 8 mehr das 
Phantasiemäßige im Auge gehabt und (S. 33) gezeigt, „wieso objektlibidinöse 
Befriedigung den Narzißmus befriedigen kann." Erst durch diese objekt* 
hbidmose Beziehung erreiche „die Identifizierung das Ziel, daß die Wünsche 
und Ansprüche" in idealer Weise erfüllt werden. Ich habe mir zu dieser Dar* 
Stellung ein Stefan Zweig^Zitat über Balzac vermerkt: „Kein Dichter war 
je mehr der Mitgenießer seiner Gestalten". 9 

Dagegen finden wir in H. Nunbergs 1932 erschienener „Allgemeiner 
Neurosenlehre" ein dämmerndes und noch unklares Verständnis eines 
Intro^Projektionspaares als Komponenten der Identifizierung; auf seine Un* 
Sicherheit in der nunmehr als unvollständig erkannten Gleichsetzung von 
Identifizierung und Introjektion habe ich einleitend verwiesen. Man sieht 
aber auch schon bei N u n b e r g, daß ihm ein paariges Wirken irgendwie vor. 
schwebt, indem er (S. 201) von der Projektion bemerkt: „erscheint als 

eine der primitivsten psychischen Funktionen zugleich mit der Identifizier 
rung" — hes nunmehr: „zugleich mit der Introjektion." 

Dies ein paar Ergänzungen — sie dürften noch recht unvollständig sein — 
zu der von Graber bereits herangezogenen analytischen Literatur, insofern 
sie den „zweierlei Mechanismen" der Identifizierung nahesteht. 
_ Es war bisher viel von der Identifizierung, besonders deren passiv-projek* 
üyem Teil im analytischen Verhältnis die Rede. Grab er beschreibt eine 
willentliche Einleitung des Passivvorganges von Seiten des Analytikers nach 

m pT J reud i Da T s T Ich " nd & s Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verlag, Wien, 1936 
Bd XXII ( € 1936 r S 1 5 UnterScheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus. Image, 
9) Stefan Zweig: Baumeister der Welt. Verlag Reichner, Wien, 1936, S. 28. 



1 



Bemerkungen über zweie rlei Mechanismen der Identifizierung 57 

dem hypothetischen Urbild der Mutterleibsphantasie. Th. Reik denkt ahn* 
lieh, verhüllt das aber spöttisch*reserviert, indem er folgendermaßen mit 
einem Storchenmärchen exemplifiziert: Natürlich müsse man sich als Psycho* 
löge einfühlen, solche Aufforderung erinnere „in ihrer energischen und un* 
bekümmerten Art an die Leichtigkeit, mit der sich jener Kalif in dem be* 
kannten Märchen in einen Storch verwandelt, sobald er das geheimnisvolle 
Wort .Mutabor' ausspricht, um so die allen unverständlichen Gespräche zwi* 
sehen den Störchen zu verstehen." (S. 193.) Und nun hören Sie, wie ausgangs 
des 17. Jahrhunderts der Rektor der Wiener Universität in festlichem Pathos 
den promovierenden Ärzten deren Identitätsverhältnis zu den Patienten in 
folgender Taubenphantasie verbildlichte: 

„Ihr könnet nun mit dem Psalmisten sagen: O hätt' ich die Flügel der Taube, daß ich 
flöge und etwo raste! Die Taube nämlich ist ein Tier, das immerzu seufzet wie der Pa» 
tient. Zu den Seufzenden müßt Ihr gehen und deren Federn anlegen . , ., erst dann, 
dürfet Ihr der Ruhe pflegen. Der Federn möget Ihr sie entkleiden . . ., nicht aber sie 
abwürgen. Denn wohl wachsen die Federn nach, nicht aber das Leben. Auf daß Ihr aber 
auf Euren Flügeln in ausdauerndem Flug die Nachwelt erreicht . . ., schöpfet ein wenig 
Atem und gönnet Ruhe den müden Gliedern!" 

Sie bemerken in dieser Taubenphantasie die Identifizierung zwischen Arzt 
und Patient mehr nach der aktiven, aufnehmenden Seite dargestellt: des 
andern Federn anlegen, ihn seiner Federn entkleiden! Wüßten wir 
mehr von dem Sprecher Paul de Sorbet, 10 so ginge es vielleicnt ähnlich wie 
in Grabers Darstellung, wo ja auch die Rede ist von Atmung des Analy* 
sanden annehmen, dessen Reflexbewegungen selber haben, und doch 
der Passivvorgang der eigenen Hingabe hauptsächlich empfunden wird.' So 
aber fällt ein Verständnis schwer, und man sähe sich gern über jene eigen* 
tümliche Verfassung vor zwei*, dreihundert Jahren belehrt, die ein so krampf* 
haftes Identifizierungsbemühen zeigt, sei es in der brutalen Sentimentalität 
der Taubenphantasie, sei es in J. S. Bachs unerbaulichen „Erbaulichen 
Gedanken eines Tabaksrauchers": 

„So oft ich meine Tabakspfeife, 
Mit gutem Knaster angefüllt, 
Zu Lust und Zeitvertreib ergreife, 
So gibt sie mir ein Trauerbild, 
Und füget diese Lehre bei, 
Daß ich derselben ähnlich sei." usw., 
sei es endlich in Angelus S i 1 e s i u s' gespanntem Mystizismus. 



io) Grete De Francesco: Paul de Sorbet spricht als Rektor zu den promovier 
renden Ärzten. Ciba*Zeitschrift, Juni 1936, Nr. 34, S. 1157. In der mir vorliegenden 
Übersetzung aus dem Lateinischen finden sich zwei Klammerbemerkungen, von denen nicht 
zu ersehen ist, ob sie dem Urtext angehören; nämlich „deren Federn anlegen (d. h. deren 
Leiden auf Euch nehmen) ... Der Federn ... sie entkleiden (d. h. sie von ihren Leiden 
befreien)." 



Haben in der Psychoanalyse bisher hauptsächlich starre Identifikationen, 
z. B. im Sinne der Charakterpanzerung, haben in neuesten Arbeiten passa* 
gere Identifizierungen Beachtung und Bearbeitung gefunden, so ist nun 
diesen noch ein Drittes beizufügen, das man die Periodizität in der 
Identifikation nennen könnte: Ich meine damit die ubw. Verbundenheit 
zweier Menschen, welche sich bei sonst großer Verschiedenheit und örtlicher 
Getrenntheit der beiden Personen — es mögen auch mehr sein können — 
zeitlich zusammentreffend in gewissen Intervallen manifestiert. Ich kenne 
solche Periodizität aus einem Briefwechsel mit einem psychiatrischen Freund, 
der mir bewußtermaßen ziemlich ferne steht. „Gibt es eine Telepathie?" 
schrieb er einst, nachdem sich, wie des öftern, unsere Briefe, wie sie sich in 
Abständen von Wochen bis Monaten ergaben, gekreuzt hatten. Ich glaube, 
daß für diesen Freund wie für mich, wie für jedermann, der uns beide 
kennt, kaum etwas eruierbar wäre, das eine Gemeinsamkeit des Lebens* 
rhythmus vermuten ließe; und doch ist die nächstliegende Annahme die, 
daß eine solche Übereinstimmung sich gebildet hat. Von meinem Groß* 
vater väterlicherseits, der sonst kein intuitiver Mann gewesen zu sein scheint, 
wurde mir früh berichtet, wie er als Junge den unerwarteten Hinschied eines 
auf kurzer Reise plötzlich verstorbenen Onkels in einem halluzinatorischen 
Erlebnis wahrgenommen haben soll; und zwar nicht so, daß er das Ver* 
scheiden, sondern die Heimkehr des Onkels halluzinierte. Eine Dame mitte 
leren Alters, als junges Mädchen zufällige Zeugin des ersten epileptischen 
Anfalls eines verwandten Knaben, ihres Vetters, pflegte, von diesem geo* 
graphisch getrennt, die weiteren Anfälle im Traume wahrzunehmen, wobei 
diese telepathische Fähigkeit spöttisch vom Gatten der Betreffenden regi* 
striert wurde und durch Familienkorrespondenz ihre Kontrolle fand; nach 
einer Reihe von Jahren — der Knabe war unterdessen zum Manne erwachsen 
— kam ein Traum, der wesentlich das erste Schreckerlebnis der Dame mit 
ihrem Vetter wiederholte, zugleich mit dem Trost einer von Kindheit an 
vertrauten Magd: „Beruhigen Sie sich, es ist der letzte Anfall!" Anschließend 
an diesen Traum hatte die Dame das bestimmte Gefühl, daß ihr Vetter von 
seinen Anfällen genesen sei; und ihre Prognose soll sich auf eine Dauer von 
nun vielen Jahren völlig bestätigt haben. In weniger ungewöhnlicher Form 
manifestiert sich eine Identifizierung im übereinstimmenden Zusammenleben 
zweier Gatten, sei es in Form des Erratens und Verstehens, sei es im Zu* 
sammentreffen ihres körperlichen Liebesbedürfnisses. 

Jedenfalls ist Identifizierung etwas, das tief im Biologischen wurzelt. War 
bisher von Identifizierung unter Menschen die Rede, so ist nun auch an eine 
solche von Tieren mit ihrer Umwelt zu erinnern. Die Zoologen sprechen von 
einer „sympathischen Färbung", wenn Angehörige der verschiedensten Tier* 



J 



Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung 59 

stamme sich durch ihre Farbe dem klaren Wasser, dem fahlen Wüstengelb 
oder dem Schnee anpassen, wobei auch in dieser Identifizierung — ich er* 
innere dabei an Grabers Mitteilungen über Maskierung — ein Rhythmus, 
z. B. bei Alpenhasen, in der Weise sich zeigen kann, daß sie sommers einen 
braungrauen, winters einen weißen Pelz haben Mimikry im Sinne der 
Nachahmung pflanzlicher und tierischer Umwelt, ist besonders von Insekten 
beschrieben; ich erwähne z. B. die Blatt* und Stengelähnlichkeit gewisser 
Gespensterschrecken (Phasmidae). Von der trägen kleinen Echse, dem Cha* 
mäleon hingegen zitiert schon der alte Brehm zwar „ein wälsches Spruchs« 
lein", wie er sich ausdrückt, des Inhalts: „Ein gesehenes Chamäleon ist ein 
verlorenes Chamäleon", tut aber gleichzeitig dar, daß die Art des lebhaften 
Farbenwechsel dieses Tierchens nur teilweise als Mimikry aufzufassen 
ist. Was die „sympathische" Färbung anbetrifft, so legt uns dieses Mit* 
leiden, dieses sym=pathein, den Grab er sehen Ausdruck einer passiven 
Identifizierung nahe, während für die bewegungsträgen, aber freßlustigen 
Gespensterschrecken, die in Form und Farbe so innig ihrem pflanzlichen 
Futter als sogenanntes wandelndes Blatt usw. angeglichen sind, in ausge* 
sprochenem Maße das zu Anfang erwähnte Sprichwort gilt: man ist, was 
man ißt. Jedenfalls ist diese Tarnung, ist die Mimikry die denkbar leibhafteste 
Form einer Identifizierung, eine in den Einzelheiten ihrer Genese noch kaum 
erfaßte, zum Zwecke der Täuschung, des Versteckens höchst vollendete 
Autoplastik. y 

Ich komme auf die Psychologie zurück, indem ich an Hand einiger Bei* 
spiele nunmehr die Identifizierung an einem Vorgang menschlicher Allo* 
plastik zeige. Es ist ein eigentümliches Material: Nekrologe von ärztlichen 
Forschern! Ich habe es mir jeweils unter dem Stichwort notiert: Der For* 
scher stirbt an seiner Forschung. Zielt ärztliches Streben auf Kenntnis und 
Beherrschung der Lebensvorgänge, so hat es doch bei diesen Männern, über 
die ich Ihnen nun berichten werde, den Anschein, daß das zu Erforschende 
unerkannt im Forscher lag, jedoch in der Umwelt entdeckt, in die Umwelt 
projiziert erforscht wurde. Ein projiziertes Interesse liegt also in dieser for* 
scherischen Alloplastik vor. Die Innenwelt, kann man sagen, erscheint diesen 
Männern als Außenwelt getarnt. Dies zum Schaden des Forschers selbst. 
Den Erfolg seiner Forschung kann er selbst nicht oder wenig nützen, wohl 
aber nützt sie seinen Mitmenschen. Deshalb kann die Verhaltensweise als 
altruistische Projektion des Forschers benannt werden. Sie ist 
eng verwandt mit dem, was W e r n i c k e 11 vor einigen Jahrzehnten als Tran* 
sitivismus beschrieben und (21. Vorles.) als Folge „autopsychischer Des* 

u)C. Wernicke: Grundriß der Psychiatrie in klinischen Vorlesungen. II. Aufl., 
1906, bei G. Thieme in Leipzig. 



60 H. Christoffel 



Orientierung" aufgefaßt hat. Der Unterschied liegt weniger deutlich in der 
Innen* als in der Außen weltverkennung: die Projektion des Forschers führt 
zu Entdeckungen, diejenige der von Wer nicke herausgehobenen Psycho* 
tiker zu Umweltverdeckungen und „gipfelt in dem Vorkommnis, ... daß 
der Kranke seine Angehörigen in die Sprechstunde begleitet, um sie als die 
vermeintlichen Geisteskranken dem Arzte zuzuführen." Es handelt sich bei 
den ärztlichen Forschern, aus deren Nekrologen ich einiges Charakteristische 
zitieren werde, um Somatiker. Aus verschiedenen Gründen verzichte ich auf 
die Darstellung des mir bestbekannten Falles. Dieser, ein akademischer Lehrer 
demonstrierte einige Jahre vor seinem frühen Tode das Darmleiden, dem er 
selber erliegen sollte, und fügte dieser Patientenvorstellung bei: „Das letzte 
Wort wird vielleicht hier die Psychiatrie sprechen", ein dämmerndes Selbst, 
bekenntnis, das dann im Autoreferate wieder unterdrückt blieb. 

Zuerst der Krebsforscher und Nobelpreisträger von 1927, Johannes Fi biger. Zwanzig 
Jahre schon hatte er sich mit dem Magenkrebs beschäftigt, als erst das Leiden bei ihm 
selbst als 60.jährigem so spät seine Entdeckung erzwang, daß es offenbar zu einem hei, 
lenden Eingriff zu spät war und Fibiger seinem Magenkrebs innerhalb Monatsfrist erlag 
Ich zitiere in stark gekürzter Form aus dem Nachruf von V. E. Mert ens« das folgende- 
Johannes Fibiger: 

„Am 10 Dezember 1927 waren sie in Stockholm versammelt , . . die Auserwählten, die 
den Nobelpreis entgegennehmen sollten. Stolz und Freude dieses Tages mögen kaum 
verraucht gewesen sein, als Fibiger um Weihnachten erkrankte. Der kaum 
61.jahnge sank auf sein letztes Lager . . . Fibiger . . . Professor für pathologische Ana. 
tomie an der Universität Kopenhagen ... Die erste Arbeit über Krebs erschien 1910 Sie 
brachte die Ergebnisse einer am 1. April 1908 veranstalteten Zählung der Krebskranken in 
Danemark. Geraume Zeit vor diesen Veröffentlichungen hatte Fibiger die Arbeit begonnen 
die sein eigentliches Lebenswerk werden sollte": Fibiger hatte 1907 drei in seinem Institut 
verendete Ratten seziert und in deren Vormagen krankhafte Veränderungen gefunden 
die zu betrachtlicher Vergrößerung des Organs geführt hatten. Die mikroskopische Unter^ 
suchung ergab epitheliale Wucherung und Papillombildung; mächtige Epithelzapfen 
drängten in die Tiefe, die Magenmuskelschicht vor sich herschiebend. In den Wucher 
rangen fanden sich Fadenwürmchen, Nematoden, und es erhob sich sofort die Frage ob 
zwischen diesen Parasiten und den Wucherungen ein Zusammenhang bestehe. Eine 'alte 
Beobachtung aus dem Jahre 1876 ließ dann Fibiger als andern Wirt der Würmchen Schaben 
aultinden. Solche Schaben wurden im weitern an Ratten verfüttert und damit künstlich 
Geschwülste am Rattenvormagen erzeugt, die vielfach krebsig degenerierten. Das Faden, 
wurmchen erhielt den Namen Spiroptera neoplastica oder Gongylonema neoplasticum 
Der einmal erzeugte Magenkrebs (Kankroid) zeigte alle Merkmale einer bösartigen Ge* 
schwulst, auch wenn keine Spiropteren mehr vorhanden waren, nämlich schrankenloses 
Wachstum, Verschleppung im übrigen Körper und Überpflanzbarkeit auf andere Ratten 
„tibiger hat sich auch sonst mit dem Krebsproblem beschäftigt": er zeigte daß Ein* 
spritzung embryonalen Flautgewebes die Verschleppung bei Impfgeschwülsten von Mäusen 
zu hemmen imsta nde ist. Der Schluß von Fibigers Nekrolog lautet: „Der Krebs ließ ihn 

ia) V. E. Mertens: Johannes Fibiger. Münch. med. Wschr. 1928, S. 440. 



Bemerk ungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung 61 

nicht los. Wie er sein wissenschaftliches Denken ergriffen hatte, so bemächtigte er sich 
schließlich auch seines Leibes. Am 30. Januar 1928 starb Johannes Fibiger, wie man 
hört, an Magenkrebs. Sein Namen bleibt auf den Tafeln der Geschichte der Krebskrank* 
Heit!" 

Ganz kurz das Wenige, was mir über Karl Gr aß mann 13 (1867—1933) bekannt ist. 

Als 28*jähriger begann er zu praktizieren und widmete sich „später als erster Arzt in 
München dem Fach der Herzkrankheiten." Von seinen 50 Publikationen betreffen 30 
sein Spezialgebiet. Es heißt von dem 66=jährig Verstorbenen im Nekrolog: „Graßmann 
war leider seit Jahren herzkrank und hat, wie man sagen kann, viel ,mit dem Herzen' 
gelebt. Durch bewußt zweckmäßige Lebensführung, soweit möglich, hat er sich seine 
Leistungskraft erhalten, bis nach einer abgelaufenen Bang erkrankung ein ernster Leidens* 
anfall im Herbst 1932 auftrat und ihm große Schonung auferlegte. In einem Verhältnis* 
mäßig günstigen Befinden erfolgte während des Osterurlaubs 1933 ein Schlaganfall, der 
ohne schweres Krankheitsbewußtsein in zwei Wochen zum Ende führte." Sie sehen hier 
eine Darstellung, die sich im Sinne der Selbstkenntnis bedeutend von derjenigen Fibigers 
unterscheidet. 

Den Psychiatern unter uns ist der Name des Gehirnforschers F. K. Walter, 1881— 
1935, als Vertreter der „organischen Richtung in der Psychiatrie" "bekannt. Ich lernte ihn 
1918 als Assistenten von Kleist, damals in Rostock, kennen und er ist besonders durch 
seine Untersuchungen über die BIut*Liquor* und Blutgehirnschranke von seiner offenbar 
etwas unbefriedigenden Nachkriegsarbeitsstätte in Bremen allgemein bekannt geworden. 
Es heißt im Nekrolog: 11 „W.s Tod war tief tragisch. Zur gleichen Zeit, als die Hoffnung 
auf eine Arbeitsstätte in greifbarer Nähe auftauchte, an der er sich ganz der Forschung 
hätte widmen können, machten sich die ersten Erscheinungen eines schweren Leidens 
bemerkbar, dessen Entwicklung er klar verfolgte, Die Operation eines Meningioms der 
hintern Schädelgrube verlief günstig, aber zwei Tage später erlag er einer nachträglich 
hinzugetretenen Kreislaufschwäche." Es handelt sich also bei der Hirngeschwulst W.s um 
eine Mißbildung gerade an einer derjenigen Stellen, die ihm bei seinen Untersuchungen 
der Schranken im Stoffaustausch zwischen Zentralorgan und übrigem Körper besonderes 
Interesse geboten hatte. Und ähnlich wie bei Fibiger ist zu sagen, daß der Beginn der 
tödlichen Wucherung viel eher mit der jahrzehntelang zurück* 
liegenden entsprechenden Um weit f o r s chu n g zusammenfallen 
dürfte, als daß das Leiden erst kurz vor seiner Entdeckung zur 
Entstehung gekommen. 

Zum Schluß noch ein Weniges über den Internisten Paul M o r a w i t z. 15 Er ist im 
Juli 1936, offenbar noch nicht sehr alt, denn sein klinischer Lehrer L. v. Krehl schreibt 
ihm den Nekrolog, einer Arteriosklerose der Kranzarterien erlegen, nachdem zwei Jahre 
vorher, im August 1934, das Leiden als schwerster Anfall von Angina pectoris erstmals in 
Erscheinung getreten, aber schon 25 Jahre zuvor, nämlich ab 1911, „eine ganze Reihe von 
Arbeiten über die Herzleistung bei Koronarerkrankungen" ihren Anfang genommen. Krehl 
schreibt: „Wie Schwenkenbecher darlegt, liegt eine furchtbare Tragik in dem so leb* 
haften und höchst erfolgreichen Interesse für die Veränderungen der Kranzgefäße und 
dem Geschick, das ihn uns nahm im fruchtbarsten Alter und auf der Höhe seiner Leistungs* 
fähigkeit." 

13) Hermann Berge at: Karl Graßmann. Münch. med. Wschr. 1933, S. 855. 

14) Hugo Spatz: Friedrich Karl Walter f. Münch. med. Wschr. 1936, Nr. 6, S. 276. 

15) L. von Krehl: Paul Morawitz. Münch. med. Wschr. 1936, Nr. 34, S. 1397. 



62 H. Christoffel: Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung 



Ich komme zum Schlüsse, daß G r a b e r s Komposition der zweierlei Iden* 
tifizierungsmechanismen zu dem, was er den vollen Vorgang heißt, unsere 
Arbeit in verschiedener Hinsicht anregt und fördert. In therapeutischer Be* 
ziehung hätte ich das Nützliche seiner Fassung besonders für gewisse, den 
Paranoikern nahestehende Psychoneurotiker zu betonen, deren Projektionen 
sich weniger intensiv an der Umwelt als an ihnen selbst abspielen, autjo* 
plastisch abspielen, so daß diese enorm empfindlichen Menschen gewisser* 
maßen ohne Rückgrat, dafür mit inkrustierten Passividentifikationen, wie 
eingemauert, in die Analyse kommen und in dieser wiederum gleich einem 
Einsiedlerkrebs in seiner Muschel sich auf langen Aufenthalt zu bergen 
suchen. 

Doch, so viel noch zu sagen wäre, möchte ich nur noch andeuten, daß es 
in der Psychoanalyse gelegentlich ähnlich zugehen kann wie in der Histo* 
logie, wo eine etwas abgeänderte Methode oder die Kombination zweier 
Färbungen besonders deutliche Bilder zu Tage treten lassen kann. Daß diese 
Bilder Bilder und nicht das Eigentliche sind, wissen wir alle. L. Levy* 
Brühl 16 hat einst sehr bescheidentlich ein „loi de participation" aufzustellen 
und die mystische Verbundenheit zwischen Individuum und Umwelt etwas 
aufzuhellen gesucht. Die Psychoanalyse ist schon länger, seit Freuds 
Traumdeutung, imstande, mit den Primärvorgängen im Sinne der Verdich* 
tung, Verschiebung usw. zu arbeiten. Aber wir sind doch wohl, so stark 
wir das in und aus der Tiefe Waltende empfinden, immer noch näher dem 
A der von Thomas Mann so genannten psychoanalytischen Initiation, so 
daß uns das O nur in fast unwirklicher Ferne erscheint. 



16) Levy* Brühl: Les fonctions mentales dans Ies societes inferieures. Paris, Alcan, 
1910. 



Psychologie des Selbstmordes 1 

Von 

Angel Garma 

Madrid 

„Daß ihr Menschen, um von einer Sache zu reden, gleich sprechen 
müßt: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös! Und was 
will alles heißen? Habt ihr deswegen die inneren Verhältnisse einer 
Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu ent* 
wickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte? Hättet ihr 
das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein." Goethe 



Der Verlust des Liebesobjektes. 

Wir alle haben schon Beschreibungen von Selbstmordfällen gelesen, deren 
Motiv ein schwerer wirtschaftlicher Fehlschlag oder der Tod eines geliebten 
Wesens war. Wie sind solche Selbstmorde psychologisch zu erklären? 

Das Individuum faßt den Tod eines geliebten Menschen oder eine wirk 
schaftliche Niederlage wie unersetzliche Verluste auf; das Leben hat alles 
Interesse verloren, denn infolge des Bankrotts oder des Todesfalls hält sich 
der Mensch für unfähig, seine wichtigsten Wünsche zu befriedigen. Das 
Leben verliert seinen fesselnden und befriedigenden Charakter; so ist es nicht 
erstaunlich, daß das Individuum erwägt, seiner Existenz durch Selbstmord 
ein Ende zu setzen. 

Wissenschaftlich könnten wir diese Tatsache so definieren: Der Verlust 
eines lebenswichtigen libidinösen Objektes ist eine der Ursachen des Selbst* 
mordes. 2 

i) Nach einem Vortrag, gehalten auf der VI, Versammlung der Liga espanola de Higiene 

Mental in Madrid, Dezember 1935 ; aus dem Französischen übertragen von Lilly N e u r a t h. 
2) In der Literatur kann man zahlreiche Beispiele finden, aus denen klar hervorgeht, 

daß der Wunsch, sich selbst zu töten, durch den Verlust eines libidinösen Objektes von 

vitaler Bedeutung entsteht: 

In: „Los amantes de Teruel" von Hartzenbusch, III. Akt, 2. Szene, Marsilla: 

„Der Schmerz der andern schafft meinen nicht aus der Welt. Womit wollt ihr, daß 
ich die schauderhafte Leere wiederbelebe, die meine Seele empfindet, da sie ihres 
liebsten Besitzes beraubt wurde; Mein Vater, ohne Isabella gibt es nichts 
mehr auf der Welt für Marsilla! In meiner Schmerzensraserei verzehrt 
mich Blutdurst. Ich will Blut in Strömen fließen lassen, um meinen Durst zu stillen, 
und werde ich kein anderes mehr vergießen können, so wird dies Schwert meins aus 
den Adern rinnen lassen." 

In demselben Werk, IV. Akt, 10. Szene, Isabella: 

„Seine unglückliche Liebe tötet ihn! Ich Wahnsinnige sagte ihm: Ich 
hasse dich — und er hat dies frevelhafte Wort geglaubt und ist aus Verzweiflung 
gestorben." 



64 Angel Garma 






Ist dem Individuum sein lebenswichtiges libidinöses Objekt verloren ge* 
gangen, so hat es den Wunsch, auf dieselbe Weise aus dem Leben zu ver* 
schwinden, wie das lebenswichtige Liebesobjekt verschwunden ist. Es gibt 
etwas wie eine Identifizierung mit dem verlorenen Liebesobjekt; und häufig 
versucht der Selbstmörder auf dieselbe Art zu verschwinden wie sein Liebes* 
objekt. Diese Identifizierung wird in solchen Fällen von Selbstmord, die 
durch den Tod einer innig geliebten Person verursacht wurden, 3 besonders 
deutlich. 

In: „Alvaro o la fuerza del sino" von A. Saavedra, III. Akt, 3. Szene: 

„Sevilla! Guadalquivir ! Wie ihr meinen Kopf martert! O Nacht, in der ich mit 
einem Mal mein zu kurzes Glück entfliehen sah! Oh, wie schwer 
ist das Lehen!" 
In: „Antonius und Cleopatra" von Shakespeare, IV. Akt, 15. Szene: 
Cleopatra: O, edelster der Männer! willst du scheiden? 

Sorgst du denn nicht um mich? Aushalten soll ich 

In dieser schalen Welt, die ohne dich 

Nicht mehr ist als ein Viehstall? Seht, ihr Fraun, 

Es schmilzt der Erde Krone! Oh, mein Herr! 

Nun könnt ich gleich 

Mein Zepter auf die neid'schen Götter schleudern, 

Und rufen, diese Welt glich ihrer ganz, 

Bis sie mein Kleinod stahlen! — Alles nichts! — 

ist's dann Sünde, 

Zu stürmen ins geheime Haus des Todes, 

Eh' Tod zu uns sich wagt? 

In der Bibel, Buch der Könige, I. Buch, Kapitel 16, Vers 15: 

„Im sieben und zwanzigsten Jahr Asas, des Königs Judas, ward Simri Konig sieben 
Tage zu Thirza. Und das Volk lag vor Gibbethon der Philister." 

"iDa aber das Volk im Lager hörte sagen, daß Simri einen Bund gemacht und auch 
den König erschlagen hätte, da machte ganz Israel desselben Tags Omn, den teld* 
hauptmann, zum Könige über Israel im Lager." 

„Und Omri zog herauf und das ganze Israel mit ihm von Gibbethon, und belagerten 

Thirza." 

Vers 18: , „ , , . 

„Da aber Simri sah, daß die Stadt sollte genommen werden, ging er m den Palast im 

Hause des Königs, und starb." 

3 ) In der folgenden Notiz, die in einer Zeitung vom 23. Februar 1935 erschienen ist, 
kann man die Identifizierung mit dem verschwundenen geliebten Menschen und das 
Suchen nach einem analogen Tod, beobachten: 

London, 22. Februar: Wir erfahren, daß die zwei jungen amerikanischen Madchen, die 
einem Flugunglück bei Messina zum Opfer fielen, Selbstmord begangen haben, da sie über 
die Nachricht vom Tode zweier englischer Flieger in Verzweiflung geraten waren. Die 
beiden jungen Mädchen öffneten die Türe des Flugzeuges und stürzten sich umschlungen 
ins Leere ... Sie hatten alle Plätze des Flugzeuges belegt und den Piloten bewogen, Tut 
und Fenster, die die Passagierkajüte vom Führersitz trennen, zu schließen. Die beiden 
jungen Mädchen waren mit den Leutnants H. B. und J. F. verlobt, die sich unter den 
Opfern der Flugkatastrophe in Sizilien befanden. 



r 



Psychologie des Selbstmordes 65 

So ist es auch beim Selbstmord der Melibee in „La Celestine" von F. de 
Rojas (XV. Jhdt.)- Melibees Liebhaber, Caliste, war unglücklich von der 
Leiter gefallen, die er zum Hinaufsteigen zu seiner Geliebten benützt hatte, 
und starb. Melibee ruft, indem sie Selbstmord begeht: „Sein Tod ruft nach 
dem meinen . . . nicht länger zögern . . . und ich muß wie er ins Leere 

^ stürzen, um ihm auf seinem Weg zu folgen." 
Wenn wir diese Betrachtungen zusammenfassen, können wir folgendes 
Schema entwerfen: 



Verlust des lebenswichtigen libi« 

dinösen Objekts 

V 



Wunsch nach Wiedererlangung Unmöglichkeit, das verlorene 

des verlorenen Objekts Objekt wiederzuerlangen 

V 



7 / 

Identifizierung mit dem verlöre» 

nen Objekt 

v 



V 

Selbstmord 

IL 

Zur Psychologie von Depressionszuständen. 

Der Selbstmord ist eine Handlung aus intensivem Auto^Sadismus. Das Ich 
greift sich selbst an. In einem solchen Akt begeht das Ich gegen sich selbst 
eine aggressive Handlung von solcher Heftigkeit, daß es ihm gelingt, sich 
zu zerstören. 

Prüfen wir also jetzt den Selbstmord vom Gesichtspunkt der Aggression 
gegen sich selbst. 

Die psychische Erkrankung, bei welcher der Selbstmord am meisten zu 
befürchten ist, ist ohne Zweifel die Melancholie. Befragt man die Melan* 
choliker nach den Motiven ihrer Selbstmordabsicht, so antworten sie, daß sie 
einem unerträglichen Leben ein Ende machen wollen oder daß sie den Tod 
suchen, um sich für ihre zahlreichen Fehler zu bestrafen. Die selbstzerstöre* 
rischen Tendenzen des Melancholikers manifestieren sich nicht nur in Form 

Imago XXIir/1 5 



66 Angel Garma 



von Selbstmordideen, sondern auch in Vorwürfen, die er sich selbst mit ver* 
schiedenen Begründungen macht. 

Wahnideen fehlen in keinem Fall von Melancholie, sie nehmen die Form 
von ökonomischem, körperlichem oder seelischem Ruin an. Die Kranken sind 
dann der Meinung, daß sie sich unrichtig verhalten hätten und daß es nichts 
gäbe, was sie retten könnte; sie erinnern sich an alle Fehler, die sie je be* 
gangen haben, und verwandeln die unschuldigsten Handlungen in schwere 
Sünden. Sie halten sich auch für die Ursache der Unglücksfälle, die in ihrer 
Umgebung vorkommen, halten sich für schuldig, weil andere von der gleichen 
Krankheit, wie sie selbst befallen werden, haben Schuldgefühle, wenn einer 
dieser Menschen gestorben ist . . . Sie glauben, daß die ganze Welt sie wegen 
ihrer Sünden verachten muß und daß sie im Diesseits oder Jenseits, meist 
in einer schrecklichen Weise, dafür bestraft werden. 

Freud hat gezeigt, daß die Anklagen des Melancholikers Vorwürfe sind, 
die der Kranke gegen ein Objekt der Außenwelt erhebt. Die Schlußfolgerung 
Freuds ist in der Formel zusammengefaßt: „Die Klagen sind Anklagen". 
Das bedeutet, daß der Melancholiker, wenn er seine Aggression gegen sich 
selbst wendet, in Wirklichkeit ein Objekt der Außenwelt angreifen will. 

Um den psychischen Mechanismus der Melancholie verständlicher zu 
machen, werden wir ihn wie Freud an dem Medium konkreter Fälle de* 
monstrieren. 

An der Grenze des Normalzustandes gibt es einen psychischen Zustand, 
der analoge Merkmale aufweist wie der pathologische melancholische Zustand. 
Dieser Zustand ist die Trauer, d. h. der Zustand des Traurigseins, in dem 
sich ein Individuum befindet, das einen geliebten Menschen verloren hat. 

Nehmen wir als Beispiel einen Mann, der eine Frau sehr liebt. Nehmen wir 
an, daß diese Frau durch einen Unglücksfall, den er nicht verhindern konnte, 
stirbt. Nach dem Tode dieser geliebten Frau durchlebt der Mann eine Zeit 
der Niederschlagenheit, die wir unter dem Namen der Trauer kennen. Wäh* 
rend dieser Periode der Trauer bewirkt das Ich des Subjektes eine langsame 
Abnahme der Intensität der Affektbesetzungen, die auf die innerpsychische 
Repräsentanz der geliebten Frau gerichtet sind. Diese Arbeit der Herab* 
setzung der Intensität der Affektbesetzungen — Trauerarbeit nach der 
Namensgebung Freuds — ist von Traurigkeit begleitet. Das Subjekt er* 
innert sich an jeden glücklichen Augenblick, den es mit der entschwundenen 
Frau gelebt hat, und das Erinnern ruft seine Erregung und seinen Schmerz 
hervor. 

In dieser Trauerperiode wird die Realität vom Individuum einer partiellen 
Entwertung unterzogen. Das Leben scheint weniger interessant und sogar 
unangenehm; Handlungen werden wie mechanisch vollzogen. 



Psychologie des Selbstmordes 67 



Manchmal treten auto*aggressive Tendenzen in verschiedenen Formen auf: 
Sehnsucht zu sterben, der "Wunsch sich Schmerz zuzufügen, z. B. durch 
Kratzen oder Haarausreißen, oder indem man sich andere Verletzungen zu* 
fügt. Diese auto*aggressiven Tendenzen kann man deutlich in den Trauer* 
riten gewisser Völker beobachten (sich die Kleider zerreißen, sich Asche aufs 
Haupt streuen, sich nicht waschen . . .) 4 

Nach und nach aber, nach längerer oder kürzerer Dauer, läßt die Fähigkeit, 
sich beim Hervorrufen der Erinnerungen aufzuregen, nach und der Schmerz 
wird geringer. Die Trauer hat ihre Arbeit geleistet. 

Im seelischen Komplex der Trauer sind vier verschiedene Faktoren ent* 
halten: 

1. Eine Verminderung der Intensität der affektiven Tendenzen, die auf die 
innerpsychische Repräsentanz des Liebesobjekts gerichtet sind, 

2. Traurigkeit, 

3. Entwertung der Realität, 

4. gewisse aggressive Tendenzen gegen das Ich. 

Dies ist die Trauer, die man eine normale nennen könnte. Wenden wir uns 
der Melancholie zu. Nehmen wir an, daß der Tod der geliebten Person zum 
Teil die Folge einer vom Subjekt begangenen Handlung sei. Nehmen wir als 
Beispiel den Fall einer Mutter, die sich für den Tod ihres Kindes verantworte 
lieh fühlt, weil sie es nicht gut genug behütet hat. Die Nachlässigkeit in der 
Erfüllung ihrer Mutterpflichten wird bei dieser Mutter ein um so schwereres 
Schuldgefühl wecken, je größer ihre Liebe zum Kinde war. Die Trauer dieser 
Mutter wird insoweit der des Melancholikers analog sein, als beide intensive 
Selbstvorwürfe zeigen. 

Wir prüfen nun den psychischen Mechanismus der p s y c h o g e n e n D e* 
p r e s s io n. Zu diesem Zweck werde ich kurz die Psychogenese der Depres* 
sion eines Kranken beschreiben, den ich psychoanalytisch behandelt habe. 
Eines der hervorragendsten Symptome dieses Kranken waren seine Selbst« 
mordideen. Gerade dadurch ist der Kranke besonders geeignet, uns beim 
Eindringen in die Probleme der Selbstmordpsychologie zu helfen. Er wies 
außerdem die üblichen Symptome der Depression auf: Traurigkeit, Arbeits* 
Unfähigkeit, Selbstanklagen, die fixe Idee des wirtschaftlichen Bankrotts und 
einer moralischen Katastrophe in der Zukunft. 

Die Geschichte dieses Patienten war folgende: Seit Jahren stand er in intimer 
Beziehung zu einer Frau, die sozial unter ihm stand. Diese Liebesbeziehung hatte 
ihm wegen des gesellschaftlichen Unterschiedes einige Unannehmlichkeiten be* 

4) Vgl. Virgil, Aenei's: Halb entseelt und erschreckt in bebendem Laufe vernahm es 
Anna, entstellt mit Fäusten die Brust, mit Nägeln das Antlitz, stürzte durchs drängende 
Volk und rief der Sterbenden Namen. (IV. Gesang, V, 670.) Neuffer, Stuttgart, '-• 1830. 



68 Angel Garma 






reitet. Vor einem Jahr war diese Frau krank gewesen und ihre Krankheit stand 
mit ihrem sexuellen Leben in Zusammenhang. Der Patient fühlte sich an diese 
Frau gebunden und hielt sich für moralisch verpflichtet, seine Beziehungen zu ihr 
ungeachtet des gesellschaftlichen Nachteils, den sie ihm bringen konnten fort* 
zusetzen. Diese moralische Verpflichtung begründete er mit der langen Dauer 
der Beziehung und mit der Krankheit seiner Geliebten. Dennoch war seine Liebe 
viel schwächer geworden. . 

Beinahe mit einem Schlag und aus verschiedenen Gründen besserte sich plotz* 
lieh die gesellschaftliche Stellung des Patienten. Er bekommt eine Anstellung, m 
der er große Verantwortung und große gesellschaftliche Verpflichtungen hat. 
Dieser Veränderung wegen bringt ihm seine Liebesbeziehung noch größeren 
Nachteil. Der Patient möchte dem Verhältnis ein Ende bereiten, aber er tut nichts 
dazu, weil er sich verpflichtet fühlt, seine kranke Freundin nicht im Stich zu 
lassen. Gleichzeitig fühlt er sich wegen dieses von der Gesellschaft mißbilligten 
Verhältnisses in sozialer Beziehung schuldig. 

In dieser psychischen Situation hat der Patient von selten seiner Feinde mehrere 
gegen sein berufliches und gesellschaftliches Leben gerichtete Angriffe zu er* 
dulden. Diese Angriffe erschrecken ihn, er meint, sich nicht verteidigen zu 
können, und die Symptome der psychogenen Depression treten auf. 

Warum ist dieser Kranke unfähig, sich gegen die Angriffe seiner Feinde 
zu verteidigen? Ein normaler Mensch hätte sich leicht verteidigt und hätte 
so neuerlich einen sozialen Sieg davongetragen. Aber unser Kranker glaubte 
auf Grund seiner Schuldgefühle wegen der Beziehung zu seiner Geliebten, zur 
Verteidigung nicht fähig zu sein. Seine Feinde griffen sein gesellschaftliches 
Leben an; nun gab es in seinem gesellschaftlichen Leben ein Faktum, das der 
Kranke für tadelnswert hielt. Das Unbewußte des Kranken setzte die An* 
griffe seiner Feinde mit seinen Selbstvorwürfen wegen dieser Tatsache gleich. 
Angesichts der Angriffe seiner Feinde kann der Kranke nicht normal rea* 
gieren, weil er sich in seinem Verhalten der Gesellschaft gegenüber wirklich 

schuldig fühlt. 

Ich will einen Traum dieses Kranken anführen, in welchem dieser 
psychische Mechanismus klar aufscheint. Der Traum lautet: 

„Ich betrachte ein Schaufenster. A und B nähern sich mir und fragen 
mich, was es Neues gebe. Ich ärgere mich über sie und beschimpfe sie. So 
sehr, daß sie eine Person rufen müssen, die ich nicht gut ausnehmen kann. 
In diesem Augenblick denke ich an D (die Freundin des Patienten). Ich 
werde plötzlich traurig und kann nicht mehr weitersprechen." 

A und B sind zwei Personen, die in den Angriffen gegen den Kranken 
besonders hervortreten. Kennt man diese Tatsache, so ist der Traum, der dem 
angeführten Mechanismus folgt, vollkommen verständlich. Der Kranke will 
den Angriffen entgegentreten, aber die Erinnerung an seine Geliebte hindert 
ihn daran, sich zu verteidigen, und ruft seine Traurigkeit hervor. 

Resümieren wir den Mechanismus der Depression dieses Kranken: 



Psychologie des Selbstmordes 



69 



1. Ambivalente Liebesbeziehung, weil dem Ich nicht günstig. 

2. Sozialer Triumph, der bewirkt, daß die Ambivalenz der Liebesbeziehung 
noch verstärkt wird. Die Liebesbeziehung ruft Schuldgefühle hervor: 

a) gegenüber der Gesellschaft wegen der sozialen Ungleichheit des 
Kranken und seiner Freundin, 

b) gegenüber seiner Freundin, weil er die Ursache ihrer Erkrankung ist. 

3. Angriffe in seiner gesellschaftlichen Stellung. Das Gefühl der Schuld 
hindert den Kranken, normal auf die Angriffe zu reagieren. Die wegen 
der Schuldgefühle unterdrückte Aggression verwandelt sich in Selbst* 
vorwürfe. Auf diese Weise entsteht die Depression. 

Im Verlaufe der Psychoanalyse gelang es, die Schuldgefühle des Kranken 
zu verringern, indem ihm deren Ursprung in infantilen Erlebnissen nachge* 
wiesen wurde. Es war sehr interessant, während der Behandlung zu be«= 
obachten, wie in dem Maße, in dem das Schuldgefühl geringer wurde, sich 
die Aggression, anstatt sich gegen ihn selbst zu wenden, immer mehr gegen 
die Außenwelt richtete. Es gab eine Behandlungsperiode, in welcher die Ag* 
gression sich schon gegen die Außenwelt richten konnte, aber das Schuld* 
gefühl noch genügend stark war, um zu verhindern, daß sie sich direkt gegen 
ihre Quelle richtete. In diesem Zeitraum griff der Kranke anstatt seine Feinde 
die Gesellschaft im allgemeinen an und betrachtete sie als die Ursache aller 
seiner Leiden. In einer späteren Phase, als das Schuldgefühl bereits geringer 
war, konnte der Kranke seine Gegner direkt angreifen und im realen Leben 
über sie einen Sieg erringen. 

Die Selbstvorwürfe des Kranken in der Periode der Depression sind also 
Vorwürfe, die der Kranke gegen die Außenwelt richten will v aber wegen 
seines Schuldgefühls nicht richten kann. In dem oben zitierten Fall machte sich 
der Kranke, je mehr ihn seine Feinde angriffen, desto mehr Vorwürfe wegen 
des Anwachsens seiner unterdrückten Aggression. Zugleich sind die Selbst« 
vorwürfe die Vorwürfe, die die Außenwelt dem Kranken macht. 

Die Selbstmordgedanken sind, ebenso wie die Selbstvorwürfe, Todes* 
wünsche, die sich gegen die Feinde richten und in zweiter Linie gegen die 
eigene Person. 5 

Man kann theoretisch annehmen, daß es Fälle gibt, in welchen die Wen* 
düng aggressiver Tendenzen gegen die eigene Person dann eintritt, wenn diese 
aggressiven Tendenzen nicht real befriedigt werden können, auch wenn das 
Individuum kein Schuldgefühl hat. Es handle sich z. B. um einen Menschen in 

5) In dem berühmten Monolog des Hamlet (III. Akt, 1. Szene) spürt man genau den 
Augenblick, in welchem bei Hamlet, der vor der Unmöglichkeit steht, gegen die Angriffe 
der Außenwelt zu kämpfen, das Es die aggressiven Wünsche gegen die eigene Person 
wendet. Hamlet denkt dann an den Selbstmord. 



..-,... .. 



70 Angel Garma 



widriger sozialer Lage, der nicht einmal seine natürlichsten Bedürfnisse be* 
friedigen kann. Infolgedessen entschließt er sich zum Selbstmord. Die Welt, 
die ihn leiden läßt, erweckt in ihm Aggressionen. Seine aggressiven Gefühle 
können nicht befriedigt werden, weil es ihm unmöglich ist, den Kampf gegen 
einen Organismus zu führen, der mit mehr Macht und Kraft ausgestattet ist 
als er selbst. Aus diesem Grund wendet er seine Aggression gegen sich selbst 
und denkt an Selbstmord. Fügen wir hinzu, daß in der Praxis Fälle dieseri 
Art sehr selten vorkommen. 

Nach all dem würde das Schema einer Psychologie des Selbstmordes etwa 
so aussehen: 



Aggression der Umwelt gegen das 
Subjekt 



V 



aggressive Regungen des Subjekts Unmöglichkeit, die Aggression 

gegen die Umwelt " in die Tat umzusetzen. 

V 



v 



Wendung der Aggression gegen 
die eigene Person 
V 



Selbstmord 

III. 

Die Rolle de rAggressionbeimSelbstmord. 

Versuchen wir nun, die aufgestellte These an Beispielen zu verifizieren; 
vielmehr prüfen wir, ob der Selbstmord wirklich eine Aggression gegen die 
Außenwelt darstellt, eine Aggression, die — sekundär und aus verschiedenen 
Gründen — gegen die eigene Person gewendet wurde. 

Um diese praktische Darstellung zu einem Resultat zu führen, werden wir 
uns auf die psychologische Erforschung von Selbstmorden und echten Selbst* 
mordversuchen und auch auf Beschreibungen solcher in der Literatur stützen. 

Ein Patient dachte häufig an Selbstmord, weil ihm das Leben infolge seiner 
Neurose unerträglich war. Eine fixe Idee des Kranken war folgende: Er dachte, 
ein Krieg sei erklärt worden und er müßte an die Front gehen. Er erinnerte sich 
an eine Szene, die er in einem Buche von Barbusse (Le Feu) gelesen hatte, in 
der die Soldaten einen Sturmangriff auf einen feindlichen Schützengraben 



L 



Psychologie des Selbstmordes 71 



machen. Bei diesem Angriff müssen die Soldaten über einen Platz, auf den ein 
ganz mörderisches Gewehr* und Geschützfeuer niedergeht. Bei dieser Erinne* 
rung wird der Kranke von Schrecken ergriffen und beschließt, im Falle eines 
Krieges und der allgemeinen Mobilisierung eher Selbstmord zu begehen, als an 
die Front zu gehen. Der Sinn dieser Gedanken des Kranken läßt sich aus dem 
Schema über die Motivierungen des Selbstmordes verstehen. Das Leben im 
Schützengraben repräsentiert die Aggression der Umgebung, die Pflicht, als 
Soldat in den Schützengraben zu gehen, repräsentiert die Unmöglichkeit, der 
Aggression der Umgebung zu entkommen, der Selbstmord schließlich ist die 
Wendung der Aggression gegen die eigene Person, da diese Aggression unmög* 
lieh gegen die Umwelt gerichtet werden kann. 

Analoge Gedankengänge sind relativ häufig, besonders in abgeschwächter 
Form. Die Braut eines unserer Kranken sagt diesem einmal, wenn sie selbst 
einmal verheiratet wären, so würde sie ihn verlassen, wenn sie sich in einen 
anderen verliebte. Dieses Gespräch machet auf den Kranken Eindruck, und allein* 
geblieben läßt er seiner Phantasie freien Lauf. Er denkt, das, was seine Braut 
ihm angekündigt habe, sei eingetreten. Er sagt sich, in einem solchen Fall würde 
er sich mit seiner Frau weiter gut vertragen, ihr das notwendige Geld geben, ihr 
seine Kinder überlassen, damit sie vollkommen glücklich sein könne, und danach 
würde er Selbstmord begehen, da ja dann das Leben für ihn keinen Wert mehr 
hätte. Der Sinn dieser Gedanken ist der gleiche wie im vorher geschilderten Fall. 

Ein Schizophrener, der Selbstmord beging, hatte einige Tage vor seinem Tod 
folgende Gedanken: Er hatte Lust, seinen Wärter zu töten, meinte aber, daß 
man ihn dann ins Gefängnis bringen würde. Da bewiesen wäre, daß er verrückt 
sei, würde man ihn in eine Irrenanstalt bringen, wo ihn, wie er glaubt, die Ange* 
hörigen nur einmal im Monat besuchen könnten und er ein elendes Leben führen 
würde. Hier liegt die Aggression im Wunsch, den Wärter umzubringen, die Un= 
möglichkeit, die Aggression zu verwirklichen, in der Tatsache, daß er in ein 
Gefängnis oder in eine Irrenanstalt eingesperrt würde. Der aggressive Wunsch 
bringt ihn dazu, Selbstmord zu begehen. 

König Karl VIII. von Frankreich war von häßlicher Gestalt und hatte einen 
außerordentlich übelriechenden Atem. Als er in Neapel einzog, soll er befohlen 
haben, ihm eine Anzahl Fischerinnen von Santa Lucia zu bringen; nachdem er 
die hübscheste von ihnen, ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, ausgesucht, 
habe er mit ihr die Nacht verbracht. Am nächsten Morgen habe das junge Mäd* 
chen, von dieser schrecklichen Nacht mit Ekel erfüllt, einen Felsen bestiegen und 
sich ins Meer gestürzt. 6 Der Selbstmord dieses jungen Mädchens zeigt ihren 
Wunsch, den König zu töten. Diese Aggression läßt sich nicht verwirklichen und 
wendet sich gegen sie selbst. Wenn sie sich tötet, so will sie damit eigentlich den 
König töten. 

Aus der gegen die Außenwelt gerichteten Aggression entspringen die 
Selbstmordideen. Ändert sich aus irgendeinem Grund der Aspekt der gegen 
die Außenwelt gerichteten Aggression, so modifizieren sich auch die Selbst«' 
mordgedanken. 

fi) Berichtet von Kl ab und: Borgia. Roman einer Familie. 



72 Angel Garma 



Eine Patientin hatte im Beginn der Behandlung Selbstmordideen. Im Verlauf 
der Behandlung gelang es, ihre Aggression gegen die Außenwelt herabzu* 
mindern; diese Aggression manifestierte sich speziell in ihren Beziehungen zu 
ihrem Gatten. Die psychische Modifikation bei der Kranken hatte das Schwin* 
den ihrer Selbstmordwünsche zur Folge. Dennoch drängten sie ihre infantilen 
Konflikte, die noch nicht völlig gelöst waren, dazu, den Tod zu wünschen. In 
dieser Phase suchte die Patientin den Tod, der durch eine Krankheit herbeige» 
führt werden kann. Sie setzte sich z. B. der Kälte aus, um eine Lungenent* 
zündung zu bekommen, die sie töten sollte. Sie dachte, wenn sie auf solche Weise 
stürbe, würde ihr Mann weniger leiden, als wenn sie sich umbrächte. In einer 
späteren Phase der Behandlung, als ihre infantilen Konflikte und die von ihnen 
verursachte Aggression erst einmal aufgelöst waren, verschwanden die Selbst* 
mordideen und die Kranke fühlte sich mit der Außenwelt und mit sich selbst 
zufrieden. 

Sobald die Umwelt nicht mehr unerträglich ist, schwindet die von ihr her* 
vorgerufene Aggression und die Selbstmordwünsche vergehen. Dies ist der 
Fall in dem von Ferri zitierten Beispiel über den Selbstmord zweier 
Liebender:' 

„Amedee nimmt den Revolver heraus, den er tags vorher gekauft hatte. Rosine 
ist in Gedanken an den bevorstehenden Tod versunken; dann, als wäre sie vom 
plötzlichen Wunsch nach Genuß vor dem Sterben neu belebt, sagt sie: , Lieben 
wir uns, ehe wir uns den Tod geben'. Und so taten sie es. Dann verlangte Rosine 
von Amedee, der schwankend wurde, er solle sie töten. Er tötet sie; aber er hatte 
darnach nicht mehr den Mut, sich selbst zu töten. Vielleicht hatte die 
Lust, die er soeben genossen hatte, in ihm die Liebe zum 
Leben wiedererweck t." 8 

Dasselbe begibt sich in dem von Paul Bourget in „Le Disciple" beschrie* 
benen Selbstmord. Zwei Liebende wollen Selbstmord verüben, beschließen aber, 
sich vor ihrem Tode zum ersten Male zu besitzen. Der Sexualakt be* 
friedigt den Mann vollkommen, gewährt der Frau aber keine Lust. Durch die 
genossene Lust verliert das Leben für den Mann seinen aggressiven Charakter 
und wird ihm wieder angenehm. Er beschließt, sich nicht zu töten. Die Frau 
aber, der die Lust versagt blieb, hat weiter die gleichen psychischen Konflikte und 
verübt den Selbstmord. 

Fahren wir mit der Untersuchung von in der Literatur beschriebenen 
Selbstmorden fort und prüfen wir, ob sie denselben psychologischen Ge* 
setzen gehorchen wie die bis jetzt behandelten. 

Tolstoi gibt als Motiv für Anna Kareninas Selbstmord ihren Wunsch an, 
sich an ihrem Geliebten zu rächen. Er schreibt: „Der Tod erschien ihr als das 1 
einzige Mittel, seine Liebe wieder zu erwecken und ihn zu strafen . . . Ein Ein* 
ziges interessierte sie: ihn strafen. Da, sagte sie, und schaute auf den Schatten 
des Waggons und auf den mit Kohle vermengten Sand, der den Schienenweg 

7) Vgl. Ferri: Homicidio, suicidio. S. 131 (zitiert nach der spanischen Ausgabe, 
Madrid, 1934). ' 

8) Von mir gesperrt. 



Psychologie des Selbstmordes 



73 



bedeckte, da, quer darüber liegen ... So werde ich ihn bestrafen und mich von allen 
und von mir selbst befreien." Ihn strafen und sich von allen befreien, repräsen* 
tiert die Aggression gegen die Außenwelt. Sich töten und so sich von sich selbst 
befieien, repräsentiert die gegen die eigene Person gewendete Aggression. 

Alfred de Vigny erklärt in „Chatterton" die Gründe zum Selbstmord, in* 
dem er die Hauptfigur des Stückes so sprechen läßt: 9 „Er ist von einer Krankheit 
befallen, die völlig moralischen Ursprungs und nahezu unheilbar, manchmal 
auch ansteckend ist: eine fürchterliche Krankheit, die sich besonders der jungen, 
brennenden, vom Leben unberührten Seelen bemächtigt, die in das Gute und 
Schöne glühend verliebt sind und die in die Welt eintreten, um dort alle 
Ungerechtigkeit, alle Scheußlichkeit einer schlecht konstruierten Gesellschaft an* 
zutreffen. Dieses Leiden ist der Haß auf das Leben und die Liebe zum Tod, es 
ist der hartnäckige Wille zum Selbstmord." 

Man könnte die Beispiele vervielfachen, aber wir werden uns mit einem 
letzten begnügen, wohl dem vklassischesten der Literatur: dem Selbstmord 
Werthers. 

Analysiert man dieses Werk oberflächlich, so gibt es darin scheinbar keine 
aggressiven Gefühle. Werther spricht von Charlotte und ihrem Manne Albert 
stets, als hielte er sie für ausgestattet mit jeglicher Vollkommenheit und als hätte 
er für alle beide tiefe Zuneigung. Wenn wir dieses Werk aber aufmerksam 
lesen, bemerken wir Einzelheiten, die das Vorhandensein einer intensiven unter* 
drückten Aggression bezeugen. 

Werther sagt einmal: „Wenn ich mich so in Träumen verliere, kann ich mich 
des Gedankens nicht erwehren: wie, wenn Albert stürbe?" 10 

Das will heißen, daß ihn während des Träumens der Wunsch nach Alberts 
Tod beherrscht. Die aggressiven Gefühle manifestieren sich auch in dem anderen 
zwanghaften Gedanken: er meint, er habe das gute Einvernehmen zwischen 
Albert und seiner Frau zerstört. Er macht sich selbst Vorwürfe und in diesen 
Vorwürfen enthüllt sich seine Abneigung gegen Albert. 11 

Auch Charlotte ist nicht die engelgleiche Frau^ die sie zu sein scheint, wenn 
man sich mit einer oberflächlichen Lektüre zufriedengibt. Sie trägt nicht nur zu 
Werthers Selbstmord bei, sie war auch schon die Ursache des Wahnsinns bei 
einem anderen Mann, der bei ihrem Vater war, sich in sie verliebte und des* 
wegen seine Stellung verlor; dies führte bei ihm zu einer geistigen Erkrankung 11 
und er war während eines Jahres in einem Irrenhaus interniert. 13 

Es gibt in diesem Werk kleine Details, die die aggressiven Gefühle der Per* 
sonen erraten lassen. Die Pistolen etwa, mit denen sich Werther tötet, gehören 
Albert, und Charlotte selbst bietet sie Werther an." Ein anderes solches Detail: 
Der Bediente, der von der Witwe entlasen wird, weil er sich in sie verliebte, 
ermordet den neuen Bedienten. 16 



9) 2. Akt, 5. Szene. 

10) Goethe: Ges. Werke, Band VI, S. 66. Verlag Boegel, Berlin, 1927. 

11) op. cit. S. 83. 

12) und 13) op. cit. S. 80 und 78. 

14) und i5) op. cit. S. 105, 107 und 84. 






74 



Angel Garma 



Das Schuldgefühl Werthers wegen seiner sündhaften Liebe zu beschreiben, ist 
unnötig, denn es liegt offen zutage. Dieses Schuldgefühl bringt es zustande, 
daß die von äußeren Umständen verursachte Aggression sich gegen das Ich 
wendet und dieses Ich zum Selbstmord treibt. 

Eine literarische Produktion sui generis ist der Witz. Freud hat uns 
seinen großen psychologischen Wert gezeigt. Der Mechanismus des Witzes 
besteht darin, daß unbewußte Vorgänge durch verschiedene Mittel bewußt 
gemacht werden. Die Witze über den Selbstmord bestätigen diese Festste!* 
lung. Als Beispiele seien nur zwei solche Witze angeführt: 




Im ersten handelt es sich um ein Gespräch zwischen zwei Personen. Der eine 
sagt: „Vier Freunde aus meiner Kindheit haben Selbstmord begangen. Einer, der 
arme Henri, weil seine Frau, gestorben ist." 

— „Und warum die drei anderen?" 

— „Gerade wegen des Gegenteils." 

Der Mechanismus dieses Witzes ist: Die drei Freunde, die Selbstmord be* 
gingen, waren mit unerträglichen Frauen verheiratet, die sie sehr gern umge* 
bracht hätten. Da sie diese Wünsche nicht in die Tat umsetzen konnten, 
waren sie genötigt, die Aggression gegen sich selbst zu wenden und sich zu 
töten. Dieser psychische Mechanismus, der im Witz durch das Mittel einer 
Ellipse 16 und durch den Gegensatz zwischen der Haltung des ersten Freundes 

16) Vgl. Th. Reik: Drei psychoanalytische Notizen. II. Der latente Sinn der ellip* 
tischen Entstellung. Imago, Bd. XII, 1926. 



L 



Psychologie des Selbstmordes 75 

und der der drei anderen ausgedrückt ist, bringt uns zum Lachen, enthüllt 
aber gleichzeitig einen tiefgehenden psychischen Mechanismus. 

Die vorstehende Abbildung bringt ein Analogon dazu. Die gegen die 
Außenwelt gerichtete Aggression, die zuerst unterdrückt und gegen das Ich 
gewendet wird, wendet sich schließlich mit plötzlicher Heftigkeit gegen das 
Objekt, das sie verursacht hat. Diese brüske Entladung der verdrängten Ag* 
gression bewirkt das Lachen. 

So wie die tatsächlichen und die in der Literatur beschriebenen Fälle zeigt 
auch die Statistik die enge Verknüpfung zwischen Selbstmord und Aggres* 
sion, die von der Außenwelt verursacht worden war. 

Gäbe es eine umgekehrte Beziehung zwischen Mord und Selbstmord, so 
wäre dies noch eine Bestätigung für das vorher Gesagte, denn der Selbstmord 
ist die Aggression gegen die eigene Person und der Mord die Aggression 
gegen die Außenwelt. D urck heim, F er ri, Mors eil i, Bouruet und 
Corre glauben an diese umgekehrte Beziehung. Tarde, Ferre, Silio und 
Halbwachs leugnen sie." Da eine solche Gegensätzlichkeit der Mei* 
nungen besteht, werden wir uns nicht auf die gegebenen Auffassungen 
stützen; aber die bloße Tatsache, daß eine umgekehrte Beziehung zwischen 
Selbstmord und Mord aufgestellt wurde, zeigt an, daß man die psychische 
Beziehung zwischen der Aggression gegen die Außenwelt und der gegen die 
eigene Person rückgewendeten Aggression fühlte. 

Halbwachs faßt die Schlußfolgerungen aus den statistischen Ergebe 
nissen folgendermaßen zusammen: „Die Selbstmordziffer ist ein ziemlich 
genauer Index für die Quantität von Leiden, Unbehagen, gestörtem Gleich* 
gewicht und Traurigkeit, die in einer Gruppe besteht oder entsteht". 13 „Die 
gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Zahl der Selbstmorde bedingen, sind 
die allein für eine Veränderung dieser Ziffer maßgebenden Faktoren", 19 denn 
die Verhältnisse der Individuen verändern sich im Lauf der Jahrhunderte 
wenig. Der „gesunde Menschenverstand" begreift nicht, daß „die individuelle 
Form dieser Geschehnisse (der Selbstmorde) nur eine Erscheinungsform ist 
und daß ihre Anzahl und ihre Verteilung von der Struktur und Art des Ge* 
sellschaftslebens bestimmt werden". 20 

Die durch die Statistik berichteten Tatsachen bestätigen also die These, 
daß der Selbstmord eine Aggression gegen die Außenwelt ist, die gegen die 1 
eigene Person rückgewendet wird. 

17) E. Ferri: Homicidio — Suicidio, S. 303. 

18) Halbwachs: Les causes du suicide. Paris* Alcan, 1930, S. 488. 

19) 1. c, S. 511. 
'20) 1. c, S. 514. 



I 



1 



" 
76 Angel Garma 







IV. 
Der Gedanke an den Tod im Selbstmord. 

Tritt man an das Problem des Selbsmordes heran, so denkt man zuerst 
an den Tod des Individuums, das Selbstmord verübt hat. Durckheim de* 
liniert den Selbstmord wie folgt: 21 „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, 
der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzu* 
führen ist, die das Opfer selbst begangen hat und von der es gewußt haben 
muß, daß sie todbringend ist." Wie in dieser Definition von Durckheim 
ist in allen Definitionen, die von Soziologen und Psychologen geliefert wer* 
den, der Tod des den Selbstmord verübenden Individuums einer der wesent* 
liehen Bestandteile der Definition. 

Der Verlust eines Liebesobjektes von lebenswichtiger Bedeutung und eine 
sekundär gegen die eigene Person gewendete Aggression sind die Faktoren, 
die das Individuum dazu treiben, zur Lösung seiner Konflikte den Tod zu 
suchen. 

Fragen wir nun, welcher psychologische Wert dieser Todesidee bei einem 
Individuum zukommt, das an Selbstmord denkt. Was bedeutet der Tod für 
dieses Individuum? 

Diese Fragestellung überrascht auf den ersten Blick. Ganz naturgemäß 
erscheint uns der Gedanke, daß der Tod für das Selbstmord begehende 
Individuum das Ende aller seiner Sorgen und die völlige Vernichtung seiner 
selbst bedeutet. 

Aber dieser erste Eindruck ist, wenn er auch vernunftgemäß erscheint, 
nicht richtig. In den meisten Fällen ist der Tod für das Selbstmord verübende 
Individuum weit davon entfernt, eine Vernichtung seiner selbst zu sein; im 
Gegenteil betrachtet es ihn als ein Mittel, um wenigstens teilweise zu er* 
reichen, was ihm vorher mangelte. Der Selbstmord ist ein Mittel, um weit 
mehr zu erlangen, als das Leben bietet. Um diese Behauptung zu bekräftigen, 
sei der Fall zweier Liebenden berichtet: Angesichts der ihrer Vereinigung 
entgegenstehenden Hindernisse beschließen sie, mit ihrem Leben Schluß zu 
machen, und begründen ihre Selbstmordabsicht folgendermaßen: „Wir 
wollen Selbstmord begehen, um alle Hindernisse zu zerbrechen, die sich un* 
serer Vereinigung entgegenstellen, um in alle Ewigkeit glücklich zu sein und 
uns niemals mehr zu trennen". 

So will auch Werther sich töten, um in alle Ewigkeit den glücklichen 
Moment zu erleben, da Charlotte ihn geküßt hat. Einige Minuten vor seinem 
Tod ruft er aus: „Sie ist mein! du bist mein! ja Lotte, auf ewig." 22 

21) Vgl. Durckheim: Le suieide, Paris, Libr. Alcan, 1930, S. 5. 

22) Goethe: Gesammelte Werke. Boegel, Berlin, 1927, S. 104. 



Psychologie des Selbstmordes 



77 



Werther ersehnte und wollte die Beendigung seines Lebens, ohne wirklich 
zu begreifen, was der Tod ist. „Sterben! Grab! ich verstehe die Worte 
nicht!" 83 

Zur Bestätigung dessen, daß der Selbstmord in der Vorstellung des Selbst* 
mörders nicht die Vernichtung des Lebens ist, genügt es, die Beschreibung 
nachzulesen, diePlutarch von einer Anzahl von Selbstmordfällen in Milet 
gegeFen hat: 24 

„Die milesischen Jungfrauen wurden einst von einem schrecklichen und 
sonderbaren Übel befallen, ohne daß man irgend einen Grund dafür auffinden 
konnte; man vermutete zunächst, daß die vergiftete und verpestete Luft diese 
Veränderung und Verrücktheit des Verstandes in ihnen hervorgebracht. Bei 
allen nämlich zeigte sich plötzlich ein Verlangen zu sterben und eine unsinnige 
Neigung, sich zu erhängen; viele erhängten sich auch heimlich. Die Worte und 
Tränen der Eltern und das Zureden der Freunde half nichts, sie täuschten sogar 
bei ihrem Selbstmorde alle Wachsamkeit und Schlauheit der Wächter". „Endlich 
brachte ein kluger Mann ein Gesetz in Vorschlag, wonach alle Mädchen, die 
sich durch Erhängen selbst ums Leben brächten, nackt über den Marktplatz ge* 
tragen werden sollten. Das Gesetz wurde genehmigt und tat nicht bloß dem 
Übel Einhalt, sondern benahm auch den Jungfrauen ganz das Verlangen nach 
dem Tode". 

Selbstmord begehen bedeutete also in der Vorstellung dieser jungen MäcU 
chen nicht sterben, da sie doch die Schmach fühlen konnten, daß sie nach 
ihrem Tod auf dem Marktplatz nackt zur Schau gestellt würden. 

Eine analoge Bedeutung zeigt sich in den Fällen von Selbstmord, in denen 
der Selbstmörder einen „schönen" Tod in Szene setzt. 

Ein Patient beabsichtigte, mit nacktem Oberkörper Selbstmord zu begehen, 
damit die Leute merkten, was für einen schönen Oberkörper er hatte. 

Der Bruder eines Patienten beging Selbstmord. Am Vorabend erklärte er, er 
würde sich mit einem Revblverschuß ins Herz töten. Er fügte hinzu, dies wäre 
die eleganteste Art zu sterben. Tatsächlich verübte er auch auf diese Weise den 
Selbstmord. 

Eine Witwe beging mit ihrem zehnjährigen Kind einen Selbstmordversuch. 
Nachdem sie mit ihrem Sohn den Selbstmord verabredet hatte, sah sie sorgsam 
darauf, daß er als Leiche in einer schönen Stellung gefunden würde. Bei diesem 
Selbstmordversuch starb das Kind, die Mutter kam mit dem Leben davon. Vor 
dem Richter erklärte sie: „Ich hatte ihm ein schönes weißes Hütchen, mit Bän* 
dem verziert, gekauft, damit er eine schöne Leiche sei. Er hatte ihn selbst an* 
probiert und sich einen Kranz, den ich zu diesem Zwecke gekauft hatte, um den 
Hals gelegt; er sah mich an und sagte: Mama, du kannst gewiß sein, ich werde 
sehr gut aussehen." 25 



23) 1. c, S. 103. 

24) Zitiert von. Meng in „Gespräche mit einer Mutter über Selbstmord". Ztschr. f. 
psa. Päd., Bd. III, 1928/29. 

=5) Zitiert von E. Ferri: Homicidio — Suicidio. 



'° Angel Garma 



. 



i 



Der Kriminalist Groß hat beobachtet, daß die Selbstmörder sich niemals 
durch einen Revolverschuß ins Auge töten, obwohl dies eins der sichersten 
Mittel ist, das Ziel zu erreichen. Aber die bloße Vorstellung, sich zu ver* 
unstalten, muß dem Individuum so unangenehm sein, daß dieses Mittel fast 
niemals angewendet wird. 

Daß bei manchen Individuen gleichzeitig und nebeneinander der Wunsch 
nach Selbstmord und eine intensive Angst vor einem zufälligen Tod besteht, 
beweist weiter, daß die Selbstmordhandlung vom Wunsch zu sterben ge* 
wissermaßen unabhängig ist. 

Ein Patient dachte häufig an Selbstmord, hatte aber gleichzeitig Angst vor 
einem zufälligen Tod durch Unfälle. So wagte er nicht, wiewohl er ein ausge* 
zeichneter Schwimmer war, sich vom Badestrand zu entfernen, aus Angst, das 
Bewußtsein zu verlieren und zu ertrinken, ohne daß ihm jemand Hilfe leisten 
konnte. Trotz dieser Angst gab es bei diesem Patienten Wunschregungen, sich 
in selbstmörderischer Absicht ins Meer zu stürzen. 26 

Daß der Wunsch zu sterben und die Selbstmordabsicht von einander un* 
abhängig sind, wird auch durch die historische Tatsache bewiesen, daß früher 
auf Selbstmordversuch die Todesstrafe stand. 

Der römische Kaiser Hadrian erließ eine Verordnung, wonach jeder Selbst* 
mordversuch eines Soldaten mit der Todesstrafe geahndet wurde. Dieser Strafe 
entgingen nur die Soldaten, die durch Verzweiflung, Krankheit oder Entbehrung 
zum Selbstmordversuch getrieben worden waren. 27 Hätten diese Soldaten durch 
den Selbstmord wirklich nur den Tod gesucht, so wäre die Todesstrafe von ihnen 
als Vergünstigung betrachtet worden. 

Aus all dem vorher Gesagten geht hervor, daß der Tod, als die völlige 
Vernichtung des Individuums, nicht der einzige Zweck des Selbstmordes 
ist. Eine analoge Ansicht vertritt Kau der s, wenn er sagt: „Selbstmord ver* 
üben, heißt mehr, als das Leben fliehen. Mit anderen Worten, wenn ein 

Individuum Selbstmord verübt, denktes nicht an denTod, 
sondern an das Lebe n". 28 

Wie könnte übrigens der Tod das vom Selbstmörder angestrebte Ziel sein, 

da wir doch den Sinn des Todes nicht kennen? Freud hat gezeigt, daß die 

Vorstellung vom Tod für das Unbewußte des Menschen nichts bedeutet, 

und vor Freud hat Goethe geschrieben: 29 „Der Tod ist etwas so 

26) Paul Moraud beschreibt in „Le Rond*Point des Champs-Elysees", S. 94, einen 
analogen Fall. Ein junger Ungar stürzt sich in die Donau und weist jede Hilfeleistung 
zurück. Ein Polizist richtet den Revolver auf ihn und ruft ihm zu: „Wenn Sie nicht 
herauskommen, schieße ich". Durch diese Drohung „aufgeweckt" (wie sich Moraud aus* 
druckt) schwamm der junge Mann mit kräftigen Stößen zum Ufer. 

27) Plazeck: Selbstmordverdacht und Verhütung. S. 114. 

28) Kau der s: Der Todesgedanke in der Neurose und in der Psychose. Nervenarzt, 
6. Heft, 1934. (Sperrungen von Kauders.) 

29) Zitiert von Kauders: Der Todesgedanke etc. S. 290. 



Psychologie des Selbstmordes 



79 



Seltsames, daß man ihn, unerachtet aller Erfahrung . . . nicht für möglich 
hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist 
gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird", und 
er läßt Werther sagen: 30 „ . . . wir träumen, wenn wir vom Tode reden. Ich 
hab' manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt ist die Menschheit, daß 
sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn hat." 31 

V. 

Die Aggression gegen die Außenwelt und die 
Wiedergewinnung des Liebesobjekts im Selbstmord. 

In der der Aggression gewidmeten Betrachtung wurde, um die Unter* 
suchung über die Psychologie des Selbstmords zu erleichtern, nur die Aggres* 
sion gegen das Ich behandelt. Einer der Gründe dafür ist, daß die meisten, 
die sich mit der Psychologie des S elbstmordes befaßt haben, auf der Aggres* 

30) Goethe: S. 103. 

31) Der Schriftsteller Gerard de Nerval, der Selbstmord verübte, schrieb im zweiten 
Teil seines Romans Aurelie: „Tod! Was ist er, der Tod? W<ird er das Nichts sein? Nein 
großer Gott! Nicht einmal Gott kann machen, daß der Tod das Nichts sei". 

Als Beleg dafür, wie wenig der Tod vom Individuum begriffen wird, sei jener Teil der 
„Fleurs du Mal" von B a u d e 1 a i r e angeführt, der vom Tode handelt. Wir sehen da die 
verschiedene Bedeutung, die der Tod für die Einzelnen hat. Wir zitieren nur die charakteri* 
stischesten Stellen. 

LaMortdesPauvres. 
C'est la mort qui console, helas! et qui fait vivre; 
C'est le but de la vie et c'est le seul espoir 



A rravers la tempere, et la neige, et k givre, 

C'est la clarte vibrante ä notre horizon noir; 

C'est l'auberge fameuse inscrite sur le livre, 

Oü l'on pourra manger, et dormir, et s'asseoir. 

Le Voyage. 
O mort, vieux capitaine, il est temps, levons l'ancre 

Nous voulons, tant ce feu nous brüle la cervelle, 
Plonger au fond du gouf fre, Enf er ou Ciel, qu'importe, 
Au fond de l'inconnu pour trouver du nouveau! 

LaMortdesArtistes. • 

C'est que la mort, planant comme un soleil nouveau 
Fera s'epanouir les fleurs de leurcerveau. 

k Essen, schlafen, sich niedersetzen, Neuem begegnen, blühen sind Funktionen, die Wesens* 
mäßig dem Lebendigen zugehören. Baudelaire betrachtet den Tod als einen Weg 
zur Entfaltung diesev vitalen Punktionen. 



T : ' 



1 



80 Angel Garma 



sion gegen die Außenwelt fußten und — wie wir meinen, zu Unrecht — die 
gegen das Ich rückgewendete Aggression fast vollständig übersahen. Wir 
wollen nun unsere Betrachtung vervollständigen. 

Zunächst gelingt es dem Selbstmörder, sich durch den Selbstmord von 
der Aggression (den Angriffen) seiner Umgebung zu befreien. Daß er sich 
von dieser Aggression befreit, bedeutet für ihn einen Triumph, denn die Um* 
gebung, die ihn bedrückte, sieht nun ihre Pläne vereitelt. 32 

Überdies vermeint der Selbstmörder, sich an einer Umgebung zu rächen, 
die die Ursache seines verzweifelten Entschlusses war. Er weiß, daß sein 
Tod die Aggression (Angriffe) der Außenwelt gegen ihn lahmlegt und daß, 
umgekehrt, sein Tod ein fortwährender Vorwurf für die Außenwelt ist. 33 

32) Als Beispiele für diesen Denkmechanismus beim Selbstmord seien folgende Stellen 
zitiert : 

In „Antonius und Cleopatra" von Shakespeare, IV. Akt, 15. Szene, ruft Antonius 
aus, ehe er sich tötet: 
Ant.: Nicht Cäsars Kraft besiegte Marc Anton, * 

Nein, Marc Anton erlag sich selber nur! 
Cleop.: So mußt' es sein; Antonius könnt' allein 
Anton bewältigen: doch weh dem Tag! 
Im gleichen Drama, 5. Akt, 2. Szene, sagt Cleopatra, als sie die Natter an ihre Brust setzt: 
„Gib mir mein Kleid! Setz mir die Krone auf! 
Ich fühl unsterblich Sehnen. Nicht mehr soll mir 
Ägyptens Traubensaft die Lippe netzen! 
Rasch, gute Iras, schnell! mich dünkt, ich höre 
Antonius rufen; seh' ihn sich erheben, 
Mein edles Tun zu preisen; hör' ihn spotten 
Ob Cäsars Glück, das Götter Menschen geben 
Als Vorwand künft'gen Zorns. — Gemahl, ich komme! 
Jetzt schafft mein Mut ein Recht mir zu dem Titel. 
„Julius Cäsar", 5. Akt, 5. Szene: 

Brutus: Der Feind hat uns zum Abgrund hingetrieben; 

Es ziemt sich mehr, von selbst hineinzuspringen, 
Als zu erwarten seinen letzten Stoß. 
Volumnius, wir gingen in die Schule 
Zusammen, wie du weißt. Ich bitte dich 
Um jener unsrer alten Liebe willen: 
Halt du mein Schwert, indes ich drein mich stürze! 
Die Bibel — Buch der Richter — Kapitel IX: 
V. 52. Da kam Abimelech zum Turm, und stritt dawider, und nahte sich zur Tür des 

Turms, daß er ihn mit Feuer verbrennte. 
V. 53. Aber ein Weib warf einen Mühlstein Abimelech auf den Kopf, und zerbrach ihm 

den Schädel. 
V. 54. Da rief Abimelech eilend dem Knaben, der seine Waffen trug, und sprach zu ihm: 
Zieh dein Schwert aus, und töte mich, daß man nicht von mir sage: Ein Weib 
hat ihn erwürgt. Da durchstach ihn sein Knabe, und er starb. 

33) Vgl. Valle Inclan: La guerra Carlista, III. Gerif altes de Antano : 

„Alsbald ist er wieder dabei, sich mit egoistischer und sentimentaler Hartnäckigkeit zu 
analysieren. Er wird sich töten lassen! Auf sein Bett hingestreckt, mit geschlossenen Augen 






Psychologie des Selbstmordes 81 



Adler betrachtet diesen Rachewunsch als den wichtigsten Faktor in der 
Psychologie des Selbstmordes. Er schreibt: „So wird aus dem Unbewußten 
heraus eine Situation geschaffen, in der die Krankheit, ja selbst der eigene Tod 
gewünscht wird, teils um den Angehörigen Schmerzen zu bereiten, teils um 
ihnen die Erkenntnis abzuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten verloren 
haben. Nach meiner Erfahrung stellt diese Konstellation die regelmäßige psychi* 
sehe Grundlage dar, die zu Selbstmord und Selbstmordversuchen Anlaß gibt." 3 * 

In vielen oben beschriebenen Selbstmordfällen kann man den Aggressions* 
wünsch, der sich direkt gegen die Außenwelt richtet, beobachten. Wir 
möchten uns aber nicht wiederholen und möchten gleichzeitig die Psychologie 

und mit gefalteten Händen, findet Agila in diesem Augenblick, daß der Tod ein ange* 
nehmer Ausweg ist. Seine Gedanken . . . zeigen ihm in der Aufopferung seines Lebens 
eine prächtige Rache. Die Vorstellung, wie sein Haus durch die Nachricht von seinem 
Tode erschüttert wird, läßt ihn Schmerz und Lust empfinden. In Gedanken wandert er 
durch alle Zimmer. Er sieht die Dienerschaft in Trauerlivreen wie Schatten einhergehen; 
er sieht seine Eltern, mit bleichen zerquälten Gesichtern, einander gegenübersitzen, wie sie 
einander hassen und sich gegenseitig anklagen ... Er wird sich töten lassen ..." 

In einem Roman des Humoristen Mark Twain wird der Held von den Eltern 
schlecht behandelt. Die Leiden erwecken in ihm den Gedanken an Selbstmord, um sich 
an den Eltern zu rächen. Und eines Tages ruft er aus: Ach, wenn man doch nur für 
einen kleinen Augenblick sterben könnte! 

Mariano de Lara zeigt uns in einer Komödie „Macias", die viele für eine Auto»» 
biographie halten, die Gründe des Selbstmordes der Hauptperson (der Held spricht zu 
der Frau, die er liebt): . 

„Wirst du in seinen Armen mich zu vergessen suchen, so wird mein zorniger Schatten 
zwischen dir und deinem Gatten sich erheben und dich fürchterlich erschrecken . . ." 

Man kann aus diesen Worten leicht die aggressiven Gefühle gegen die Frau, die ihn 
in den Tod treibt, ersehen. 

In „L'amour et la mort" von Scribe finden wir folgenden Dialog: 

Clot. Du wärst nicht imstand, dich für eine Frau zu töten! 

Mon. Warum nicht gar. 

Clot. Nicht einmal für deine eigene! 

Mon. Es würde mir sehr leid tun und ihr wohl auch! Ich würde so einem Narren die 
Frage vorlegen: entweder muß die Frau, die ich liebe, meinen Tod beweinen; in diesem 
Falle bin ich viel zu galant, um ihr solchen Kummer zu bereiten; oder mein Tod f ist ihr 
gleichgültig; dann müßte man ein Dummkopf sein, um ihr eine so kostspielige Zerstreuung 
zu bieten". 

In Virgils „Aenei's" ruft Dido, die ihren Selbstmord vorbereitet, aus (Vers 385 des 
IV. Gesanges. Neuffer, Stuttgart, 1830): 

„Und wenn der frostige Tod die Glieder gelöst von der Seele, 
zieht mein Schatten dir nach, wo du weilst. Du büßest, Verräterl 
Ich werd's hören, mir kommt zu den untersten Manen die Kunde." 
In Dantes Hölle werden die Selbstmörder in Bäume verwandelt und er* 
leiden die Angriffe anderer, ohne sich wehren zu können. Die Harpyen nähren sich von 
ihren Blättern und fügen ihnen peinvolle Schmerzen zu (XIII. Gesang). Man straft also 
die Selbstmörder, indem man sie einer feindlichen Umgebung, der sie entfliehen wollten, 
aussetzt und die Aggression, die sie durch ihren Selbstmord realisieren wollten, verhindert. 
34) Zitiert von F e d e r n in der Ztschr. f. psa. Päd., Bd. III, 1928/29, S. 337. 

Imago XXI1I/1 6 






82 



Angel Garma 



des Selbstmordes auf einem Gebiet, mit welchem wir uns bisher nicht befaßt 
haben, untersuchen; wir werden daher die Aggression gegen die Außenwelt 
im Selbstmord auf ethnologischem Gebiet betrachten. 

Bei gewissen Stämmen der Goldküste herrscht folgender Brauch: begeht jes 
mand Selbstmord und erklärt, daß sein Entschluß durch das Verhalten eines be« 
stimmten Individuums ihm gegenüber verursacht wurde, so muß dieser andere 
ebenfalls sterben. Dieser Brauch, der im Stammesgesetz verankert ist, heißt »,1a 
propre mort sur tete etrangere". Bei den Tinklit=Tndianern begeht der, der be* 
leidigt wurde und die Unmöglichkeit, sich selbst zu rächen, einsieht, Selbstmord, 
um dadurch den Beleidiger der Rache seiner Verwandten und Freunde preiszu* 
geben. Bei den Tschuwaschen (Simbirsk, UdSSR) erforderte es einst der Brauch, 
daß Personen, die durch andere zur Raserei getrieben worden waren, sich vor 
der Tür der Urheber ihres Zorns erhängten. In analoger Weise rächen sich noch 
heute die Wotjaken, die glauben, daß die Seele des Selbstmörders den Beleidiger 
verfolgt. In China wird der Selbstmörder bewundert, der seine Tat aus Rache 
verübt. Sie rächen sich so an Feinden, die sie nicht direkt erreichen können. 
Nach chinesischer Theorie ist dies das wirksamste Mittel zur Rache, nicht nur 
deshalb, weil die Gesetze die Verantwortung für den Selbstmord dem Urheber 
zur Last legen, sondern auch, weil man meint, daß die von der Last der körper« 
liehen Umhüllung befreite Seele besser als der lebende Mensch den Feind ver* 
folgen kann. 85 

Die Aggressionskräfte beim Selbstmord sind, namentlich wenn er kollektiv 
erfolgt, so groß, daß man sie manchmal, z. B. in einer Schlacht, als Mittel ver 1 * 
wendet, um den Sieg zu erringen. G r a s s e t berichtet, daß man einst in China 
vor dem Beginn einer Schlacht „um mit dem Losschlagen zu beginnen ... die 
todgeweihten Tapfersten voranschickte . . . Sowie diese auf den Gegner trafen, 
stießen sie heftige Schreie aus und schnitten sich die Kehle durch. Ein Geist der 
Raserei entsprang diesem Massenselbstmord und heftete sich wie ein Unglück* 
bringendes Geschick an den Feind". 36 

Die Angst vor der möglichen Rache des Selbstmörders veranlaßte einzelne 
Familien und Stämme, sich durch verschiedene Mittel vor dieser Rache zu 
schützen. Eine Folge dieser Angst war z. B. die Gewohnheit, den Leichnam des 
Selbstmörders aufrechtstellend einzugraben, ihn zu köpfen, ihm Füße und Hände 
abzuschneiden, um ihn an der Rache zu verhindern. 37 

Im vierten Jahrhundert schnitten die Athener dem Selbstmörder die Hände ab 
und begruben sie an anderer Stelle als den Leichnam, um so den Toten daran zu 
hindern, seine Hände zur Rache zu benützen. 38 

Auf Grund dieser neuen Tatsachen können wir nunmehr unser Schema 
der Selbstmordpsychologie ergänzen, indem wir die Aggression gegen die 
Außenwelt einfügen: 



35) Zitiert in „La Enciclopedia Espesa" im Beitrag „Suicidio", S. 572 und 574. 

36) Halbwachs: Les causes du suieide, S. 467. 

37) Halbwachs: 1. c, S. 467. 

38) Halbwachs: I. c, S. 467. 



Psychologie des Selbstmordes 



Aggression der Umwelt gegen das 
Subjekt 



Aggressive Regungen des Subjekts 
gegen die Umwelt 



83 



Unmöglichkeit, die Aggres» 
sion zu realisieren 



Rückwendung der Aggression gegen 

die eigene Person 

V 



V 
Selbstmord 



Wir haben gesehen, daß der Selbstmord ein Mittel ist, um die von der 
feindlichen Umwelt hervorgerufene Aggression zu befriedigen. Der Selbste 
mord ist ferner ein Mittel, um das verlorene Liebesobjekt wiederzugewinnen. 
Der Selbstmörder versucht, den Verlust des Liebesobjekts psychisch unge* 
schehen zu machen. Das ist der Fall beim Liebenden, der, wenn die geliebte 
Frau stirbt, sich tötet, „um ewig mit ihr zu leben". 

Die Tatsachen der materiellen Wirklichkeit zeigen nichts, was diese 
Wiedergewinnung des Liebesobjektes beweist. Die materielle Wirklichkeit 
lehrt uns, daß der Körper des Selbstmörders nach und nach verschwindet, 
wie der Körper der geliebten Frau verschwunden ist. Wir sehen also nicht, 
daß vom Selbstmord ein ewiges Leben seinen Anfang nimmt. Und doch 
zeigen die Tatsachen, daß zahlreiche Selbstmorde mit dem einzigen Ziel ver* 
wirklicht wurden, sich mit dem verlorenen Objekt wiederzuvereinen oder ein 
sehnsüchtig gewünschtes Ziel zu erreichen, zu dem man unmöglich auf an* 
derem Wege gelangen konnte. 

Um diesen offensichtlichen Widerspruch zu lösen, müssen wir uns vor 
Augen halten, daß wir bei einer psychologischen Betrachtung psychische 
Realität und nicht materielle Realität vor uns haben. Betrachten wir also 
dieses Phänomen, ohne uns damit zu befassen, ob es der Realität ermangelt 
oder nicht. 



84 



Angel Garma 



Bei Fortsetzung der Betrachtung auf ethnologischem Gebiet finden wir zahl* 
reiche Selbstmordfälle, die keinen anderen Zweck haben, als das verlorene Liebes* 
objekt wiederzugewinnen. Zahlreiche Frauen begehen Selbstmord nach dem Tode 
des Gatten. So werfen sich die Witwen in Indien, um den Gatten ins andere 
Leben zu begleiten, in die Flammen des Scheiterhaufens, die den Leichnam ver* 
zehren. Im Jahre 1827 verübten allein in der Provinz Bengalen 706 Witwen 
Selbstmord. 1821 gab es in ganz Indien 2366 Witwenselbstmorde. Derlei Selbst* 
morde sind bei den wilden Völkerstämmen sehr häufig. So erzählt Eckardt 39 : 
wenn auf den Salamonsinseln, in Melanesien, ein Häuptling stirbt, betrachten 
fast alle seine Frauen den Selbstmord als Pflicht. Sie trinken zu diesem Zweck 
den Saft gewisser Pflanzen, geraten dadurch in einen Zustand halber Bewußt* 
Iosigkeit (Dämmerzustand) und erhängen sich dann neben dem Leichnam des 
Gatten. Das Motiv dieses Selbstmordes ist der Wunsch, dem Gatten zu folgen 
und im anderen Leben ihm weiter zu dienen und ihn weiter zu lieben. 

Ganz analoge Selbstmorde gibt es in bestimmten Ländern oder bei bestimmten 
Stämmen beim Tode eines Verwandten oder Häuptlings. Turner 10 beschreibt 
eine Sitte auf den neuen Hebriden: wenn ein Kind stirbt, begeht seine Mutter 
oder eine seiner Tanten Selbstmord, um sich im anderen Leben weiter mit ihm 
befassen zu können. Der Selbstmord beim Tode eines Anführers ist eine sehr 
alte Sitte. In gewissen Ländern, z. B. in Japan, war dieser Selbstmord von den 
Gesetzen gutgeheißen. Bis zum 18. Jahrhundert hatte dieses Gesetz zwingenden 
Charakter. Starb ein Anführer, so hatten sich seine Getreuen zu töten, um seinen 
Geist ins Reich der Schatten zu begleiten. Im 18. Jahrhundert wurde das Gesetz 
aufgehoben, aber die Selbstmorde wurden freiwillig fortgesetzt." 

Auch Gesundheit oder Jugend sind libidinöse Objekte, die man durch Selbst* 
mord wiedergewinnen wollte. Auf einem abgelegenen Platz im Lande der Goten 
erhob sich ein hoher senkrechter Felsen, „die Stammklippe", von dessen Gipfel 
alle Bewohner der Umgegend, die vom Leben unbefriedigt geblieben oder von 
hohem Alter gebeugt waren, sich in den Abgrund stürzten. Sie meinten, auf 
diese Weise ins Reich Odins einzugehen und sich von allen ihren Leiden zu 
befreien. 

Es gab eine große Anzahl solcher Felsen, von deren Gipfel die Greise sich 
hinabstürzten in der Meinung, daß sie ins Land der ewigen Jugend fallen 
würden. 42 

Ethnologische Tatsachen haben bewiesen, daß bei 71 Stämmen Selbstmord mit 
dem Ziel, ein verlorenes Liebesobjekt wiederzugewinnen, verübt wird, und zwar 
handelt es sich um folgende Gebiete: In Melanesien und Neu*Guinea: die Fidschi, 
Tana, Maewo, Salomoninseln, Sissanu, Kanome, Orokaiva und Biakker. In Poly* 

39) Zitiert von J. Wi s s e: Selbstmord und Todesfurcht bei den Naturvölkern. Zutnhen 
1933, S, 10. . 

4°) Zitiert von Wisse: Selbstmord und Todesfurcht bei den Naturvölkern, Zutnhen 
1933, S. 10. ; 

40 Zitiert von Rost: Bibliographie, usw. S. 301. 
4=) Zitiert von Rost: Bibliographie, usw S. 49. 



Psychologie des Selbstmordes 85 



nesien: Neuseeland, Tonga und die Sandwich*Inseln. In Mikronesien: Jap. Bei 
den Eskimo in Nordost* und Westgrönland, die Caribou* und Iglulikeskimo; bei 
den amerikanischen Indianern: die Chinook in Nordwestoregon, im westlichen 
Washington, bei den Schahäptin, Schuschwap, bei den Seiich*, Waliah* Waliah* 
und Senel*Stämmen, den Bodega*, Cree*, Sioux*, Mandan*Indianern, den Iro* 
kesen, Huronen, den Odschibwa*. Saulters*, Ottawa*, Natchez*, Comanchen* 
Mohaven*Indianem und Apachen, bei den Indianern von Panama, Nata 
Mosquito, Haiti und Paraguay, den Lengua, Bororo und Macuni; bei jden 
Stammen der Bantu: Barongo, Herero, Banyaukole, Bangala, Gabun und 
Bakhwivi; bei den Sudannegern: in Dahomey, am unteren Niger, an der Gold* 
küste und in Borgu; bei den hamitischen Volksstämmen in Teso; in Südafrika- 
bei den Hottentotten; bei den Malaien in Kuba, Sekah, Poso*Alfuren, Baree 
und Toradja; in Indien bei den Saoras und Wedda; schließlich Alaska*Äleuten 
und im Tschuktschen*Gebiet in Nordostasien. In Kleinasien: Digore. Bei den 
primitiven Europäern: bei den Thrakern, Gäten, Germanen, Kelten und 
Russen. 43, u 



43) Zitiert von Wisse: Selbstmord, etc., S. 486. 

44) Es seien hier einige Beispiele von Selbstmorden oder Selbstmordversuchen, um das 
Liebesobjekt wiederzufinden, aus der Literatur zitiert: 

Vallelnclan: Tablado de Marionetas, S. 35: 

Marie* Justina: Wenn du eines Tages mit dem König Zusammensein wirst, so erzähle 
ihm, wie ein junges Mädchen sich mit dem Tod vermählen wollte, um von einem hohen 
Stern herab, glücklich, den König lieben zu können. 

H a r t z e m b u s c h: Los Amantes de Teruel, 4. Akt, 10. Szene. 

Isabella: Der Himmel, der uns in diesem Leben trennt, wird uns im Grab vereinen 
Mein Liebstes, verzeih meinen argen Trotz ... Ich betete dich an . . . Ich war ganz 
dein — ich bin noch dein und zu dir erhebt sich mein Herz voll Liebe (sie stirbt). 

Alhalach (der mystische Dichter von Bagdad): Tötet mich, oh meine 
Freunde. Denn nur im Tode ist mein Leben. 

DieheiligeTherese:Zu denken, daß die Liebe mächtig ist, oh Leben, sei keine 
Last. Zu denken, daß man dich nur verlieren muß, um dich zu ge* 
winnen — Ah! käme doch endlich der süße Tod! 

Der heilige Johannes vom Kreuze: 

Dies Leben, das ich lebe, 
heißt das Leben entbehren. 

Ebenso bedeutet für Sokrates der Tod einen wünschenswerten Zustand, der viel 
mehr bietet als das reale Leben. 

Vgl. Piatons Dialoge. Sokrates erklärt sich so vor seinem Tode: 
„Laßt uns aber auch in folgender Weise erwägen, wieviel Ursache wir haben zu hoffen, 
der Tod sei etwas Gutes. Denn eins von beiden ist das Totsein: entweder soviel als Nichts* 
sein, so daß man keine Empfindung von irgend etwas hat, wenn man tot ist; oder, wie 
gewöhnlich gesagt wird, es ist für die Seele eine Versetzung und Übersiedlung von hier 
nach einem anderen Ort. . . . Ist aber der Tod eine Art Auswanderung von hier nach 
einem anderen Ort und ist das wahr, was gesagt wird, daß dort alle Verstorbenen sind, 
was für ein größeres Gut könnte es dann wohl geben als dieses, ihr Richter? Denn wenn 
jemand in der Unterwelt anlangt, erlöst von diesen sogenannten Richtern, und dort die 
wahren Richter antrifft, '-. . ; .wäre das wohl eine Verschlechterung unseres Aufenthalts? 
... Ich wenigstens will gern oftmals sterben, wenn dies wahr ist." (Übers. Schleier* 
m a c h e r.) 



°° Angel Garma 



Interessant wäre das Studium der psychischen Mechanismen, die diesen 
Glauben an die Wiedergewinnung des Liebesobjekts durch den Selbstmord 
ermöglichen. Ein solches Studium würde zugleich eine Lösung mancher Pro* 
bleme bringen, die mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tode und an 
die Unsterblichkeit zusammenhängen, von dem die Religionen sprechen. 
Leider kann im Rahmen dieser Arbeit die Frage nicht behandelt werden. 

Als Belege für Selbstmorde, in welchen beide Motive vereinigt in Er* 
scheinung treten, die Aggression gegen die Außenwelt und der Wunsch nach 
Wiedergewinnung des verlorenen Objektes, seien zwei Fälle aus der Literatur 
zitiert. 

In „La Celestine" (20. Akt) sagt Melibee: 

„Man hat mich allein gelassen. Ich habe meinen Tod gut vorbereitet. Ein Ge» 
fühl ungeheurer Erleichterung erfaßt mich beim Gedanken, daß wir bald wieder* 
vereinigt sein werden, ich und mein teurer und vielgeliebter Caliste. Ich will die 
Tür schließen, damit niemand mich stören kann, niemand mich am Fortgehen 
hindere, noch mir den Weg verlege, diesen Weg, auf dem ich heute noch den 
aufsuchen werde, der mich heut nacht besucht hat. Alles geht nach meinem 
Willen. Gut habe ich den Moment gewählt, um meinen Vater Pleberio die 
Gründe meines Todes zu sagen. Welch ein schwerer Schimpf für seine weißen 
Haare, welche Beleidigung für sein Alter!" 

Shakespeare läßt Lukretia, nachdem er die ihr von Tarquinius angetane 
Vergewaltigung beschrieben hat, sagen: 

„Von allen Mitteln ist nur eines gut: 

Vergießen muß ich mein entehrtes Blut. 

Doch meine Ehre soll das Messer erben, 

Das vom entehrten Körper mich befreit; 

Denn wiederbringt's die Ehr', entehrt zu sterben, 

Der Ehre gibt der Tod Unsterblichkeit. 

Aus meiner Schande Asche, neu geweiht, 

In reinem Glanz zu stetem Jugendleben 

Soll sich der Ruf Lucretiens erheben. 

Was ist es, das ich dir vermachen muß, 

Du Herr des Kleinods, das man mir gestohlen? 

Dein rühmlich Erbteil werde mein Entschluß. 

Sei stolz auf mich! Im letzten Atemholen 

Sei dir die Pflicht der Rache anbefohlen;" 

(Obersetzung von Wilhelm Jordan, Bong &. Co.). 

Fügen wir diese beiden neuen Selbstmordmotive den bereits besprochenen 
an, so können wir das Schema folgendermaßen darstellen: 



w m 



Psychologie des Selbstmordes 



87 



Ungünstige Umweltbedingungen 
V 



Verlust des Liebesobjekts mit 
lebenswichtiger Bedeutung 



Aggression der Umwelt gegen 
das Subjekt 
V 



Wunsch des Subjekts, >- 
das verlorene Objekt 
wiederzugewinnen 
V V 



< < Unmöglichkeit > > 



V 
-< Aggressive Regungen 
des Subjekts gegen die 
Umwelt 
V V 



das verlorene Objekt 
wiederzugewinnen 



einer Aggression 



Identifizierung mit dem 
verlorengegangenen Objekt 
V 



V 

Rückwendung der Aggression 
gegen die eigene Person 
V 



V 

Selbstmord 

VI. 

Kindheitserlebnisse und Konstitution. 

Bei allen Neurosen finden sich Entwicklungsstörungen durch infantile und 
aktuelle Konflikte. Dasselbe gilt für die Psychogenese von Selbstmordge* 
danken. Neben aktuellen Motiven, die das Leben dem Individuum unerträg* 
lieh erscheinen lassen, gibt es infantile Motive, die eine masochistische Defor* 
mation der Persönlichkeit herbeigeführt haben. Diese masochistische Defor* 
mation der Persönlichkeit bewirkt, daß die aktuellen Konflikte mit erhöhter 
Intensität auf das Individuum einwirken. 

Eine nichtanalytische Patientin hatte häufig Selbstmordgedanken. Ich fragte 
sie nach den Gründen, die sie zu so verzweifelten Gedanken veranlaßten. Ich 
gab der Patientin keinen Fingerzeig, sie wiederum besaß keinerlei spezielles 
psychologisches Wissen. Sie war eine intelligente Frau und mit einer gewissen 
Fähigkeit zur Selbstbeobachtung begabt. Als die Patientin sich anschickte, 
die Gründe ihrer Selbstmordgedanken zu beschreiben, begann sie spontan 
sogleich mit der Erzählung ihrer infantilen Konflikte. Ich gebe einen kurzen 



psychologischen Auszug aus dem Bericht der Patientin und zitiere wörtlich 
aus ihrer Niederschrift: 

„Ich erinnere mich, daß ich nahezu von Beginn jenes Alters an, da man ver* 
nünftig wird, eine unwiderstehliche Neigung zum Selbstmord verspürte. Ich war 
damals acht Jahre alt. Es war in X . . ., einer Stadt, in der ich die bitterste Zeit 
meiner ganzen Kindheit verbrachte, daß mir der Gedanke kam, mit einem Leben 
Schluß zu machen, das mir unglücklich und freudlos erschien." 

Einige Zeilen weiter beschreibt sie die gegen sie gerichtete Aggression der 
Außenwelt: 

„Ich hatte zahlreiche Gründe, zu meinen, daß mein Leben und das meiner 
Brüder nicht glücklich war. Meine Mutter mißhandelte uns mitleidslos; unaus* 
gesetzt gab es schlechte Behandlung und böse Worte. Sie war eine intelligente, 
kultivierte, sehr schöne Frau, von außerordentlicher Anziehung für alle, die sie 
nicht in vertrautem Kreise sahen. Niemand, der sie so verführerisch sah, hätte 
eine Ahnung haben können von ihrer Grausamkeit, von ihrem erbitterten Haß 
auf die Schwachen und von dem grausamen Raffinement, mit dem sie alle Arten 
von Leiden verursachte." 

Weiter beobachtet man, wie die Aggression des Kindes gegen die Aggression 
der Mutter entsteht und wie diese Aggression gegen die Außenwelt sofort unter* 
drückt wird. 

„Manchmal empfand ich einen wilden Haß gegen sie, aber ich bewunderte sie 
auch, obwohl sie mich leiden machte, und ihr Ausdruck der Überlegenheit, die 
mir allmächtig erschien, machte auf mich tiefen Eindruck." 

Das Schuldgefühl verursacht die Rückwendung der Aggression gegen die 
eigene Person: 

„Ich sah andere Kinder, Freunde und Schulkollegen, die, zärtlich umhegt, 
ein Leben süßer Unbefangenheit lebten. Ich beneidete sie und kam, von unserer 
schrecklichen Lage gelähmt, auf die Idee, daß wir unser Schicksal verdienten. 
Meine Mutter erniedrigte uns unaufhörlich, wiederholte uns unausgesetzt, daß 
wir herzlose Ungeheuer, die Verkörperung aller Bosheiten seien. Unsere Jugend 
hinderte uns, die Ungerechtigkeit und Ungeheuerlichkeit eines solchen Vorge* 
hens zu erfassen. Ich pflegte verzweifelt zu weinen und war immer bereit, um 
Verzeihung zu bitten. Daher entstanden in mir eine Unterwürfigkeit, ein Minder» 
Wertigkeitsgefühl und eine Schüchternheit, die mich immer gequält haben. 
_ Man erzieht die Kinder, indem man sie glauben macht, daß Eltern und Lehrer 
sich niemals irren. Infolge dieser Erziehung wagt das Kind, ängstlich und über* 
zeugt von dieser Unfehlbarkeit, sich weder über Worte noch Taten der Eltern 
ein Urteil zu bilden. Sie haben dem Kind gesagt, ,daß es nichts ist'« und 
daß es sie daher unmöglich beurteilen kann, daß sich seine Rolle auf blinden 
Gehorsam und ewige Dankbarkeit beschränken müsse. Die Eltern haben ihm 
eine große Gunst erwiesen, indem sie es zur Welt brachten, sie geben ihm all* 
täglich durch Gewährung von Nahrung und Erziehung einen Beweis ihrer Güte. 
Bestraft man es, so geschieht es zu seinem Besten, um seine bösen Instinkte und 
seine angeborene Verworfenheit zu unterdrücken. Jeder Schlag, jedes verletzende 
Wort ist ein Liebesbeweis, den das arme Kind nicht gebührend zu schätzen weiß; 




Psychologie des Selbstmordes sg 



Ü ater '/ i % MUt ^ der Lehrer ° pf .f n Skh immer > das Kind ist undankbar 
und bar jedes Empfindungsvermögens. 

stehen - gegen ^ ^ rÜckgewendete Aggression läßt Selbstmordgedanken ent* 

oW °T V f k z ^ eif l un S über die hilflose Lage, in der ich mich ohne Stütze und 
ohne Trost befand, - Kinder können ihre Konflikte nicht lösen - begann ich 

w?Y U + denken, , m . 1 1 ' mdne T 5 ga " zen Umgebung Schluß zu machen. Ja, aber 
we? Seit meiner frühesten Kindheit pflegte ich meiner Phantasie freien Lauf 

ZtlT- ?*£ ^ lrkhchke * ers 5 hien mir häßlich und ich ersetzte sie durch un* 
wahrscheinliche Traumereien, die meine Stunden des Alleinseins erfüllten. Ich 
hatte keine Furcht vor dem Tode, denn da mir niemand vom Jenseits gesprochen 

h^'J^ lv mCht ' f S kÖnntC C ? ärgereS Leben geben aIs das, welches ich 
ri? 1 '}} BM religiösen Gedanken kannte, wußte ich auch nichts von 
der Sunde und der ewigen Buße, mit der die Kirche den Selbstmord bestraft." 

rück,eweS SS1 F 0n u! ^ ^\ ^ voIlständi g gegen die eigene Person 
SS * noch einen Rest primitiver Aggression gegen die Außen. 

Iren^ütfcheT 11 *** *° *1%W? *?# ** ^ ^ T ° d der an * 

daß Je h wl Jed ? Ch AngSt ' al J ei \ zu /gerben, und mein Lieblingstraum war der, 
PI ü mir zug ™ nde g eht - Ich dachte an fürchterliche Katastrophen im 

Planetensystem - mein Vater hatte mir ein paar Astronomiestunden gegeben, 
wolltet^ aUS dleSem Untaricht alles, was er an Mathematik enthfelf, und 
wollte m keiner Weise an die Gestirne denken, die ihre Bahn in der unab, 
vor tt n ?u q!- Cr koslnischen Gesetze durchlaufen. Ich stellte mir lieber 
und i g A St f " nge f diese , r Zirkulation den Lauf der Gestirne ändern 

daß un, er Fr ? 6 ' f^ ^T ^^ ^^ ^ hatte kh die &± H* 
£„rTl ! 'T"^ 11 m i* dnem anderen Planeten zusammenstoßen 

konnte. Ich malte mir die Erdbewohner aus, entsetzt, wahnsinnig vor Schreck 
vor der unmittelbar drohenden Katastrophe. Was mich am meisten erschreckte 

Jen AwSW ?" KältC ü nd dCr RnSterniS ' diC diC Erde überfluten wüS 
tZ» a f Gedanke ' T 2U sterben > mit allem fertig zu werden und so, daß von 
niemand auch nur die kleinste Spur verbleiben würde, tröstete mich über mein* 

r In u de rVf Zten ZeÜe 1 n Wie auch in den f °lgenden beobachtet man die masochi. 
stische Deformation der Persönlichkeit. masocni. 

„Der Wunsch mich von der despotischen Unterdrückung durch unsere Mutter 
zu befreien, ließ mich gefahrvolle Spiele lieben; die Erregung, i/Sd 

eWan;" 5 ^^ r ChtC T h ^ Ständige Angst vergessender ich tebte Ich 
Tr™ ungeheueres Vergnügen daran, mich auf ein Fensterbrett zu setzen 

an nKwii m £ ^ t^ ^^ zu r lassen - Die Möglichkeit zu fallen zog mich 
Stockwerk " W tÖdlkh Sdn ' deim wir wollnten im fünften 

Es sei nun ein klinischer Fall geschildert, bei dem man leicht beobachten 
kann, wie die aus Kindheitserlebnissen entstandenen Konflikte, wieder ins 
Leben gerufen und verstärkt durch aktuelle Konflikte, den Gedanken an 
Selbstmord entstehen lassen. 

Es handelt sich um einen Mann von 25 Jahren, der einen Selbstmord* 



90 Angel Garma 



versuch machte, indem er sich mit einem Rasiermesser mehrere Schnitte durch 
die Adern an der Handwurzel beibrachte. Er antwortete auf die Frage nach' 
den Gründen seines Selbstmordversuches, er finde das Leben uninteressant, 
müsse zuviel arbeiten und habe aus diesen beiden Gründen den Gedanken ge* 
faßt, sich zu töten. 

Tatsächlich arbeitete er seit sechs Monaten 15—16 Stunden täglich in einem 
Handelshaus, das einen ausgezeichneten Geschäftsgang aufwies und in dem er 
ein gutes Einkommen hatte und die Achtung seiner Vorgesetzten genoß. Er 
begann mit seiner Arbeit bei Tagesanbruch und setzte sie pausenlos bis in 
die Nacht fort. Er schlief wenig und hatte nicht einen freien Augenblick, um 
sich zu zerstreuen. 

Es gab bei ihm also einen realen aktuellen Konflikt, ein Leben voll er«= 
schöpfender Arbeit, das einen Zustand der Depression hervorrief. Dieser 
Depressionszustand trieb ihn dazu, den Tod zu suchen. Der aktuelle Kon* 
flikt allein genügt aber nicht zur Erklärung seines Selbstmordversuches; nur 
wenn man die Kindheitserlebnisse des Einzelnen kennt, begreift man den 
Sinn seines Selbstmordes. Wir lassen kurz diese Krankengeschichte folgen: 

T. war ein schwaches und kränkliches Kind. Er hatte oft, besonders im Früh* 
jähr und im Herbst, Anfälle von Jugendasthma. In solchen Zeiten litt er an 
heftiger Dispnoe, die ihn am Spiel mit seinen Kameraden und am Turnen be= 
hinderte. Diese Krankheit zwang ihn, häufig in der Schule zu fehlen. Trotz seines 
argen Gesundheitszustandes versuchte T., beim Lernen und im Spiel seine Käme* 
raden zu überflügeln. 

Seine Eltern behandelten ihn gut, aber sehr streng. Sie waren kalte, ernste 
Leute, die ihrem Kind selten eine Zerstreuung gestatteten und sich bemühten, 
das Kind zu überzeugen, daß das Leben ernste Pflichterfüllung sein muß. Seit 
seiner Kindheit war Fußball sein Lieblingsspiel. Er nahm an allen Spielen teil, 
obwohl er wußte, daß er infolge des regnerischen Klimas seiner Wohngegend 
und wegen seiner Lungenkrankheit noch häufiger Anfälle haben würde. 

Die strenge Erziehung durch die Familie bewirkte im Verein mit einer orga* 
nischen Schwäche eine masochistische Deformierung von T.'s Persönlichkeit. 
Diese masochistische Deformierung der Persönlichkeit beeinflußte sein ganzes 
späteres Leben, trieb ihn in solche Situationen, daß das Leben jeden Reiz für 
ihn verlor und er zu allzu intensiver Arbeit gezwungen war, deren er sich wie 
einer unentrinnbaren Verpflichtung entledigte. Der Selbstmord erscheint ihm 
als ein Mittel zur Lösung aller seiner Konflikte. 

Nach Beendigung seiner Studien arbeitete er in B. und erfüllte seine Aufgaben 
in zufriedenstellender Weise. Er begann Hockey zu spielen; trotz seinen hin* 
dernden Atembeschwerden brachte er es dazu, besser als seine Partner zu spielen, 
und wurde zum Kapitän der Mannschaft gewählt. 

In B. begann er auch, in Gesellschaft zu gehen und Feste und Bälle zu be* 
suchen. Seine Heiterkeit auf diesen Festen war erkünstelt und gezwungen. 
Manchmal ging er mit jungen Mädchen aus, wurde ihrer aber bald müde. Er 
erhielt mehrere Liebesbriefe, beantwortete sie aber nicht. Im Alter von 23 Jahren 



r 



Psychologie des Selbstmordes 91 

verläßt er die Stadt und begibt sich nach P., wo er eine schöne Stellung inne hat. 
Er arbeitet viel und gut, es gelingt ihm, seine Stellung noch glänzender zu ge* 
stalten und Anerkennung zu finden. Seine Versetzung nach Madrid, fünf Jahre 
später, erfolgt dank der Achtung seiner Direktoren. 

In P. schließt er sich an einen seiner Vorgesetzten an, einen fast gleichaltrigen 
Mann. Mit diesem Freund und dessen Frau sucht er sich zu zerstreuen, aber er 
kann sich von einem Ernst, der seinem Alter nicht angemessen ist, nicht frei* 
machen. Sehr selten wagt er den Versuch, sich ein wenig mehr zu zerstreuen, 
danach ist er traurig und unzufrieden. 

Zu dieser Zeit hat er manchmal Tage seelischer Depression. Er träumt von 
etwas, das er nicht beschreiben kann, das fällt und auf ihm lastet. 

Im Alter von vierundzwanzig Jahren verkehrt er zum erstenmal mit einer 
Prostituierten. Er reagiert normal. Später wiederholt er diesen Versuch, doch 
selten und nur mit Prostituierten. Nach dem Verkehr fühlt er sich traurig. Er 
denkt nicht an eine Liebesbeziehung mit einer Frau. 

Er besuchte sehr selten seine Familie, die weit entfernt von ihm lebte. Er 
schrieb seinen Eltern häufig, doch ohne Vertraulichkeit. T. war sich klar darüber, 
daß sich seine seelische Verfassung infolge seines gesundheitsschädlichen Lebens 
verschlechterte, aber — so sagte er — er hielt es mit seiner Arbeit wie mit dem 
Fußball. Obwohl er wußte, daß sein Verhalten seine Gesundheit schädigte, 
änderte er es nicht. 

Mit achtundzwanzig Jahren übersiedelte er nach Madrid unter den oben ge* 
schilderten Umständen. Keiner außer X. konnte die große Masse von Arbeit be* 
wältigen, die er im Bureau leistete. Kein anderer Angestellter hatte die erfordere 
liehen Spezialkenntnisse. 

T. fühlte sich physisch und psychisch sehr müde. Da er sah, daß das Leben 
für ihn keinen Reiz habe, beschloß er, sich zu töten. Von seinem Entschluß ver* 
ständigte er niemand, nicht einmal seine Eltern. Mit einer Gillette*Rasierklinge 
schnitt er sich in die Adern der Handwurzel. Aber „es war niederschmetternd" 
nach seinem eigenen Ausdruck. Er glaubte, sofort zu sterben, aber die Wunden 
bluteten und nach sehr kurzer Zeit hörte die Blutung auf. Er brachte sich 
mehrere Verletzungen bei, „bemühte sich, die wichtigsten Adern, z. B. die Puls* 
ader durchzuschneiden". Da er sah, daß seine Versuche so wenig Erfolg hatten, 
nahm er eine ganz schmale, scharfe Rasierklinge in der Meinung, die Wunde 
werde tiefer und die Blutung heftiger sein. Er tat sich beim Schneiden weh, aber 
der Gedanke freute ihn, daß er auf diese Weise endlich sterben werde. Freunde, 
die gerade sein Zimmer betraten und ihn überraschten, brachten ihn ins Spital, 
wo wir seine psychische Behandlung übernahmen. 

Ein anderer Faktor, der bei einer Betrachtung über die Psychologie des 
Selbstmords beachtet werden muß, ist die Konstitution. Es gibt Familien, 
deren Mitglieder sich unwiderstehlich zum Selbstmord gezogen fühlen; 
Maccabruni 46 erzählt von einer Familie, in der es keinen der Faktoren 
gab, die im allgemeinen zum Selbstmord treiben. Es gab keine wirtschafte 
liehen Schwierigkeiten, keine großen Leidenschaften, keine unheilbaren 
Krankheiten. In psychischer Hinsicht schienen die Mitglieder dieser Familie 

46) Zitiert von Rost: Bibliographie etc., S. 133. 



92 Angel Garma 






normal. Zuerst verübte der zweite Sohn Selbstmord; kurze Zeit später seihe 
Schwester; vier Jahre später der fünfte Sohn; weitere vier Jahre später der 
Vater. Die Tochter vergiftete sich mit Phosphor; alle anderen töteten sich 
durch einen Schuß aus dem gleichen Revolver. Zwölf Jahre später beging 
ein Enkel von siebzehn Jahren Selbstmord. 47 

In der Besserungsanstalt des Jugendgerichtshofes von Madrid konnten 
wir einen dem von Maccabruni zitierten analogen Fall beobachten. Es 
handelte sich um einen jungen Mann von siebzehn Jahren, I. O. . . ., der 
mehrmals dem Jugendgerichtshof wegen Flucht aus dem Vaterhaus und 
wegen Diebstahls vorgeführt worden war. Nach der Verhaftung versuchte 
er, sich durch Durchschneiden der Adern am Handgelenk zu töten. Die 
Mutter des jungen Mannes berichtete folgende Familiengeschichte: 

In der väterlichen Aszendenz: 

Die Befragte kannte weder die Eltern des Großvaters noch den Vater der 
Großmutter. 

DieMutterderGroßmutter war eine heitere Person : immer zufrieden, 
„eine Frau, mit der sich gut leben ließ". Sie trank Branntwein, betrank sich oft, 
dann sang und tanzte sie . . . etc. ... Sie starb im Alter von 89 Jahren. 

Ein Bruder des Großvaters litt einige Jahre an Unterleibsneuralgien. 
Er machte sich Morphiuminjektionen, um seine Schmerzen zu lindern. Im Alter 
von 70 Jahren erschoß er sich vor einem Spiegel. 

Ein Bruder der Großmutter vergiftete sich mit Streichhölzern beim 
Tode seiner Frau. 

Der Großvater war ein schlechter Charakter und hatte oft schreckliche 
Wutanfälle. Er war nachtragend und wollte sich immer an Leuten rächen. Er 
schlug seine Frau und betrank sich täglich. Er war Drucker von Beruf und ar* 
beitete gut. 

Die Großmutter war eine ruhige Frau, von gutem Charakter, unter* 
würfig, ihren Kindern sehr zugetan, mit traurigem Temperament; sie sehnte sich 
nach dem Tode, wie sie sagte, wegen des Verhaltens ihres Mannes. 

Der Vater „ist ein Verrückter, ein Neurastheniker. Sie hatte ihn kennen 
gelernt, als er einundzwanzig Jahre alt war. Sieht man ihn zum erstenmal, scheint 
er angenehm, aber bald bemerkt man seine Manien". Er braust oft auf und schlägt 
seine Frau. Er ist maßlos eifersüchtig. Er ist sehr wenig gesellig und hat keinen 
einzigen Freund, da er sich mit allen überwirft. Am Beginn seiner Ehe verab* 
scheute er den Alkohol wegen all des Unglücks, das er über die Familie gebracht 
hatte. Aber zwei oder drei Jahre nach der Hochzeit (23 oder 24 Jahre alt) be* 

47) Man darf aber die Bedeutung der Konstitution für die Erklärung des Selbstmordes 
nicht zu hoch einschätzen. Die Konstitution ist sicherlich ein Faktor, aber doch nur ein 
Faktor unter vielen anderen. Alle Erklärung für den Selbstmord in der Konstitution zu 
suchen, bedeutet Flucht vor dem Problem, das der Selbstmord zur Lösung aufgibt. Wir, 
wollen ein Beispiel zitieren, in welchem der Konstitution übertriebene Bedeutung bei* 
gemessen wird. Um den Unterschied zwischen Selbstmordfällen bei Katholiken und Prote* 
stanten darzulegen, sagt A. Wagner, daß, „obwohl die äußerlichen Unterschiede nur 
klein sind, doch in bezug auf psychische Vorgänge wesentliche Unterschiede bei Substanz 
und Formen des Gehirns zwischen Katholiken und Protestanten bestehen". 



Psychologie des Selbstmordes 



93 



gann er zu trinken und sich zu betrinken und tut dies jetzt noch. Er ist eifere 
süchtig, verdächtigt alle Welt, verdächtigt z. B. einen seiner Freunde, den Paten 
seines Sohnes, und behauptet, dieser Freund sei der Vater seines Kindes. Dann 
erkennt er wieder, daß seine Eifersucht absurd ist, und bittet weinend um Ver* 
zeihung. Einmal war seine Eifersucht so groß, daß er gar seine Frau beim 
Kommissariat anzeigte. Wenn seine Frau mit anderen Leuten redet, nimmt er an, 
daß sie schlecht von ihm spricht. Er hat mehrmals versucht, seine Frau zu töten 
und dann Selbstmord zu verüben. 

Drei Geschwister des Vaters (zwei Onkel,. eine Tante); einer von 
ihnen ist sehr jung gestorben. Die Tante ist im Alter von 27 Jahren an Herz* 
embolie gestorben. Sie war sehr „nervös" und pflegte sich die Haare zu raufen, 
wenn ihre Mutter sie schlug und wenn sie Ärger hatte. Der dritte lebt noch, er 
ist von friedlichem Charakter; er liebt den Wein, und wenn er betrunken ist, 
singt er und macht Spaße. 

In der mütterlichen Aszendenz: 

Die Befragte kannte die Eltern der Großmutter nicht. 

Die Mutter des Großvaters starb im Alter von 89 Jahren. Sie war 
eine immer zufriedene Frau. 

Die Mutter der Großmutter „wusch sich die Füße zwei Tage nach 
der Entbindung und hatte seit damals Manien", die sie nicht näher präzisieren 
kann. 

Der Großvater spielt gerne Theater und liebte das Theater außerordent* 
lieh. Er ließ sich oft als Chorist einstellen, war von sehr heiterem Temperament, 
aber ohne Übertriebenheit, er war sehr gesellig, schlug seine Kinder nie und lebte 
glücklich mit seiner Frau. 

Die Großmutter war eine heitere und ruhige Frau. Ihr einziger Wahn 
bestand darin, sogar in ihren letzten Lebensjahren noch kokett zu sein (sie starb 
mit 95 Jahren). Sie frisierte sich, steckte Blumen in ihr Haar und puderte sich, 
jedoch ohne die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen. 

Die Mutter ist eine ruhige Frau, beklagt sich darüber, daß sie mit ihrem 
Mann sehr unglücklich war. Sie erkannte das Pathologische in der Familie ihres 
Mannes und setzte sich dagegen so gut es eben ging zur Wehr. Sie heiratete mit 
18 Jahren, wollte sich von ihrem Mann wieder trennen, tat es aber aus gesell* 
schaftlichen Rücksichten nicht. 

Ein Bruder der Mutter wird als mißraten beschrieben. Er desertierte 
mehrmals aus der Armee. Sie weiß sonst nichts von ihm. Sie waren 14 Kinder, 
sieben sind noch am Leben, die anderen sind im Kindesalter gestorben. Die Mutter 
hatte überdies zwei Fehlgeburten. Die Brüder sind von reizbarem und heftigem 
Charakter. Sie geraten aus dem nichtigsten Anlaß in Wut und sind eigensinnig. 
Sie prügeln einander und werfen einander Gegenstände ins Gesicht. Geschieht 
ihnen etwas Unangenehmes, stoßen sie Drohungen aus; sie haben mehrere Selbst* 
mordversuche unternommen. Alle sind sie von gleichem Charakter, allerdings 
kann man ihn bei den beiden Jüngsten, die fünf und neun Jahre alt sind, noch 
nicht recht klar erkennen. 

— G., die Älteste, verheiratet, kinderlos. 

— E., 20 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, sein Charakter hat sich seit seiner 
Heirat gebessert. 



94 



Angel Garma 



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= Selbstmord 



Selbstmordversuch 




= Psychopathie (außer Alkoholismus und Selbstmord) 

— J., 19 Jahre alt, sehr nervös. Er hat Tics und wird von einem Arzt behandelt. 
Als Kind litt er an Anfällen, die jetzt verschwunden sind. 

Er ist Schuhputzer. Er hat weder Freund noch Freundin. 

— I., 17 Jahre alt, in der Besserungsanstalt interniert. 

— J., 14 Jahre alt, sehr schwieriger Junge, schlägt sich viel mit seinen Käme* 
raden. 

— G., 9 Jahre alt. 

— L., 4 Jahre alt. 

Schlußfolgerung. 
Als Zusammenfassung aller Faktoren, die wir bei unserer Erforschung der 
Psychogenese der Selbstmordgedanken gefunden haben, können wir foL» 
gendes Schema aufstellen: 



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Psychologie des Selbstmordes 



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Nachkriegsbestrebungen und der 
Fortschritt der Psychotherapie 1 

Von 

Sylvia M. Payne 

London 

Man muß den Weltkrieg als Beweis dafür ansehen, daß es den Menschen 
mißlungen ist, eine feste und sichere Zivilisation zu begründen. Die Sicher 
rung der westlichen Zivilisation hing von der Fähigkeit des Menschen ab, 
die Gemeinschaft zu organisieren und ihr den Willen des Stärksten, in der 
Hauptsache durch physische Kräfte, aufzuerlegen. Der Weltkrieg stellt den 
Höhepunkt dieser Politik dar und hat, da er weder Frieden noch Sicherheit 
zu bringen vermochte, unzweifelhaft eine Schicht denkender Menschen auf* 
gerüttelt und ließ sie den Wert von vielem, das vor dem Kriege als nofc 
wendig für unsere individuelle und soziale Anpassung galt, in Frage stellen, 

Konfusion und Chaos haben seit dem Kriege in den politischen und finan* 
ziellen Kreisen überhand genommen. Die Industrie und andere soziale Be* 
triebe werden reorganisiert, rationalisiert und mechanisiert. Im Gegensatz zu 
diesen Auflösungserscheinungen haben zwei Bestrebungen ständig Fort* 
schritte gemacht und an Bedeutung gewonnen. Die erste ist das Anwachsen 
von Maschinen aller Art, die zweite die Zunahme und die Gestaltung des 
Interesses an der Psychologie. Meiner Meinung nach stellen sie verschiedene 
und in gewisser Hinsicht entgegengesetzte Bestrebungen dar, um ein gemein* 
sames Ziel, nämlich Sicherheit zu erreichen; die treibende Kraft wird in 
beiden Fällen durch Selbst» und Art^Erhaltungstriebe bestimmt. 

Die erste Tätigkeit betrifft die Entwicklung von Maschinen aller Art, spe* 
ziell solcher, die im Kriege verwendet werden können. Flugzeuge, Autos und 
unzählige arbeitsparende Vorrichtungen scheinen die Ausbildung von 
Körperfertigkeiten, außer für Sport und Vergnügen, in kürzester Zeit über* 
flüssig machen zu wollen. Die psychischen Faktoren, die im Einzelnen 
zur Erfindung einer Maschine führen, stehen mit jenen, die die Gemeinschaft 
zur Anwendung und Nutzbarmachung der Erfindung veranlassen, kaum in 
Beziehung. Das Sprichwort, daß „die Notwendigkeit die Mutter der Er* 
findung sei", ist dann richtig, wenn man die Notwendigkeit, auf die ange* 
spielt wird, als eine psychologische des Erfinders und nicht als ein äußeres 
Bedürfnis der Gemeinschaft erkennt. Das Bedürfnis einer Gemeinschaft 



Ansprache der Vorsitzenden an die Medical Section der British Psychological Society 
am 22. I. 1936. Aus dem British Journal or Medical Psychology, Bd. XVI, 1936; aus dem 
Englischen übersetzt von Ernst Halberstadt^Freud. 



Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie" 



97 



bringt die Anwendung und Verwertung der Erfindung erst mit sich, wenn 
die Zeit dafür reif ist, daß dieses Bedürfnis befriedigt werde. 

Dei Mensch neigt dazu, eine wissenschaftliche Entdeckung, die seine 
psychische Sicherheit bedrohen könnte, zu verwerfen; seine wichtigsten 
Fähigkeiten dürfen zur Erhaltung der Schönheit und Gesundheit des mensch* 
liehen Korpers verwendet, in den Dienst einer bestimmten Art von Reti* 
gion oder des Glaubens an seine eigenen geistigen Kräfte gestellt werden 
Mit anderen Worten: Seine psychische Sicherheit ist abhängig von der Ver* 
teilung semer Ich*Libido, d. h. von dem Schicksal seines sekundären Nar* 
zißmus. Hanns Sachs (1) lenkt in einem Aufsatz „Die Verspätung des 
Maschinenzeitalters" die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Arten des 
Narzißmus, die für die verschiedenen Zivilisationen charakteristisch sind; er 
deutet an, daß der in jeder Zivilisation vorherrschende Typ einen Einfluß auf 
die Haltung der Gemeinschaft wissenschaftlichen Entdeckungen gegenüber 
habe. 

Im griechischen Kulturkreis etwa war das Interesse auf die körperliche 
Schönheit, sowohl auf die des Mannes wie die der Frau, in einer Weise ge* 
richtet, die weder vorher noch seitdem ihresgleichen fand. Psychoanalytisch 
gesehen, würde das bedeuten, daß das Körperlich auf besondere Art mit 
Libido besetzt wurde. Während derselben Zeit und in der römischen Kultur 
finden sich viele Belege für mechanisches und mathematisches Wissen das 
aber nur der Herstellung von mechanischem Spielzeug diente. Den Römern 
des Kaiserreichs war die Verwendung hydraulischen Drucks zum Heben 
großer Gewichte bekannt, sie verwendeten ihn aber nur zum Kulissenver* 
schieben im Zirkus. Sachs weist darauf hin, daß die Griechen und Römer 
ihre Kenntnis von der Mechanik und Mathematik nicht dazu verwendeten 
um Maschinen zu bauen, außer in begrenztem Ausmaß, weil ein unbewußt 
determinierter, innerer Widerstand gegen die darin enthaltene psychische An* 
Ordnung bestand: nämlich gegen die Projektion der Libido vom Körperlich 
auf dessen Substitut, die Maschine. In den der griechischen und römischen 
Feriode folgenden Kulturen übernahm die Konzeption der Gottheit Werte 
die früher dem Körper beigemessen wurden. Der Narzißmus des Menschen 
ruhte alsdann in seinem Vertrauen auf ein idealisiertes Wesen und köipe* 
liehe Interessen und Wünsche wurden als verpönt oder verboten angesehen 
j ^Aktualisierung des Bedürfnisses nach Art* und Selbsterhaltung, die 
der Weltkrieg mit sich brachte, wurde von einem Nachlassen des Glaubens 
an eine Gottheit, d le imstande wäre, ihre Anhänger zu schützen, begleitet 
und in gewissen Schichten der Gemeinschaft scheint ein Schub narzißtischer 
Libido von einer idealisierten allmächtigen Imago zu weniger allmächtigen 
lch*Instanzen vor sich gegangen zu sein. Als Ergebnis des wissenschaftlichen 

$ t Imago, XXIII/1 



98 Sylvia M. Payne 



Fortschritts wuchs des Menschen Beherrschung und Wissen von den natura 
liehen Phänomenen und er trachtete, lieber eine Lösung seiner Probleme 
durch Vertrauen auf seine eigene Kraft zu finden als sich auf übernatürliche 
Wirkungen zu verlassen. Noch können wir nicht ermessen, welche Wirkung 
die Luftfahrt, die drahtlose Telegraphie und das Fernsehen auf die Psyche 
zukünftiger Generationen haben werden. Es scheint unvermeidlich, daß die 
Abnahme der Bedeutung der Entfernung und der damit verbundenen Be* 
griffe von Raum und Zeit die psychischen Abwehrhaltungen und Sublim 
mierungen beeinflussen muß. 

Jedem Psychiater sind die Wahnvorstellungen der Schizophrenen über die 
Höllenmaschine, die er in seiner Umgebung wähnt, vertraut. 1918 hielt der 
verstorbene Viktor Tausk (2) in der Wiener Psychoanalytischen Gesell* 
schaft einen Vortrag „Über den Ursprung des Beeinflussungsapparates in der 
Schizophrenie", in dem er diese Wahnbildung analysierte, deutete und zeigte, 
daß die Maschine eine Projektion des Körpers darstelle. F r e u d (3) hatte 
schon darauf hingewiesen, daß die von den Schizophrenen manifestierten 
Symptome Restitutionsversuche darstellten. Die psychotische Erkrankung 
bringt eine Entziehung der Libido von den Objekten mit sich und daher ein 
pathologisches Anwachsen der narzißtischen Libido, das von einer Rückkehr 
zu ursprünglichen, auto*erotischen Einstellungen begleitet ist. Im Bestreben, 
mit der Anhäufung narzißtischer Libido, die mit geistiger und physischer 
Gesundheit unvereinbar ist, fertig zu werden, wird der Mechanismus der 
Projektion betätigt. Das Körperlich wird projiziert und stellt sich als Wahn 
von der Beeinflussungs*Maschine dar. Beim Psychotiker bewirkt eine psycho 
sehe Bedrohung des Lebens dieses Symptom. 

Die Menschheit ertrug während des Krieges eine schwere Bedrohung des 
Lebens auf einer Stufe, die den Höhepunkt der Vorkriegszivilisation dar* 
stellte. Sie reagierte mit einem Zurückziehen der Objekt*Libido und einer 
Verstärkung der narzißtischen Libido. Beweise dafür finden sich in der Zu* 
nähme der Homosexualität und aller Arten von Neurosen des Einzelnen, 
in der Änderung der Stellung der Frau sowie in den Typen der nationalen 
Bewegungen, die seit dem Kriege blühen. Vom rein psychologischen Stand* 
punkt aus gesehen können Faszismus, Nationalsozialismus und Kommu* 
nismus als narzißtische Massen*Phänomene bezeichnet werden. Es ist sinnvoll, 
die große Bewegung des Maschinenbauens, die aus dem Kriege hervorging, 
als teilweise durch das Bedürfnis bestimmt anzusehen, mit dem angehäuften 
Körper*Narzißmus, der von der Todesangst herrührte, fertig zu werden. 

Der gut angepaßte Mensch kann die Maschine als partiellen Vertreter ge* 
brauchen und am Anwachsen seiner Macht in ihrer Beherrschung narziß* 
tische Befriedigung genießen. Dieser Körper*Ersatz scheint auf den ersten 



Nachkriegsbestrebungen und der Fo rtschritt der Psychotherapie 99 

Blick große Vorteile zu haben. Er hat keine Gefühlssensationen und ist mit 
dem bewußten Verstand direkter zu beherrschen. Die Teile oder das Ganze 
können ausgewechselt werden und sind daher in gewissem Sinne unzer* 
störbar. Anfangs schien die Beherrschung der Maschinen direkt und voll* 
kommen zu sein. Aber der Mensch ist auf der Suche nach vollständiger Be* 
herrschung des Körper*Ersatzes auf ein ernstes Hindernis gestoßen: gegen* 
wärtig stellt er Maschinen her, die er nicht kontrollieren kann, weil sich die 
physischen Prozesse über einen gewissen Punkt hinaus nicht anpassen lassen. 
Der Schöpfer wird vom Ersatzmittel behext. Bei Flugzeugen und Autos hat 
übermäßige Geschwindigkeit Unfälle zur Folge, weil der psycho*physische 
Organismus des Fahrers keiner hinreichend feinen und schnellen Anpassung 
fähig ist. In großen Höhen und Tiefen wirken körperliche Spannungen 
störend ein; physische Prozesse sind auf einen schnellen Wechsel der Um* 
gebung nicht einstellbar. Heute werden schon mathematische Maschinen 
hergestellt, die Probleme genauestens lösen können, die der Mensch ohne 
ihre Hilfe nur schwer oder gar nicht behandeln könnte. 

^ Auch auf dem Gebiete der Musik und des Dramas entwickeln sich media* 
nistische Tendenzen. Drahtlos übertragene Musik und Filme befriedigen 
mittels eines toten Mediums, d. h. mit Hilfe von Maschinen, künstlerische 
Ansprüche. Als Folge davon nehmen Bewunderung und Kenntnis der Musik 
zu, die Anzahl der Kinder aber, die ein Instrument zu spielen lernen, nimmt 
ab: das Durchschnittskind lernt Musik nicht in der Schule; das ist dem be* 
gabten vorbehalten. 

^ Das Spielen für den Film hat für den Schauspieler und die Schauspielerin 
nicht dieselbe Anziehungskraft wie die Bühne. Das direkte menschliche 
Lebenselement ist wieder eingeengt. Es gibt kein Auditorium und die Atmo* 
Sphäre ist durch mechanische Vorrichtungen und Effekte bestimmt, die von 
der erfinderischen Begabung eines Direktors ebensosehr wie von der Macht 
des körperlichen Gestaltungsvermögens des einzelnen Schauspielers oder der 
einzelnen Schauspielerin abhängen. Obgleich mechanische Prinzipien in 
einige künstlerische Betätigungen eingeführt wurden, geschieht das doch nicht 
allgemein, da in vielen Schulen moderner Malerei, Skulptur und Musik 
komplexe Tendenzen zu finden sind, die sowohl die Schätzung der einfachen 
und direkten Methoden künstlerischen Ausdrucks, wie auch die höchst intek 
lektualisierte Leistung zeigen. Ich glaube, jeder, der sich mit Tiefenpsychologie 
und dem Ursprung der Kunst beschäftigt hat, wird zugeben, daß die Quellen 
der künstlerischen Inspiration in unbewußten, dynamischen Situationen, die 
Schöpfung, Wiederherstellung und Probleme des Lebens und des Todes be* 
treffen, zu finden sind (4). Die Einfachheit und die Wirkungskraft primi* 
tiver Kunst rührt daher, daß uns die angewandten Methoden den Eindruck 



100 Sylvia M. Payne 



von beherrschtem Leben und beherrschter Bewegung erfolgreich vermitteln. 
Dieser Eindruck wird unseren Sinnen durch Rhythmus, durch Einheit (unity) 
(6) in der festgelegten Komposition, die nach übereinstimmender Aus* 
sage der Künstler die wesentlichen Merkmale großer Kunst sind, übermittelt. 
Im lebenden Organismus ist der Rhythmus die unbewußt bestimmte Methode, 
die Funktion zu beherrschen, und stellt die Methode der Natur dar, mit 
aktiven Kräften umzugeben. Bis heute ist noch kein ernsthafter Wissenschaft* 
lichei Schritt unternommen worden, um die psychologische Bedeutung dieser 
Manifestation des Lebens zu würdigen; und das, obwohl seine Bedeutung 
vom Künstler und in einigen Forschungsgebieten erkannt worden ist. 

Die weitreichenden Veränderungen in der Musik, der Malerei und der 
Plastik, die in den letzten 50 Jahren vor sich gegangen sind, sind durch auf* 
fallende Änderung des Rhythmus ausgezeichnet, der das Kunstwerk er* 
füllt. Bei der Musik und beim Tanz fordert die Nachkriegs Jugend Synkopie* 
rung. Bei der Malerei strebt der moderne Künstler danach, eine Technik anzu* 
wenden, deren Ziel es ist, lieber Rhythmus, Bewegung und Komposition zu 
offenbaren als „die erstarrte Genauigkeit einer Menge von Details", Worte, 
die ich zur Bezeichnung von Gemälden verwenden hörte. Die bedeutendsten 
Leistungen plastischer Kunst von heute sind mit Bewegung und Rhythmus 
befaßt. Der westliche Künstler kann bei der alten östlichen Kunst etwas von 
der Weisheit des Orientalen erkennen, die ihn befähigt, seine Todesangst 
zu bewältigen. In seiner Kunst enthüllt der Orientale vor allem seine Würdi* 
gung der Lebenskräfte. Ich neige zur Annahme, daß die Tendenz der mo* 
dernen Kunst für das Rennen ums Leben bezeichnend ist, das unsere gegen* 
wärtige Zivilisation durchdringt, und daß diese Tendenz, soweit sie das Vor* 
handensein und die dynamische Bedeutung unbewußter primitiver Triebe 
enthüllt, unsere Aufmerksamkeit auf die Haupt*Determinanten des Erfolges 
und Mißgeschicks von Rassen und Individuen lenkt, die wissenschaftliche 
Erklärung fordern. 

Die Kunst hat viele unbewußte Beziehungen zum Ursprung und zur 
Technik primitiver Magie. Die ersten Tänze hatten magische Bedeutung. Die 
ersten Bilder und Abbilder wurden in der Absicht gemacht, Macht über die 
Individuen, die sie darstellten, im Dienste guter oder verderblicher Absichten 
zu gewinnen. Imitative und kontagiöse Magie stehen immer am Ursprung 
der Kunst. Die Lust, die ein Kunstwerk dem Menschen von heute verschafft, 
ist ein Ersatz für die Lust, die bei der phantasierten Befriedigung unbewußter 
Allmachtswünsche erlebt wurde. Der Mensch muß, wenn er angesichts der 
Entbehrungen und Verantwortungen, die ihm die moderne Zivilisation 
auferlegt, psychisch gesund bleiben will, Ersatzbefriedigungen haben. 

Der therapeutische Wert künstlerischer Interessen, die nicht selten während 



J 



Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der P sychotherapie ~lÖl 

der psychoanalytischen Behandlung spontan auftauchen, sollte willkommen 
sem; vielleicht würdigen wir nicht immer genügend die Bedeutung der Tat* 
sache, daß dies für die Erhaltung der Gesundheit notwendig sein kann Aus 
diesem Grunde ist die Kenntnis der Psychologie der Kunst dem Psycho* 
Pathologen von gleichem Nutzen wie dem an weiteren Problemen inter* 
essierten Psychologen. 

In diesem Abschnitt meiner Darstellung war ich bemüht zu zeigen, daß 
über der Entdeckung der Naturgesetze und der Nutzbarmachung des 
Wissens, das ihn befähigt, mit den Kräften umzugehen, die sich in der 
Außenwelt offenbaren, dem Menschen die Kenntnis der psychischen und 
psychophysischen Kräfte und der Funktionen verloren gegangen ist, die 
sie beherrschen. Er scheint von der Idee besessen, daß ihm die Kenntnis der 
äußeren Gesetze Macht über die Welt und deshalb auch über sein eigenes 
Schicksal geben wird. Was er bis vor kurzem vernachlässigt hat, ist die Er* 
forschung der Seele. Ich weise darauf hin, daß die Mechanisierung insofern 
eine Gefahr darstellt, als sie die Unsicherheit verdeckt, die der durch Aggres* 
sion verursachten Angst zuzuschreiben ist; und diese Unsicherheit drückt sich 
in der Bedrohung durch weitere Kriege aus. 

Die zweite soziale Nachkriegsbestrebung, auf welche ich angespielt habe, 
betrifft die Erforschung der Seele von vielen verschiedenen Gesichtspunkten 
aus; es scheint, daß das Menschengeschlecht zu einem Bedürfnis einer neuen 
Art von Wissen erwacht ist. Freud veröffentlichte seine ersten Schriften 
über die Psychoanalyse 1896, Jahre vor Ausbruch des Weltkriegs. Es er* 
hebt sich die Frage, ob die Menschheit seine Entdeckungen auch 
dann genügend ertragen hätte, um das ständige Wachsen des Interesses, das 
stattgefunden hat, zuzulassen, wenn der Krieg keine so wichtige Rolle in 
der Erweckung von Interesse an psychischer Therapie und psychischen Funk* 
tionen als Ganzes gespielt hätte. 

Freuds Erkenntnis der Natur und der Bedeutsamkeit der unbewußten 
seelischen Funktionen war ein Schlag gegen den Narzißmus des Menschen; 
nicht nur wegen des Nachdrucks, den er auf den Sexualtrieb und die 
infantile Sexualität legte, sondern auch weil seine Theorie den Glauben des 
Menschen an seine Überlegenheit über die Tiere des Feldes unterhöhlte, den 
Glauben an seinen Verstand und die bewußten geistigen Funktionen. Dem 
Menschen ist seine Vernunft wie ein Gott. 

Es gibt zwei Gründe für das Zunehmen des Interesses an psvchischen 
Dingen seit dem Kriege. Einer liegt in der Änderung in der Stellung des 
Mediziners zu psychogenen Krankheiten, infolge der Erfahrungen mit see* 
lischen Erkrankungen der Frontkämpfer. Die große Zahl von traumatischen 
Erkrankungen nach Schußeinschlägen zeigte den Ärzten, daß die Seele 



102 Sylvia M. Payne 






weit verantwortlicher für Gesundheit und Krankheit war, als man für mög« 
lieh gehalten hatte, und daß dies sowohl für Männer wie für Frauen gilt. 

Ein zweiter Anreiz für das Interesse an psychischen Dingen, das infolge 
des Krieges auftauchte, entstand durch die Unfähigkeit vieler, den Verlust 
des Mannes oder Sohnes zu tragen. Die Verleugnung des Todes führte zu 
einem mächtigem Anwachsen des Glaubens an spiritistische und verwandte 
psychische Phänomene. Immer schon hatte es Leute gegeben, die für alles, 
was „psychisch" genannt wurde, Interesse hatten, weil es den Anstrich von 
Mysterium, Magie und Unheimlichkeit hatte und sie dadurch entweder 
abgestoßen oder angezogen wurden. Jetzt hat sich die Wißbegierde einer un# 
wichtigen Minderheit zu einem Bedürfnis eines großen und gebildeten Teiles 
der Gemeinschaft entwickelt. Wirklich wenden sich Ärzte, Erzieher, Indu« 
strielle und die Kirche selbst der Psychologie zu, um die Lösung ihrer uiw 
mittelbaren Aufgaben zu finden. 

In den westlichen Zivilisationen hatten die herrschenden und gebildeten 
Klassen Interesse an psychischen Dingen entweder als töricht und als Be* 
schäftigung für hysterische Frauen angesehen oder als entschieden gefähr« 
lieh und wahrscheinlich verderblich und asozial, wenn sie es ernst genommen 
haben. Für diese Haltung gibt es viele triftige Gründe, hauptsächlich des« 
halb, weil das Interesse für psychische Vorgänge bis zum heutigen Tage auf 
der westlichen Hemisphäre nicht viel Gelegenheit hatte, über primitiven Aber* 
glauben hinauszukommen. Die östlichen Kulturen haben das Vorhandensein 
und die Bedeutung psychischen Interesses viele Jahrhunderte hindurch bis 
zu einem gewissen Grade erkannt und besitzen ein Wissen von einer be# 
stimmten Art, das wir weder zu assimilieren noch anzunehmen imstande 
waren. Es ist wohl erlaubt, einen optimistischeren Blick in die Zukunft zu 
werfen, wofern die Wissenschaft der Seelenforschung ernstlich Aufmerk« 
samkeit schenkt und das Interesse an ihr nicht dazu verurteilt ist, zu ver« 
schwinden, aufzuhören und auf starre und leere Formeln gebracht zu werden, 
die sich auf Methoden stützen, die schon einmal versagt haben. 

Noch eine andere Gefahr muß vermieden werden und diese liegt in jenem 
Interesse an der Seele, das, manchmal bewußt, manchmal unbewußt, durch 
den Wunsch bestimmt ist, die physischen Manifestierungen des Triebes zu 
verleugnen, zu hemmen oder auf ein Minimum zu reduzieren. Es ist dies 
eine Art Flucht vor äußerer Aktivität und bezeichnet ein Bestreben, psycho 
sehe Aktivität an Stelle äußerer Aktivität zu setzen. Das Bestreben beschränkt 
sich nicht notwendigerweise auf ein Verlangen, lieber den Geist als den 
Körper zu entwickeln, was der Weg des Fortschritts sein kann, sondern kann 
mit einer Verleugnung der Wirklichkeit verbunden sein; es richtet sich dann 
darauf, die Absicht des Wunsches wegen der Unbeständigkeit der ange« 



Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapii 



103 






wandten psychischen Mechanismen zu vereiteln. Die Entwicklung des 
Lebens fort von der Materie wird von gewissen Sekten und sogenannten 
Philosophen vertreten und man hat darauf hingewiesen, daß sich der Ente 
wicklungsprozeß auf eine Emanzipation des Geistes von der Notwendigkeit 
hinbewegt, sich mit Materie zu befassen. Joad (5) sagt: „Jeder neue Vor* 
stoß praktischen Wissens, jede Vermehrung der Macht des Menschen über 
die Natur ist in der Tat, richtig gedeutet, nur eine Gelegenheit, um unser 
Bedürfnis nach Wissen und nach Umgang mit der Materie abzuschwächen." 
Als philosophischer und idealistischer Gedanke mag es anregend sein, Ideen 
in diese Richtung hin zu verfolgen. Die Wissenschaft jedoch zeigt, daß die 
Macht, die wir über unseren Körper haben, nicht wirklich gewaltig zuge* 
nommen hat, obgleich wir eine Anzahl neuer Tatsachen gesammelt und in 
ein System gebracht haben. Es ist logisch anzunehmen, daß unsere geistige 
Jahigkeit geeignet ist, sich nur dann in sicherer und fester Richtung zu enti* 
wickeln, wenn wir einige der augenblicklichen Probleme, die ihre gegen* 
wärtige Unbeständigkeit betreffen, gelöst haben. Falls dem nicht so ist, 
müßten wir die Meinung vertreten, daß wirkliche Veränderungen von irgend* 
welcher Bedeutung außerhalb unseres Einflusses liegen. 

Die Gelegenheit für Fortschritte im Wissen der Psychologie liegt nun in 
erster Linie in den Händen der Ärzte. Es besteht kein Zweifel, daß Freuds 
Werk und seine Einführung einer analytischen Annäherung an die Seele im 
Gegensatz zu anderen Arten seelischer Therapie ein weites Feld für psycho* 
logisches Interesse eröffnet hat, das nicht auf die therapeutische Behandlung 
kranker Individuen beschränkt ist, sondern an Probleme rührt, die die nor* 
male Entwicklung menschlicher Interessen im allgemeinen und die Aufrecht* 
erhaltung der Zivilisation im besonderen betreffen. Aber die Mitglieder des 
Ärztestandes haben den direktesten Zutritt zu einem relativ unerforschten 
Gebiet von weitreichender Bedeutung. Unglücklicherweise ringt der ärztliche 
Psychologe von heute mit vielen sich widersprechenden Interessen und Streit* 
fragen. Die Majorität der Ärzteschaft neigt nicht dazu, die weitgehende Be* 
deutung des psychogenen Faktors bei physischen Symptomen zu begreifen, 
vor allem weil eine volle Einsicht in die Ätiologie vieler physischer Er* 
krankungen des Alltagslebens die medizinische Kultur in zeitweise Ver* 
wirrung stürzen würde. Ein Teil der Ärzteschaft müßte ihr Wissen revidieren 
und ihre Kenntnis von Ätiologie und Therapie bereichern oder Scharlatanen 
gleichgestellt werden. Eine starre Spezialisierung in der Medizin ist geeignet, 
mechanistische Prinzipien zu fördern, besonders dann, wenn psychologische 
Unterweisung fehlt oder im Studienplan nur ungenügend enthalten ist. Daher 
hat der ärztliche Psychologe Schwierigkeiten im Beruf zu überwinden, bevor 
er der Öffentlichkeit, die er behanden will, gegenübertreten kann. 



104 Sylvia M. Payne 



Oft will der Mann aus dem Volke, wenn er Angst hat und während der 
Krankheit Rat sucht oder sich fragt, wie er seine Gesundheit erhalten kann, 
seinen Körper als eine Maschine ansehen. Das trifft besonders für das Gebiet 
der Psychopathologie zu. Der Psychotherapeut ist der einzige Therapeut, von 
dem man erwartet, daß er seine Patienten immer heilen soll, und den man« 
wenn er es nicht tut, leicht als Scharlatan ansieht. Bei anderen Behandlungs* 
weisen können Mißerfolge den Arzt zwar in Mißkredit bringen, aber nie, 
außer bei einem paranoiden Patienten, in den Ruf eines Quacksalbers. Un* 
sere Patienten und ihre Verwandten verlangen oft, daß wir versprechen sollen, 
den Kranken in einen liebenswerten und lebenstüchtigen Menschen zu ver* 
wandeln. Mit anderen Worten, man erwartet von uns, daß wir die schlechten 
Teile beseitigen und durch gute ersetzen sollen. Wir sollen dies in einer b'e* 
stimmten Zeit vollbringen und die neuen Teile dürfen sich nie abnützen oder 
einer Erneuerung bedürfen. Vom Chirurgen und praktischen Arzte verlangt 
man nicht dieselben Versicherungen und, von einer Minderheit von 
Fällen abgesehen, ist relativer oder zeitweiser Erfolg alles, was man erwartet. 
Eine vorübergehende Genesung wird in den meisten Fällen sowohl vom 
Ärztestand wie auch von der Öffentlichkeit angenommen und die Psychiater 
sind zufrieden, wenn sie Patienten als geheilt entlassen können, bei denen ein 
Nachlassen der psychotischen Symptome ersichtlich ist. Es ist wahrscheinlich, 
daß die Psychoanalytiker zum Teil selbst Schuld tragen an den Forderungen, 
die man an sie richtet; diese Forderungen sind die Folge von übertriebenem 
Optimismus, der den neuen Entdeckungen entspringt, und die Folge einiger 
Resultate bei vorher als hoffnungslos angesehenen Fällen. Schließlich glaube 
ich, daß der wahre Grund für diese Forderungen in der unbewußten Assozia* 
tion von Psychotherapie mit Magie zu finden ist. Die Magie ist die primitive 
Form systematischer psychologischer Behandlung und steht mit der Psycho* 
therapie von heute in Verbindung. Wenn der Patient das, was er wünscht, 
vom Arzt oder das Äquivalent an Magie vom Psychotherapeuten nicht be* 
kommt, kann er es vom Kurpfuscher, vom Christian*Science*Mann oder von 
einem der zahlreichen Kulte, die gegenwärtig gedeihen, beziehen. 

Die modernen Methoden der Psychotherapie kann man in solche teilen, 
die hauptsächlich durch die Wiederbelebung unbewußter infantiler Situa* 
tionen erfolgreich sind, in denen die Angst durch den Glauben an die All* 
macht (Magie) geschwächt wird, und in solche, die eine Zunahme des Reali* 
tätssinnes bezwecken. 

Die Hypnose ist die augenfälligste Methode zur Wiederbelebung der in* 
fantilen Allmachtsphase. Darauf hat schon 1923^ Ernst Jones (6) in einem 
Aufsatz über „Die Natur der Autosuggestion" hingewiesen. Jones folgerte, 
daß die Suggestion ein im wesentlichen libidinöser Prozeß sei und daß 



Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie 105 

hypnotische Trance eine Situation wiederbelebe, in der vollständige Einheit 
mit der Vater*Imago bestehe. Die Vorstellungen die dann in der Hypnose 
auftauchen, seien mit dem primitiven Glauben an die Allmacht der Gedanken 
in Übereinstimmung. Solche Vorstellungen können sich entweder zu ihrem 
logischen Ziel (Glauben, Urteil usw.) hin entwickeln oder zu ihren senso* 
rischen Elementen zurückkehren (halluzinatorische Befriedigung). Verdrängte 
objekt*erotische Impulse werden aufgegeben und der Narzißmus wird durch 
Zurückziehung oder Libido verstärkt. Ich möchte die Tatsache hervorheben, 
daß alle Trance*Zustände ein Bestreben darstellen, ein mit libidinöser Be* 
friedigung verträgliches psychisches Erlebnis an die Stelle eines Erlebnisses 
zu setzen, in das ein Objekt der Außenwelt einbezogen ist. Die Rolle, die die 
physischen Prozesse dabei spielen, ist auf passive sensorische Erfahrung be* 
schränkt oder fehlt wegen der mit aktiver und bewußter Sexualität und Ag* 
gression verbundenen Angst überhaupt. Auf die bei dieser Art psychischer 
Zustände wirksamen psychischen Mechanismen werde ich später noch zu 
sprechen kommen; im Vorbeigehen möchte ich nur darauf hinweisen, daß 
die aufnahmsbereite und gelöste Haltung der hypnotisierten Person die vor* 
herrschende Phantasie anzeigt, nämlich die Introjektion und die vollständige 
Vereinigung mit den allmächtigen Eltern*Imagines : Diese Haltung ist mit 
einem Aufgeben des Projektionsmechanismus verbunden, eine Reaktion, die 
auf das Bestreben hindeutet, die Außenwelt und in manchen Fällen auch 
den Körper zu verleugnen oder ihm zu entsagen. 

Meiner Meinung nach sind Patienten, die in tiefe Hypnose versetzt wer* 
den können, solche, die Defekte sowohl in ihrer Ich*Orgänisation wie auch 
in ihrem sexuellen Leben aufweisen. Ich habe Aufzeichnungen über drei am 
Anfang der Dreißigerjahre stehende Patientinnen, die heimliche Trinkerinnen 
und unfähig waren, ihre sexuellen Triebe zu beherrschen oder zu befriedigen, 
und die Angstanfällen unterlagen. Ein hervorstechender Charakterzug war 
weniger die Verdrängung als die Verleugnung ihrer aggressiven und sexuellen 
Aktivitäten. Es war möglich, sie in tiefe Trance zu versetzen, und das Er* 
gebnis war zeitweise vollständige Befreiung von Angst und Trunksucht, ver* 
bunden mit einem Gefühl von Zufriedenheit und Selbstvertrauen. Die Wir* 
kung war nichtsdestoweniger von kurzer Dauer und eine solche Behandlung 
scheint mir in derartigen Fällen mit einer Dosis Morphium vergleichbar, die 
zu verabreichen ratsam sein kann, wenn eine wissenschaftlichere Behandlung 
nicht möglich ist. 

Neben der Anwendung der Suggestion mit Hypnose ist eine mit Sugges* 
tion durchsetzte psychoanalytische Behandlung aus praktischen Gründen ge* 
eignet, die größte Rolle unter den psychotherapeutischen Methoden zu 
spielen. Das Haupthindernis in der Anwendung oberflächlicher Formen der 



!06 Sylvia M. Payne 



Analyse, verbunden mit direkten oder indirekten Suggestionsmethoden, ist, 
daß das dynamisch wirksamste Instrument der psychoanalytischen Technik da* 
bei nicht in einer Weise angewendet werden kann, die dem Patienten den 
größtmöglichen Nutzen bringt. Die Übertragung zwischen Patient und Ana* 
lytiker ist immer, gleichviel ob man sie erkennt oder nicht, von größter Be* 
deutung. Wenn sie nicht analysiert wird und dem Patienten trotzdem durch 
die Behandlung geholfen wird, bedeutet das, daß eine Bindung von ven* 
schieden großem Ausmaß an den Arzt verbleibt und daß eine Störung der 
positiven Seite der Übertragung einen Rückfall zur Folge haben kann. Die 
bestehende Übertragungssituation muß nicht notwendigerweise Schwierig* 
keiten bereiten, aber man darf vermuten, daß es in gewissen Fällen geschehen 
wird. 

Die Vorteile, die Übertragung zu analysieren, sind sehr groß; ein Analy* 
tiker kann die tieferen Schichten des Seelenlebens außer mit Berücksichtigung 
der Übertragung nicht genügend wirksam behandeln. Es ist notwendig, daß 
die allmächtigen Imagines, mit denen verbunden die stärksten infantilen Ängste 
auftreten, auf den Analytiker projiziert und in der Übertragungssituation 
analysiert werden. Auf diese Weise können Lücken im Realitätssinn be* 
handelt und das Ich durch Verminderung des Bedürfnisses nach Unter* 
Stützung durch Allmachtsinstanzen gestärkt werden. Bei einer tiefen Ana* 
lyse führt die Auflockerung der Verdrängungen zur Aufdeckung der Mecha* 
nismen, nach denen das unreife Ich die drängenden unerfüllten primi* 
tiven Wünsche umging; diese schließen die Verleugnung der Wirklichkeit 
der psychischen Situation sowie des damit verbundenen Affekts mit ein. So 
betrachtet, kann ein Leugnen der äußeren Realität als notwendiger Abwehr* 
mechanismus aufgefaßt werden. 

Die Analysen, die mißlingen, sind solche, bei denen das Ich durch die Be* 
handlung nicht befähigt wurde, sich mit den von den Trieben und vom Über* 
Ich (dem psychischen Vertreter der Außenwelt) herrührenden, einander 
widersprechenden Forderungen auseinanderzusetzen. Je primitiver das Über* 
Ich ist, das soll heißen, je mehr es den infantilen Imagines der Eltern gleicht, 
die in der Phase der Allmacht introjiziert wurden, desto weniger Möglichkeit 
zur Aktivität hat das Ich und desto weniger Berührung hat es mit der Rea* 
lität. 

Ich habe schon auf die Wiederbelebung der AIlmachts*Phase, die in tiefer 
hypnotischer Trance auftritt, hingewiesen; dies ist eine besondere Situation, 
die eine Einheit zwischen dem Ich und dem introjizierten Objekt herstellt 
und die Last für jede Initiative auf das Objekt, das mit dem Hypnotisieren* 
den identifiziert wird, verlegt. Mit anderen Worten, das Ich kann ohne die 
Genehmigung und Unterstützung des introjizierten Objekts oder seiner 






Nachkriegsbestrebungen und der Fo rtschritt der Psychotherapie 107 

äußeren Vertreter nicht funktionieren. Viele andere weniger klare Formen der 
Abhängigkeit von den introjizierten Imagines der Eltern kommen vor, die 
aber in diesem Aufsatz nicht erörtert werden können. Die Punkte, die ich'her* 
vorheben möchte, sind: 1. Die Störung der Ich*Entwicklung, die vorkommt' 
wenn diese Phase mehr als eine vorübergehende Form physischer Reaktion 
darstellt; 2. die Wichtigkeit der Analyse dieser Phase, wenn eine Stärkung 
des Ichs erwünscht oder angestrebt wird; und 3. die Analyse kann nur durch 
Nutzbarmachung der Übertragung erfolgreich durchgeführt werden. 

Die Ich*Aktivitäten des Individuums errichten das Gebäude der Zivilisa* 
tion; die Rolle, die ein Individuum spielt, wird durch die Art bestimmt, in 
der sich sein Ich entwickelt hat; mit anderen Worten, sie hängt von seinem 
Realitätssinn ab. All die in diesem Aufsatz berührten Probleme laufen in 
diesem Hauptthema, das die Entwicklung des Ichs und des Realitätssinnes be* 
trifft, zusammen. Daher wird es gut sein, den Ausdruck „Realität" zu defi* 
nieren und einige Hinweise auf die Richtung, in der die Entwicklung vor 
sich geht, zu geben. 

Die Psychoanalyse nähert sich dem Problem der Realität in der Sprache der 
Trieblehre. Nach einer Definition der Realitätsprüfung, die kürzlich von 
Glover gegeben wurde, handelt es sich um die Fähigkeit, mit einem Ob* 
jekt, das der Befriedigung des Triebes förderlich ist, in Berührung zu kommen. 
Dieselbe Definition läßt sich auf Triebe, deren Ziel einer Modifikation unter* 
werfen wurde, und auf Triebe, die sich auf Ersatzobjekte richten, anwenden. 
Wir sprechen von Objektivität als der Fähigkeit, Objekte ohne Triebneigung 
zu schätzen, und von Subjektivität als der Unfähigkeit, Objekte ohne die von 
den Gefühlen des Subjekts hervorgerufenen Vorstellungen, mit anderen 
Worten, ohne Phantasien über das Objekt, zu beurteilen. 

Das Ich ist das organisierte geistige Gefüge, von dem die Funktion der 
Realitätsprüfung abhängt. Die Erfahrung zeigt, daß fehlerhafte Realitäts* 
Prüfung ihren Ursprung in Schwierigkeiten hat, die in den frühen Phasen 
der Ich*Entwicklung, besonders in denen, die mit der AlImachts*Phase in 
Verbindung stehen, auftauchen. In dieser Phase ist die Leugnung der Realität 
ein Teil der Abwehrart des Kindes. Es ist ein Leugnen unerfreulicher psychi* 
scher Erfahrung. Wenn wir von der Realität in psychologischen Begriffen 
sprechen, ist es korrekt zu sagen, daß die Realität des Kindes seine Gefühle 
und Erregungen, seine Wünsche und Phantasien betrifft. Wir können auch 
sagen, daß das Kind eine rein subjektive Betrachtungsweise hat, aber das 
sagt uns nicht viel von dem Wesen der ersten Kontakte, die mit der Wirk* 
lichkeit hergestellt werden. 

Für die Zwecke dieses Aufsatzes werde ich zwei Gruppen solcher Kon* 



108 Sylvia M. Payne 



takte unterscheiden und sie mit der Beziehung des Primitiven zu seiner Um« 
gebung vergleichen. 

1. Es gibt einen direkten Kontakt, der von den durch die Sinne erhaltenen 
Wahrnehmungen abhängt, die von Tag zu Tag Veränderungen in der Seele 
des normalen Kindes mit sich bringen. Die anziehenden Reize von Licht, ange* 
nehmen Geräuschen, gleichartigen Bewegungen etc. erwecken das Interesse 
und bewirken ein immer wachsendes Verständnis für die äußere Umgebung. 

Auch der Primitive tritt mit der Welt täglich in Kontakt, der auf die für 
die Erhaltung des Lebens wichtigen objektiven Beobachtungen der äußeren 
Naturkräfte und Tatsachen hinausläuft. 

2. Es gibt einen Kontakt mit der äußeren Welt, der das Ergebnis primitiver 
Gefühlserfahrung ist; dieser Kontakt bildet den wesentlichsten Teil der 
psychischen Entwicklung. Er kann so beschaffen sein, daß andere Kontakte 
daneben nur geringe oder gar keine Bedeutung haben. 

Den meisten von uns sind die zwei psychischen Mechanismen, die die 
ersten Beziehungen des Kindes zu den Objekten beherrschen, bekannt: Es 
sind dies die Mechanismen der Introjektion und der Projektion. Ein Objekt, 
mit dem Kontakt hergestellt wird, wird psychisch introjiziert und die mit 
inneren unangenehmen Erfahrungen verbundenen Impulse werden auf Ob* 
jekte der Außenwelt projiziert. 

Dieselbe Tendenz findet sich in der Seele des Primitiven. Levy^Bruhl 
(7) spricht von diesem Prozeß als „Partizipation": er sagt, daß der Primitive 
keinen wirklichen Begriff in unserem Sinne des Wortes habe; er besitze das 
Objekt und partizipiere an ihm, d. h., er empfinde so, als ob er das Objekt 
wäre. 

Es ist klar, daß Schwierigkeiten im Unterscheiden von innerem Erlebnis 
und der äußeren Welt als Resultat derartiger Mechanismen auftauchen 
können. Mit inneren Erlebnissen meine ich nicht nur psychische, sondern 
auch psychophysische. Wahrscheinlich wäre es richtig, die körperlichen 
Erlebnisse dieser Phase, soweit sie die Beziehung zur Seele betreffen, als 
äußere zu bezeichnen. Kürzlich war ich bei einem sehr gesunden, glücklichen 
Buben von acht Monaten, der bis dahin noch keine Reinlichkeitserziehung 
mitgemacht hatte, Zeuge eines einfachen Beispiels einer Verschmelzung zwi* 
sehen der Reaktion auf ein äußeres Objekt und einem inneren Erlebnis. Be* 
zeichnend für das Baby war das Fehlen der Angst vor Fremden, die es vor 
dem folgenden Vorfall stets freudig begrüßte. Damals nun saß es zwischen 
ihm bekannten Personen auf dem Fußboden und spielte mit einem Spiel* 
zeug, als ein fremder junger Mann hereinkam und sich setzte. Das Baby 



Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie 109 

schaute ihn an und schrie plötzlich wie vor Entsetzen. Ich nahm es auf und 
fand, daß es gerade Stuhl gehabt hatte, der ziemlich weich gewesen sein und 
ihm beim Herausgehen kolikartige Schmerzen verursacht haben mußte. Es 
wurde hinausgetragen, trocken gelegt und lächelte beim Zurückkommen den 
Fremden glücklich an. Augenscheinlich hatte es auf den Mann einen aggres* 
siven Gedanken projiziert, der durch den Reiz der Darmbewegungen ausge* 
löst worden war. 

Die Tatsache, daß ein Kind äußere Objekte und innere Erlebnisse ver* 
mischen und seine Phantasien auf das äußere Objekt projizieren, das Objekt 
introjizieren und mit einem Teil seines Körpers identifizieren kann, macht 
es verständlich, daß sich, solange diese Phase nicht befriedigend durchlaufen 
wird, ernstliche Defekte im Realitätssinn ergeben. Weiters wird die Situation 
durch die Art der Ich*Entwicklung kompliziert, die, wie Ed. Glover (8) 
zu verstehen gibt, ihren Ursprung in einer Reihe von Ich*Kernen hat, die mit 
verschiedenen physischen Funktionen und erogenen Zonen verbunden sind. 
Ehe es nicht zur Integration der Ich*Kerne kommt, können die Grenzen des 
Ichs nicht genau bestimmt werden und die Identifizierung mit introjizierten 
Objekten überwiegt. 

Die Stellung des Primitiven seinen psychischen Aktivitäten gegenüber wird 
durch seine Stellung zu Träumen gut illustriert. Lincoln (9) sagt: „Was 
er im Traume wahrnimmt, wird nicht als von seiner eigenen Seele erzeugte 
Vorstellung anerkannt, sondern als eine eigene Realität mit eigener, vom 
Träumer unabhängiger Existenz angesehen." „Die Erlebnisse von Leuten in 
Träumen werden als Beweis für die Existenz von Geistern angeführt." Der 
Primitive durchläuft die animistische Kulturphase, wenn er glaubt, daß seine 
Träume mit Geistern in Zusammenhang stehen. Er projiziert auch die unbe* 
wußten Triebe, die für seine Träume verantwortlich sind und findet Geister 
in unbeseelten und beseeelten Objekten in der Außenwelt. Es gibt Beispiele, 
bei denen man glauben könnte, daß der Primitive zwischen Traum und Rea* 
lität keinen Unterschied mache, wie in dem von Levy*BruhI (10) über* 
lieferten, bei dem ein Häuptling träumte, daß er nach Portugal und England 
gereist sei und am nächsten Morgen europäische Kleider anlegte und die 
Glückwünsche seiner Freunde entgegennahm. Im allgemeinen jedoch ver* 
treten die Ethnologen die Ansicht, daß die Primitiven sehr wohl zwischen 
Traum und Wach*Erlebnis unterscheiden und dem Träumen oft mehr 
Realitätswert beimessen als dem tatsächlichen Erlebnis. 

Ich glaube, wir können in der Phase der Introjektion und Projektion der 
Kindheit eine enge Parallele zum Animismus finden. Melanie Klein s Ar* 
beiten über die Phantasien dieser Phase zeigen, daß das Kind phantasierte Ob* 



HO Sylvia M. Payne 



jekte in sich auf dieselbe Art betrachtet wie der Primitive die Objekte in 
seinen Träumen. Die Pfade, auf denen das Kind von dieser Phantasiewelt, 
die durch Personifikation primitiver Triebe bevölkert ist und durch von 
der Umgebung empfangene Wahrnehmungen verstärkt wird, seinen Weg 
zur Realität findet, müssen gewunden und mannigfaltig sein. In diesem Sta* 
dium ist das Kind hilflos und kann nur wünschen; es überschätzt daher seine 
geistigen Prozesse und sieht sie als allmächtig an. Der Wunsch, der im 
späteren Leben auf eine Handlung hinausläuft, kann durch seine bloße 
Intensität halluzinatorische oder illusionäre Wirkung haben. Er tut dies zu* 
erst, indem er durch zentrifugale Erregung der sensorischen Organe eine be* 
friedigende Situation schafft (12). 

F r e u d (11) weist darauf hin, daß die Technik der Magie, die vom Primi* 
tiven angewandt wird, ihren Ursprung in einer analogen Situation hat; nur 
mit dem Unterschiede, daß der Primitve eine Handlung, gleichsam eine moto* 
rische Halluzination, an Stelle der vom Kinde angewandten sensorischen sub* 
stituiert. Mit der Zeit wird der psychische Akzent von den Motiven der Hand* 
lung auf die Handlung selbst verlegt. Der Faktor, der sowohl die psychische 
Situation beim Kinde wie die Technik der Magie beim Primitiven beherrscht, 
ist der Glaube an die Allmacht der Gedanken. Freud (11) sagt: „Die Magie 
muß den mannigfaltigsten Absichten dienen: die Naturvorgänge dem Willen 
des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und Gefahren 
schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schädigen". 

Ich habe schon auf die Rolle, die die Mechanismen der Projektion und 
Introjektion spielen, hingewiesen und habe gezeigt, daß die Magie oder die 
Allmacht der Gedanken den introjizierten Eltern*Imagines zugeschrieben 
werden können; die allmächtigen Imagines können in die Außenwelt pro* 
jiziert werden und mit der Person des Magiers oder Medizinmannes oder, in 
gemäßigter Form, mit Priester und Arzt von heute zusammentreffen. Die 
Betätigung des Mechanismus der Projektion ist der erste Versuch, die Außen* 
weit und die Objekte zum Lösen der inneren Spannung zu verwenden. Als 
ich von der Hypnose und den Trancezuständen sprach, habe ich versucht zu 
zeigen, daß ein Aufgeben dieses Mechanismus vorkommt, wenn die Ver* 
leugnung der äußeren Realität und des Körpers oder ein Verzicht auf sie als 
als Abwehrmittel versucht wird. Unter bestimmten Bedingungen findet beim 
Primitiven eine Identifizierung zwischen dem Ich und allmächtigen intro* 
jizierten Objekten statt, zum Beispiel wenn er sich mit seinem Totem identi* 
fiziert; dasselbe geschieht auch bei abnormalen geistigen Zuständen, etwa 
bei der Schizophrenie, wenn eine Identifizierung mit Gott vorkommt. Melitta 
Schmideberg (12) hat gezeigt, daß eine normale Stellung zur Realität 
nur dann gewonnen werden kann und die Ich*Grenzen nur dann errichtet 




Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie 111 

werden können, wenn das introjizierte Objekt vom Subjekt getrennt worden 
ist. Klinisch beweisen die ernsten Defekte im Realitätssinn sowie idie 
Charakterschwäche oder pathologische Natur der IchsFntwicklung bei Indi* 
viduen, die bewußt Anspruch auf allmächtige Kräfte machen oder die zur 
allmächtigen Haltung in der Trance zurückkehren, die Wahrheit ihrer Be=» 
hauptung. 

Der erste Schritt des Kindes zur Realität führt über die Entdeckung seines 
eigenen Körpers und dann, wie Melanie Klein (13) gezeigt hat, zur Entwick* 
lung von Phantasien, die den Körper der Mutter in der Außenwelt zum Inhalt 
haben. Der psychische Prozeß der Entdeckung umfaßt die Libido*Besetzung 
des Körpers und die Bildung des Körper^Ichs; die Phantasietätigkeit geht 
mit diesem Prozeß Hand in Hand. Das erste Objekt, das in der Außenwelt 
mit Libido besetzt wird, ist die Mutterbrust (ein Teilobjekt) und späterhin 
die Mutter als Person: Phantasien, die den Körper der Mutter zum Inhalt 
haben, sind von besonderer Bedeutung. Die Libido geht, unterstützt von 
den Mechanismen der Projektion, der Verschiebung und Substitution von 
den ersten Objekten des Interesses auf andere Objekte der Umgebung über. 
In manchen Fällen führt übermäßige Angst in Verbindung mit infantilem Sa* 
dismus zur Hemmung der Aktivitäten, durch die der Weg zur Realität ge* 
wonnen wird; in anderen können die Mechanismen der Verschiebung, Pro* 
jektion und Substitution durch Angst angeregt werden. Die Faktoren, die 
solch widersprechende Resultate bewirken, können in diesem Aufsatz nicht 
beschrieben werden. Es muß genügen, darauf hinzuweisen, daß durch ver* 
f ruhte Positionen des Ichs neurotische und psychotische Mechanismen in einer 
Flucht zur äußeren Realität hin betätigt werden können. Mit anderen Worten, 
es kann das Bestreben, neben den ersten Objekten (den Eltern) auch der 
Außenwelt nahe zu kommen, sowohl von der Notwendigkeit, die innere 
Spannung zu lösen, als auch von den durch die Sinne erhaltenen Reizen be* 
stimmt werden. 

Es ist sicher richtig, daß Angst durch realitätsgerechte Aktivität besser 
bewältigt und verarbeitet wird als durch irgendwelche andere Mittel außer 
der direkten Befriedigung des Triebes. Nina S e a r 1 (14) zeigte in ihrem Auf* 
satz „Die Flucht in die Realität" die Rolle, die neurotische Mechanismen 
bei der Bestimmung der Ichsinteressen spielen, und Klein (15) hat kürzlich 
Beweise für eine Phase der Aktivität erbracht, die von manischem Typ ist und 
das Bestreben darstellt, depressiven und paranoiden infantilen Positionen zu 
entkommen; dies kann ins erwachsene Leben übergreifen und die 
spätere Aktivität beträchtlich beeinflussen. Ri viere und Winni* 
c o 1 1 haben Material vorgestellt, um K 1 e i n s Arbeit zu illustrieren. Pa* 
tienten, deren Fähigkeit zu Interessen auf neurotische oder psychotische 



\ 

^ Sylvia M. Payne 



Abwehrmechanismen begründet ist, können begabt sein und wertvolle und 
originelle Arbeit leisten; gleichzeitig aber zeigen sie beständig schwere De* 
fekte, in ihren persönlichen Beziehungen. Intellektuelle Entwicklung von 
höchstem Rang geht mit defekter oder fehlerhafter Gefühlsentwicklung und 
dem Fehlen von wirklicher Beziehung zu Menschen oft Hand in Hand. 

Ich glaube, daß der Realität zugewendete Interessen und Aktivitäten, die 
aus diesen Quellen stammen, nach dem gegenwärtigen Stande unseres 
Wissens als Sublimierungen angesehen werden müssen. Gleichzeitig error* 
dert eine Prüfung der Probleme, die diese Beobachtungen darstellen, eine 
beträchtliche Anpassung der Orientierung, wenn man jeder Seite die gebüh* 
rende Aufmerksamkeit schenken will. Der Standpunkt des Individuums und 
der Gemeinschaft muß in Betracht gezogen werden und es ist klar, daß diese" 
oft nicht identisch sind. Vom Standpunkt des individuellen Patienten aus 
muß ein Kriterium der Heilung angenommen werden. In Fällen, die ich 
behandelt habe, hat die Aufrechterhaltung der Aktivität und ihr Anwachsen 
den Weg zur Lösung der tiefer liegenden Konflikte geebnet. Vom Stand* 
punkt der Gemeinschaft aus muß erkannt werden, daß solche Individuen, 
die die größten Beiträge zur Kultur geliefert haben, nicht immer die sind, die 
ihre persönlichen psychologischen Probleme gelöst haben. Große Wissen* 
schaftler sind gefühlsmäßig oft Kinder und Künstler sind sprichwörtlich un* 
stet und neurotisch. Sollte die Gemeinschaft nicht die verschiedenen Typen 
der Anpassungsfähigkeit begrüßen und sie nicht nur ablehnen? Die Gefahr 
geht von Individuen aus, die unbewußt neurotische und psychotische Mecha* 
nismen beim Umgang mit der Wirklichkeit auf Kosten der Gemeinschaft 
betätigen und doch von der Gemeinschaft akzeptiert werden. Infolge des 
Fehlens von psychologischen Untersuchungen der Ursachen des Krieges 
sind wir nicht in der Lage zu sagen, welche Rolle ein einzelnes Indi* 
viduum bei der Verursachung eines Kriegsausbruches spielt; wir können 
jedoch sagen, daß Individuen mit Charakterzügen von paranoidem Typus 
wegen ihrer megalomanen Tendenzen große Chance haben, an die Macht 
zu kommen. Ein Verständnis für die Bedeutung der unbewußten Triebe und 
Motive stellt einen ersten Schritt zur Verhinderung der Wahl solcher Per* 
sonen für leitende Positionen dar. 

Ein Studium der Typen unserer Zivilisation in Verbindung mit dem Unbe* 
wußten wird nötig sein. Lincoln (16) hat kürzlich gezeigt, daß der manic 
feste Trauminhalt der Primitiven in direkter Beziehung zu ihrem Kulturtyp 
steht. Rohe im (17) hat darauf hingewiesen, daß der Typ der primitiven 
Kultur von der Beschaffenheit der infantilen Traumata abhängt. U n w i n (18), 
der von einem oberflächlichen Standpunkt aus spricht, hat eine Beziehung 
zwischen primitiver Kultur und der Regelung der Geschlechtsbeziehungen 



Nachkriegsbestrebungen u nd der Fortschritt g KyeWh^fr" 



113 



aufgezergt Die Ansicht der Psychoanalytiker, daß durch ein Studium des 
Unbewußten im Individuum Licht auf den Ursprung und das Wachstum 
der Zivilisation geworfen werden kann, wird durch die Arbeiten dTr EtW 
logen bestätigt Der Mensch hat Angst, sein Unbewußtes zu erforschen S 
weil es ein gefährliches Gebiet ist, sondern weil er, ehe er die Station 
nicht vergegenständlichen kann, dazu neigt, die Ängste seiner ersten Erleb" 
msse im Zusammentreffen mit der Außenwelt wieder zu beleben Es eibt 
auch die Angst vor der Regression und den Gefahren, die ein Verlust des 
Kontaktes mit der Wirklichkeit nach sich zieht 

Abschließend möchte ich das Wissen um die psychische Beherrschbarkeit 
der Aggression hervorheben, das durch die Technik der Psychoanalyse schon 
erworben wurde Ich möchte Sie daran erinnern, daß die Magie eine primi. 
fave Technik, die Aggression ohne Anwendung physischer Kraft 
zu beherrschen, darstellt. Die treibende Gewalt ist die Libido und der Erfolg 
der Magie hangt von der Wiederbelebung einer psychischen Situation ab 
u!r £ St • Cine ilIusierende Darstellung von Macht schafft ObJ 

wohl die Magie in gewissem Sinn des Wortes eine illusorische Macht ist 
wissen wir doch, daß der Primitive ihr ergeben ist und daß sie die Aggression 
beherrschen kann. Die Entwicklung der Seele des Menschen und das An* 
wachsen der Kultur hat zahlreiche Komplikationen für das Problem der Be. 
herrschung der Aggression geschaffen. Eine Tatsache jedoch bleibt unver. 
ändert und das ist die, daß aggressive Triebe gemildert und durch Ver. 
Schmelzung mit hbidmösen Trieben gebunden werden können. Die Aus. 
breitung Iibidmöser und aggressiver Triebe findet in Verbindung mit den 
frühen Introjektionen in der Phase der Ich*Entwicklung statt, auf die ich 

tJht^PU r WiCSe ? haI T ; dkSe Inta >iektionen sind die Basis der 

Überschuldung. Eine analytische Technik, die diese Introjektionen modi, 
fizieren kann ist von größter Bedeutung. Ich habe schon gesagt, daß dies 
nicht ohne Ubertragungs.Deutun g en durchführbar ist. Wir brauchen Unter, 
suchungen um_ die besten Methoden zur Förderung psychologischer Ent. 
Wicklung, die einer Verschmelzung dieser zwei Triebgruppen dient, heraus, 
zufinden. Ich habe angeführt, daß die Tendenz, mechanistische Prinzipien in 
viele soziale Gebiete einzuführen, und das rapide Anwachsen der Maschinen 
eine Neigung verraten, eine Sicherung vor der Todesangst eher durch die 
Anwendung von Körper.Substituten, die bewußt beherrscht werden können, 
zu suchen, als durch eine Bemühung um Mittel, die Aggression an ihrer 
Quel e zu kontrollieren und zu verarbeiten. Die Eroberung der Außenwelt 
bildet einen wesentlichen Teil des dynamischen Lebens des Menschen; sie 
ist aber nicht wichtiger als die Erforschung der Psyche, die alle Handlungen 
des Menschen in der Welt bestimmt. 



Imaj-o, XXni/1 



114 Sylvia M. Payne: Nachkriegsbestrebungen un d der Fortschritt der Psychotherapie 

Literaturverzeichnis: 

(1) Sachs, Hanns: Die Verspätung des Maschinenzeitalters. Imago, Bd. XX, 1934, S. 78. 

(2) Tausk, Victor: Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizo* 

phrenie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1919, S. 1 ff. 

(3) Freud, Sigm.: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be* 

schriebenen Fall von Paranoia. Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 355 ff. 

(4) Sharpe, Ella: Similar and divergent unconscious determinants underlying the subli* 

mations of pure art and pure science. Int. Journal of PsA., Bd. XVI, 1935. 

(5) Joad, C. E. M.: Return to philosophy. 1935, S. 243. 

(6) Jones, Ernest: The nature of auto*suggestion. Brit. Journal of Med. Psychol.,' 

Bd. III, 1923. 

(7) Levy* Brühl, L.: La Mentalite Primitive. 1922. 

(8) Glover, Edward: Grades of ego differentation. Int. Journal of PsA., Bd. XI, 1930. 

(9) Lincoln, J. Steward: The dream in primitive eultures. 1935, S. 27. 

(10) LcvyBruhl: op. eil.; 1922. 

(11) Freud, Sigm.: Totem und Tabu. Ges. Sehr., Bd. X, S. 97. 

(12) Schmideberg, Melitta : The role of psychotic mechanisms in cultural development. 

Int. Journal of PsA., Bd. XII, 1931, S. 387. 

(13) Klein, Melanie: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verl., Wien, 1932. 

(14) Searl, N.: Die Flucht in die Realität. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929. 

(15) Klein, Melanie: A contribution to the psycho*genesis of manic*depressive states. 

Int. Journal of PsA., Bd. XVI, 1935. 

(16) Lincoln, J. Steward: op. cit., 1935. 

(17) Röheim, Geza: The Riddle of the Sphinx. London, 1934. 

(18) Unwin, J. D.: Sexual regulations and cultural behavior. Brit. Journal of med. 

Psychol., Bd. XV, 1935, S. 153 ff. 






Das Märchen vom Marienkind 

Von 

C. M. Versteeg*Solleveld 

Den Haag 

Ein bisher noch wenig benutztes Material für das Verständnis des Seelen* 
lebens der Frau bieten Märchen. 

Märchen wie „Dornröschen", „Schneewittchen", „Die Prinzessin auf der 
Erbse" sind für eine psychoanalytische Deutung sehr ergiebig. 1 Auch das 
durch Grimm allgemein bekannte Märchen vom Marienkind gehört hierher. 
Es fand schon mehrmals die Aufmerksamkeit psychoanalytischer Autoren. 2 
Doch scheint uns, daß neben den schon gegebenen Deutungen noch mancher 
Aufschluß über das Seelenleben der Frau in ihm verborgen ist. 

Das Märchen erzählt: 

Die Jungfrau Maria nahm ein Kind von armen Leuten zu sich und erzog es 
im Himmel. Als das Mädchen vierzehn Jahre alt war, ging Maria einmal auf 
Reisen und übergab dem Mädchen die Schlüssel zu den dreizehn Türen des 
Himmelreiches; zwölf von diesen dürfe sie aufschließen, die dreizehnte zu öffnen 
wurde ihr verboten. Sie besah zwölf Wohnungen des Himmelreiches, in denen 
in jeder ein Apostel saß, dann übertrat sie das Verbot und öffnete auch das drei* 
zehnte Zimmer. Da sah sie die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Von 
dem Glanz, an den sie rührte, wurde ihr Finger ganz golden. Das Herz klopfte 
in einem fort. Das Mädchen empfand eine gewaltige Angst. Auch das Gold war 
nicht mehr von dem Finger zu entfernen. Maria kam zurück und entdeckte an 
dem Benehmen des Mädchens sein Verbrechen. Das Kind leugnete jedoch und 
wurde aus dem Himmel verbannt. Es versank in einen Schlaf und erwachte in 
einer Wildnis. Es wollte rufen, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Jahre* 
lang wohnte es in dem Walde, nährte sich nur von Beeren und Wurzeln. Ein 
König fand das Mädchen und heiratete es. Nachdem ihm ein Sohn geboren war, 
erschien Maria und sprach: „Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, daß 
du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und 
dir die Sprache wiedergeben; verharrst du aber in der Sünde und leugnest harr* 
nackig, so nehme ich dein neugeborenes Kind mit." Die Königin leugnete wieder 
Und Maria verschwand mit dem Kinde. Dies wiederholte sich nach der Geburt 
des zweiten Sohnes und zum drittenmale, als die Königin ein Töchterlein be* 
kommen hatte. Das Volk glaubte, die Königin sei eine Menschenfresserin; sie 
Wurde verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Auf dem brennenden 
Scheiterhaufen rief sie in ihrer Angst aus: „Ja, Maria, ich habe es getan." Da 

Vgl. St. Bornstein, Das Märchen vom Dornröschen in psychoanalytischer Dar* 
Stellung, Imago, Bd. XIX, 1933. — J. F. G r a n t D u f f , Schneewittchen. Versuch einer 
psychoanalytischen Deutung, Imago, Bd. XX, 1934. 

2) Vgl. die Bemerkungen von O. R a n k in „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage", 
Wien 1912, S. 262, und in „Sexualität und Schuldgefühl", Wien 1926, S. 23. 



116 C. M. Versteeg*Solleveld 




löschte ein Regen das Feuer und Maria erschien mit den drei Kindern, löste ihr 
die Zunge und gab ihr Glück für das ganze Leben. 

Wir werden versuchen, den unbewußten Sinn dieses Märchens zu finden 
und seinen ursprünglichen Kern zu rekonstruieren. 

Zum Eingang erinnern wir uns der scharfsinnigen psychologischen Untere 
scheidung, die R a n k 3 einmal zwischen dem latenten Gehalt der Mythen und 
der Märchen machte. Er führt aus, daß die unterdrückten und verdrängten 
Regungen der Menschen im Mythus zum Durchbruch kommen, während 
diese unerfüllten Wünsche im Märchen, seiner erzieherischen Aufgabe ge* 
maß, als verboten gekennzeichnet werden. Wir könnten sagen: Der Mythus 
bringe die Wunscherfüllung wie der Traum, das Märchen aber stelle eine 
deutliche Drohung gegenüber diesen verpönten Wünschen dar. 

Welche sind nun die Wünsche, die in der Entstellung und Verschiebung 
des Märchens vom Marienkind zu erraten sind? 

Beim Versuche der Zurückführung auf den primären Kern dieses Mär* 
chens werden wir sogleich einige Züge seines manifesten Inhalts als spätere 
Auflagerungen erkennen. 

Wenn das Mädchen das dreizehnte Zimmer aufsperrt und dort die Drei* 
einigkeit in Feuer und Glanz sieht, so wird es wahrscheinlich, daß hier eine 
spätere chrisdiche Anschauung eine ursprüngliche verdrängt habe, so wie 
etwa die Gestalten der Heiligen die früheren heidnischen Dämonen ersetzten. 
Auch die Zahl dreizehn kann vielleicht in diesem Zusammenhang, zumindest 
teilweise, erklärt werden. Sind es nicht ursprünglich zwölf Jünger, die sich 
um Christus als Mittelpunkt scharen? 

Wir wissen wohl, daß im Alltagsleben wie im Märchen die Zahl dreizehn 
eine besondere Rolle spielt. Die böse dreizehnte Fee in der Geschichte Dorn* 
röschens, das dreizehnte Kind im Märchen „Gevatter Tod", das Mädchen 
mit den zwölf Brüdern, mögen hier genannt werden. 4 Jeder kennt den Aber* 
glauben, daß es Unglück bringe, wenn dreizehn Personen bei Tisch sitzen. 
Vielleicht spielt hier die Vorstellung vom letzten Abendmahl, an dem be* 
kanntlich Jesus mit seinen Jüngern, also dreizehn Personen, teilnahmen, 
eine Rolle. 

Wir können aber auch eine andere Quelle erkennen, die später 
für die Deutung des Märchens wichtig ist. In Träumen weisen Zahlen so 
häufig auf das Alter hin. Sollte der Zahl dreizehn auch hier eine ähnliche 

3) O. Rank: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. Leipzig und Wien, 1919. 

4) Für weitere Beispiele verweise ich auf die Arbeiten von O. Weinreich (Tris<* 
kaidekadische Studien. Religionsgesch. Versuche und Vorarbeiten, Bd. XVI, Heft I) und 
E. Böklen (Die „Unglückszahl" Dreizehn. Leipzig 1913). Weinreich gibt keine 
Erklärung der Zahl, während Böklen nur auf einen ulnaren Ursprung hinweist. 



Das Märchen vom Marienkind 117 



Bedeutung zukommen, wenn im Märchen gesagt wird, das Mädchen dürfe 
zwölf Zimmer öffnen, das dreizehnte sei ihr aber verboten? Könnten wir das 
nicht so übersetzen, daß ihr bis zum zwölften Lebensjahr dasjenige erlaubt 
wäre, was ihr im dreizehnten verboten wird? Wir erinnern uns daran, was 
dieses Alter für das heranwachsende Mädchen bedeutet: es ist die kritische 
Zeit des Eintretens der Pubertät und der ersten Menstruation. Vielleicht 
führt dieser Einfall tiefer in den uns noch nicht bekannten latenten Märchen* 
inhalt. 

Immerhin wäre möglich, daß das Erscheinen dieser Zahl im Märchen vom 
Marienkind auch in dieser Art überdeterminiert ist. 

Wir wissen, daß in den kollektiven Schöpfungen des Menschengeistes 
ebenso wie im Traum und in der Dichtung Zimmer, Schachteln und Schüssel 
als Symbol für das weibliche Genitale erscheinen. Vielleicht ist die Zahl 
dreizehn auch durch die Zahl der Körperöffnungen bestimmt, wenn wir dabei 
nicht an die Lehre der Anatomie denken, sondern an die Anschauungen des 
Kindes über den eigenen Körper. Am Kopf unterscheidet das kleine Mäd* 
eben schon sieben Öffnungen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher 
und den Mund, dann am Körper die zwei Brüste, Nabel, Harnöffnung,, 
Anus und Vagina. Sollte diese Erklärung etwa gekünstelt anmuten, so darf 
ich vielleicht das Beispiel eines kleinen Mädchens anführen, das die Eigene 
tümlichkeit hatte, bei kleinen Badepuppen alle diese Stellen mit einer Steck* 
nadel zu durchbohren. Nachher bekam sie Angst, gefragt zu werden, was die 
Stiche bedeuteten, und dann wurde der Körper der ganzen Puppe mit Nadel* 
Stichen durchlöchert. 

Wie erwähnt, wird das verbotene Zimmer, das in zahlreichen Märchen und 
Volkserzählungen erscheint, allgemein unbewußt als das weibliche Genitale 
aufgefaßt. Ich erinnere nur daran, daß dieselbe Vorstellung in dem bekannten 
Märchen von Blaubart in entstellter Form auftritt. In einer späteren Studie 
hoffe ich zeigen zu können, daß der latente Inhalt dieses Märchens gefunden 
werden kann, wenn man die Entstellung, welche durch die Umkehrungs* 
mechanismen bewirkt wird, rückgängig gemacht hat. 

Diese unbewußte Bedeutung des verbotenen Zimmers ist am deutlichsten 
in einem esthnischen Märchen „Die Meermaid" erkennbar, in dem vom 
dreizehnten Zimmer gesagt wird: „die Tür war immer verschlossen und die 
Fenster waren von innen durch doppelte Vorhänge so dicht verhüllt, daß 
nirgends eine Öffnung blieb. Das geheimnisvolle Gemach hatte keinen Fuß* 
boden, sondern sah aus wie ein großer, viereckiger Kübel, der viele Fuß 
hoch mit Wasser gefüllt war." 5 



5) Friedrich Kreuzwald: Esthnische Märchen. Halle, 1869. 



118 C. M. Versteeg*Solleveld 



Wir wollen nun zur Deutung der anderen Züge des manifesten Märchens 
übergehen. Sein Anfang ist deutlich genug: die Jungfrau Maria, die ein Kind 
armer Leute zu sich nimmt und es erzieht, stellt eine erhöhte Mutter dar, so 
wie in anderen Märchen eine Königin an deren Stelle erscheint. 

Das Mädchen des Märchens vom Marienkind öffnet nun trotz des Verbots 
das dreizehnte Zimmer und sieht die Dreieinigkeit. 

In diesem Motiv scheinen verschiedene Determinanten verdichtet. Man 
versteht die unbewußte Phantasie am besten, wenn man andere Versionen 
des Märchens heranzieht, die weniger bearbeitet, weniger entstellt zu sein 
scheinen. In einer Determinante scheint es sich um die Phantasie vom An* 
blick des nackten mütterlichen Körpers zu handeln. Tatsächlich besteht eine 
Version des Märchens vom Marienkind, nach der das Mädchen in dem ver* 
botenen Zimmer ihre Pflegemutter nackt im Bade sieht. 6 Ein kleines Detail 
ist dabei bemerkenswert: zwei Mädchen lesen der Pflegemutter vor. Ahn* 
lieh sieht in einer anderen Variante das Kind hinter der verbotenen Tür vier 
Mädchen, unter ihnen die Pflegemutter, sie alle sind schwarz gekleidet und 
lesen., 7 

Im Sinne unserer analytischen Deutung soll dies wohl heißen, daß das 
Mädchen im Bad ihr Genitale inspiziert. Die zwei oder vier Mädchen wer* 
den, wie so häufig im Traum, für die äußeren und inneren Schamlippen 
stehen, so wie die Pflegemutter für die Gebärmutter. 

Das Motiv der Neugierde ist deutlich genug, das Lesen aber weist auf die 
so häufige Form der Befriedigung der sexuellen Neugierde hin: das Nach* 
suchen in Büchern, dem wir bei pubertierenden Jugendlichen so häufig be* 
gegnen. 

Besonderes Interesse erwecken die Variationen des Marienkindmärchens, 
in denen andere Bilder vor dem Mädchen auftauchen, wenn es in das ver* 
botene Zimmer eindringt: Jesus am Kreuz, ein Skelett auf einer Bahre, die 
Patin, die Jesus die Füße wäscht, das Fegefeuer, ein Käfig mit drei Schlangen, 
Maria auf einer feurigen Schaukel, oder wie Maria halb Weib, halb Fisch ist. 

Die Variationen des Märchens werden für die analytische Betrachtung be* 
sonders deshalb lehrreich, weil sie auf die verschiedenen Schichten zurück* 
weisen. Einige dieser Beispiele sind ihrem verborgenen Sinn nach leicht zu 
verstehen. Maria auf einer feurigen Schaukel, die Patin, die Jesus die Füße 
wäscht, ein Käfig mit drei Schlangen — alle diese Vorstellungen erscheinen 
als Verarbeitungsprodukte der Phantasien des kleinen neugierigen Mädchens 

6) E. Sidney Hartland: The forbidden Chamber. The Folklore Journal, Vol. VIII, 
1885. 

7) Anmerkungen zu den Kinder* und Hausmärchen der Brüder Grimm, neu bearbeitet 
von Johannes B o 1 1 e und Georg P o 1 i v k a. Leipzig, 1913. 



von der Beobachtung der Eltern im Sexualverkehr. Das verbotene Zimmer 
ist auf dieser Deutungsebene eben das elterliche Schlafzimmer, in dem die 
Erwachsenen jenes Geheimnisvolle tun. 

Die Vorstellung von einem Skelett auf einer Bahre, die in anderen Varia* 
tionen erscheint, bringt eine masochistische Konzeption des Geschlechtsaktes 
wieder herauf, wobei sicherlich auch das Strafbedürfnis des kleinen Mäd* 
chens Befriedigung findet. 

Auch das Verbot, die eigenen Genitalien zu berühren, zu öffnen und zu 
inspizieren, wird deutlich. 

Stellen wir diese Einsicht mit dem früher Gesagten zusammen, so glauben 
wir, nun den latenten Sinn des Märchens besser erfassen zu können. Es han* 
delt sich darin im wesentlichen um eine Wiederspiegelung der seelischen 
Situation des Mädchens zur Pubertätszeit. Zu dieser Zeit wird das mütterliche 
Verbot zu onanieren verschärft, ebenso die Hemmung gegenüber der sexvu* 
eilen Neugierde und dem intensiver werdenden Triebandrang verstärkt. Wir 
wissen, daß es sich dabei um eine Neuauflage alter Verbote aus der Kinderp 
zeit des Mädchens handelt. Es wird nun erzählt, daß das Mädchen diese Ver*= 
böte übertritt, und ganz im Sinne des Märchens wird die schreckliche Folge 
der Verbotsübertretung geschildert. Wenn sich das Mädchen jenen Geboten 
der Mutter gegenüber nicht gehorsam zeigt, so wird es selbst nicht Mutter 
werden oder die Kinder werden von der Mutter geholt. 

Der Sinn des Märchens in dieser tiefen Schicht wird deutlich, wenn wir 
erkennen, daß das Mädchen erst dann Frau werden kann, wenn 
es sich mit de^r Mutter ausgesöhnt und den Konflikt mit 
ihr überwunden hat. 

Die analytische Praxis zeigt in der Erforschung von Ängsten neurotischer 
Frauen, daß aus jenen Kinderkonflikten eine unbewußte Angst bestehen 
bleibt, die Mutter könnte verhindern, daß die zur Frau gewordene Tochter 
gesunde Kinder bekomme. 

Im Märchen vom Marienkind nimmt Maria die Kinder der Königin immer 
wieder zu sich. Das kann heißen, daß die junge Frau überhaupt keine Kinder 
bekommt oder daß diese Kinder gleich sterben. In einer Variation dieses 
Märchens werden der jungen Königin an Stelle der verschwundenen Kinder 
Hunde in die Wiege gelegt. Hier erscheint in märchenhafter Einkleidung 
eine der allgemeinsten Ängste der jungen Frau vor der Geburt, daß sie — 
als Bestrafung für die Onanie — Monstra zur Welt bringen oder daß ihr Kind 
für einen Wechselbalg eingetauscht werden werde. 

In einer anderen Schicht weist das Öffnen des verbotenen Zimmers auf das 
Onanieverbot hin. Das verrät sich, wenn im Märchen schon das öffnen der 
Tür dem Mädchen Herzklopfen macht. 



!20 C. M. Versteeg'Solkveld 



Eine alte Mädchenangst, die sicherlich häufig durch eine Drohung der 
Mutter verstärkt wird, taucht ebenfalls in durchsichtiger Entstellung in dem 
Märchen auf. Es handelt sich um die Möglichkeit, daß durch die Onanie 
Verletzungen an der Vagina eintreten könnten, welche später für: die Geburt 
ernste Konzequenzen haben. In diese Richtung weist z. B. ein Detail in jener 
Variante des Märchens, in der das Mädchen Jesus am Kreuz sieht. Dort 
werden die Finger mit Jesu Blute befleckt und das Mädchen bestreicht sich 
damit die Lippen. In solcher religiöser Umarbeitung erscheint die Furcht 
vor der zu frühen Durchbrechung des Hymens. 

In noch frühere Zeit führt die analytische Deutung des kleinen Details, daß 
Maria an dem goldfarbig gewordenen Finger des Mädchens erkennt, es habe 
die verbotene Tür geöffnet. Es heißt, daß das Gold nicht mehr vom Finger 
zu entfernen war. Eines der ältesten Verbote der Kindeserziehung erscheint 
hier in sekundärer, auf die Dreieinigkeit bezogener Verarbeitung. Das Gold 
am Finger ersetzt dann als Überrest die Spur dieser Verbotsübertretung. 

Wir erkennen rückschauend, in welch hohem Grade einzelnen Determi* 
nanten in dem manifesten Inhalt des Märchens verdichtet sind; man könnte 
von einer Traumfassade des Märchens sprechen. 

Dieselbe Verdichtung ist in dem Charakter der Strafe erkennbar. In einer 
obersten Schichte ist die Natur dieser Strafe, sogleich deutlich: das Mädchen 
wird aus dem Himmel gestoßen. Das Kinderparadies wird für die Heran* 
wachsende geschlossen und zu den Erwachsenen hat es noch keine genügende 
Verbindung. Jahrelang verweilt es, um den schönen Ausdruck Lou 
Andreas*Salomes zu gebrauchen, „im Zwischenland" und hat Sehn* 
sucht nach seiner Kinderzeit. 

Auch das Marienkind hat Sehnsucht, „wenn es daran dachte, wie es im 
Himmel so schön gewesen war und die Engel mit ihm gespielt hatten." 

Demselben Motiv begegnen wir auch im esthnischen Märchen, „der 
Tontlawald", 8 in dem Else, ein siebenjähriges Mädchen, in den verzauberten 
Tontlawald gerät. Hier altern die Menschen nicht, sondern bleiben immer 
harmlose, unschuldige Kinder. Jeden Tag kommen dreizehn Schüssel auf 
den Tisch. Die dreizehnte bleibt immer zugedeckt, denn „das ist die Schüssel 
verborgenen Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit un* 
serem glücklichen Leben zu Ende sein", wird Else belehrt. Else aber ist neu* 
gierig. Sie wächst heran und muß, als sie eine Jungfrau geworden ist, 
trotz ihres Weinens und Zagens, das Kinderland verlassen. Man steckt ihr 
einen goldenen Ring an den Finger, hängt ihr eine kleine goldene Schachtel 

8) Friedrich Kreuzwald:!, c. 



an den Hals und verwandelt sie in einen Adler. Nun fliegt sie davon, bis 
der Pfeil eines Königssohns sie trifft; sie fällt zu Boden, erhält wieder ihre 
menschliche Gestalt und feiert Hochzeit mit dem Königssohn. 

Wenn es hier heißt, daß Else, zur Jungfrau herangewachsen, das Kinder* 
land verlassen muß, einen goldenen Ring erhält, als fliegender Adler vom 
Pfeil eines Königssohns getroffen wird und dann Hochzeit mit dem Prinzen 
feiert, so werden Züge erkennbar, welche der Strafe den Charakter eines 
Janusgesichtes aufdrücken. Was als Strafe gefürchtet wird, wird gleichzeitig 
ersehnt. Das Mädchen zur Pubertätszeit fürchtet sich nicht nur vor dem 
Verlassen des Kinderlandes, es wünscht jenen neuen Zustand auch herbei. 
Der Pfeil des Königssohns ist in seiner latenten phallischen Bedeutung mit 
dem Pfeil Cupidos zusammenzustellen. 

Als eine Strafe erscheint auch die Stummheit. In einer Variante heißt es, 
daß die geheimnisvolle Frau, die hier an Stelle von Maria erscheint, das 
Kind nach seiner Freveltat so auf den Mund schlägt, daß das Blut hervor* 
quillt. Hier wird es deutlich, daß die Stummheit als das Resultat eines Ver* 
Schiebungsvorganges von unten nach oben aufgefaßt werden muß. Die 
Stummheit hat so drei Bedeutungen, eine oberflächlichere, die das Verbot 
ausdrückt, über sexuelle Dinge zu sprechen, eine zweite, die darauf hin* 
weist, daß das Kind über seine Missetat nicht sprechen kann, und eine tiefere, 
welche das Verstummen gleichstellt mit der Absperrung von wirklichem 
sexuellen Glück, also, in wissenschaftlicher Sprache, der sexuellen Anästhesie 
der Frau gleichkommt. Der Sprachgebrauch kann hier als Bekräftigung dieser 
These herangezogen werden: es ist nicht zufällig, daß das Wort „Lippen" 
für die orale und genitale Gegend gebraucht wird. 

Eine weitere Bedeutung wird später zum Vorschein kommen, wenn wir 
das Märchen vom Marienkind mit den Pubertätsriten in Zusammenhang 
bringen. 

In verschiedenen Varianten des Märchens, wie z. B. in der G r i m m sehen, 
tritt der Zug auf, daß Maria am meisten darüber erzürnt ist, daß das Kind 
seine Sünde nicht eingestehen will. In anderen Varianten wieder heißt es, 
daß die Patin gerade dann verzeiht, wenn das Mädchen standhaft bleibt und 
über das, was sie getan und gesehen hat, nicht spricht. Wie können wir diese 
einander widersprechenden Auffassungen in Einklang bringen? 

Es scheint uns, daß dies möglich wird, wenn wir sie als Phantasieprodukte 
auffassen, die auf verschiedenen seelischen Ebenen liegen. 

Das Geständnis ist wahrscheinlich die spätere Form, die sich unter dem 
Einfluß der christlichen Religion entwickelt hat und die die psychologische 



122 C. M. VersteegsSolleveld 



Erleichterung des Sünders bringt wie die Beichte. 9 Ursprünglicher ist wohl 
der Akzent, der auf der Standhaftigkeitsprobe liegt. 

Damit sind wir bei einem Gesichtspunkt angelangt, der es uns erlaubt, das 
Märchen vom Marienkind in einen weiter gezogenen Rahmen einzufügen. 
Die Einzelzüge des Märchens deuten hier auf einen Zusammenhang hin, 
der über das individuelle Schicksal hinausgeht. Vergleichen wir, was dem 
Marienkind zustößt, mit dem Ritual, das primitve Völker bei der Puber* 
tätsweihe der jungen Mädchen anwenden. Dort werden die Mädchen zur 
Pubertätszeit bestimmten Prozeduren unterworfen, die uns an das Marien* 
kind erinnern. 10 Es werden ihnen bestimmte Verbote und Gebote gegeben. 
Sie werden von der Gemeinschaft abgesondert; zu den Verboten gehört, daß 
sie mit niemandem außer mit der Mutter oder einer stellvertretenden Person 
sprechen dürfen. Eine strenge Diät wird ihnen vorgeschrieben und sie haben 
sich bestimmter Speisen zu enthalten. Die Idee ist, daß die jungen Mädchen 
sterben und neugeboren werden. Zu den schmerzhaften Prozeduren gehört 
die Exstirpation der Klitoris und andere Verstümmelungen der Genitalien, 
die man mit der Beschneidung der jungen Männer gleichsetzen kann. Bei 
einigen afrikanischen Stämmen kommt auch eine Infibulation der Scham* 
lippen vor. 11 

In allen diesen Zeremonien handelt es sich um eine Einschüchterung der 
Mädchen gerade zu einer Zeit, da die sexuellen Triebtendenzen zum Durch* 
bruch drängen. Diese Tendenzen sind ursprünglich revolutionär gegen die 
Muttergeneration gerichtet. Von den Mutterrepräsentanten gehen auch jene 
Gebote und Verbote aus. Wir erkennen diese typischen Züge wieder, wenn 
das Mädchen im Märchen vom Marienkind aus dem Himmel verbannt wird, 
in einen Schlaf verfällt und in der Wildnis erwacht. Der Schlaf wie diej 
Stummheit repräsentieren auch gleichsam das Todesritual. 12 Das Marienkind 
wohnt jahrelang im Walde und nährt sich nur von Beeren und Wurzeln, was 
die Isolierung und Speisetabus der Primitiven versinnbildlicht. 

Nach der Pubertätsweihe, in der die jungen Mädchen so nachdrücklich 

9) Auf die Erleichterung durch das Geständnis in Zusammenhang mit dem Märchen : 
vom Marienkind verweisen auch S i 1 b e r e r (Phantasie und Mythos. Jahrb. f. Psa. und 
psa. Forschungen, Bd. II) und Rank (1. c). 

>o) Schon Winterstein und Saintyves haben das in ihren Arbeiten hervor* 
gehoben. (Alfred Winterstein: Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren im 
Märchen. Imago, Bd. XIII, 1927. P. Saintyves: Les contes de Perrault et les recits 
paralleles. Paris, 1923.) 

11) Ploss*Bartels: Das Weib. Berlin, 1927. 

12) Stummheit als unbewußte Vertretung von Totsein erscheint auch im Traum, im 
Mythos und in der Dichtung, worauf F r e u d in seiner Arbeit „Das Motiv der Kästchen* 
wähl" (Ges. Sehr. Bd. X) hingewiesen hat. 



Das Märchen vom Marienkind ' 123 



und energisch eingeschüchtert wurden, dürfen sie heiraten. Ebenso heiratet 
das Mädchen im Märchen vom Marienkind. 

Daß die Drohung der Mutter, die im Pubertätsritual plastisch erscheint, 
auch später nachwirkt, ergibt sich aus dem Einzelzug, daß Maria die Kinder 
der jungen Frau mit sich nimmt. Es ist so, als ob auch jetzt noch das Mute? 
glück der Tochter durch die unbewußte Erinnerung gestört würde, daß sie 
selbst einmal der Mutter nicht gegönnt habe, als Frau und Mutter das Leben 
zu genießen. Die Opferung der Erstgeburt in der Bibel und im Ritual antiker 
Völker gehört in diesen Zusammenhang. 

Die analytische Beobachtung vieler Fälle zeigt, daß die Angst, die hier 
zutage tritt, in pathologischer Form auch der Frau unserer Tage nicht fern 
und fremd geblieben ist. Wir sehen häufig den Ausdruck dieser neurotischen 
Angst bei Frauen unserer Zeit. Es ist die Vergeltungsangst, die als Abkömm* 
ling des kindlichen Ödipuskomplexes einen Schatten auf die Freude der 
eben zur Mutter gewordenen Frau wirft und die in zahlreichen Fällen die 
Zeit der ersten Geburt überdauert. Sie kann sich z. B. in übertriebener Angst* 
lichkeit für das Wohl und Wehe des eigenen Kindes äußern. In einem Fall 
meiner Beobachtung kam es einige Male vor, daß die junge Mutter eines 
ihrer Kinder für eine Zeit zur eigenen Mutter schickte, wenn ein anderes ihrer 
Kinder erkrankte. Es war dies nicht nur begründet; es war gleichsam die 
leihweise Überlassung eines ihrer Kinder an die Großmutter. Dahinter stand 
die unbewußte Angst, die Großmutter könne ihr das erkrankte Kind weg* 
nehmen, d. h. sterben lassen. Das rational wohlbegründete Wegschicken 
eines Kindes erwies sich so als unbewußter Ausdruck der Vergeltungsangst 
und seiner Sühnetendenz. Die Analyse zeigt, daß diese Angst der zur Mutter 
gewordenen Frau wirksam bleibt, solange sie sich nicht mit der eigenen 
Mutter versöhnt hat. So lange ist aber auch das Glück der Frau in der Ehe 
bedroht. Dies gilt sowohl für die sexuelle Befriedigung wie auch für das 
harmonische Zusammenleben mit dem Manne. 

Der Weg, auf den uns die analytische Deutung des Märchens vom Marien* 
kind geführt hat, geht, wie hier erkennbar wird, ziemlich weit. Er weist auf 
seelische Konflikte des kleinen Mädchens, das mit der Onanieversuchung 
ringt, zurück, führt dann in die Zeit der Jungfrau, in der sich jener Kampf 
unter dem Einfluß der Pubertät erneuert, und läßt auch die Nachwirkung 
dieser psychischen Vorgänge im Leben der jungen Frau deutlich werden. 

Das Märchen vom Marienkind hat, wie jedes Märchen, das Kindern er* 
zählt wird, einen pädagogischen Sinn, es will das Kind von der Onanie und 
seiner sexuellen Neugierde abschrecken, seinen aufrührerischen Tendenzen 
gegenüber der Mutter einen Damm vorschieben und das Mädchen noch 



124 C. M. Versteeg=»SolleveId: Das Märchen vom Marienkind 

später an die Pflicht der Gehorsamkeit gegenüber der Muttergeneration er* 
innern. 

Für das Kind, dem das Märchen erzählt wird, bedeutet es bewußt gewiß 
nichts als eine Geschichte wie andere, unbewußt aber wird sein verborgener 
Sinn erfaßt und richtig gedeutet. 

Für die analytische Betrachtung aber ist es interessant und wichtig genug, 
wie sich in der Phantasie des Volkes die unbewußten Regungen spiegeln, 
die wir im Seelenleben aller Frauen als Niederschlag des kindlichen Ödipus* 
komplexes erkennen. 



r 



BESPRECHUNGEN 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 
Die Psychoanalyse in deutschen Dissertationen 

SAALFELD, HANS: Das Christentum in der Beleuchtung der Psychoanalyse. Evang.* 
theol. Fak. d. Univ. Greifswald, 1928. — SCHEER, FRIEDRICH: Die Grenzen des 
psychoanalytischen Geltungsbereiches unter besonderer Berücksichtigung der Freud* 
sehen Lehre. Phil. Fak. d. Univ. Erlangen, 1933. — TROG, HERMANN: Die Religions= 
theorie der Psychoanalyse. Theol. Fak. d. Univ. Jena, 1934. 

Von einigen vorliegenden deutschen Dissertationen, die sich mit der Psychoanalyse be* 
schäftigen, sollen die drei genannten besprochen werden. Sie dürften dafür charakteristisch 
sein, wie sich die Bildungswelt Deutschlands nach vier Jahrzehnten Psychoanalyse zu 
dieser einstellt. i 

Das Belesenheitsniveau ist, wie nicht anders zu erwarten, sehr hoch; sowohl die analy- 
tische als auch besonders die der Analyse feindliche Literatur ist reichlich herangezogen. 
Der Ton der Polemik ist zurückgehalten, um höfliche Sachlichkeit bemüht. Das Sachven* 
ständnis ist streckenweise ansehnlich, — bis es jeweils zum blinden Fleck des Autors kommt. 
Vergeblich würde man dem einen Autor vorhalten, daß und was der andere akzeptiert hat. 

S a a I f e 1 d s Arbeit ist noch alter Typus, in unserer Reihe eine Ausnahme. Er greift 
an der Analyse a 1 1 e s an und darf so hoffen, daß der ringsher andringende Schall seiner 
Kriegsdrommeten eine schwache Stelle der Mauer zum Einsturz bringen werde: Die Ge* 
Schichtskenntnis der Analytiker ist zu gering, sie sind zu ungründlich und unvorsichtig, 
um sich an das Thema der Religion wagen zu dürfen. Die Verwendung des am Neurotiker 
gewonnenen Materiales zu religionspsychologischen Zwecken ist unzulässig. Aber auch am 
Neurotiker sind die Freud sehen Methoden und die Ergebnisse der psychoanalytischen 
Forschung nicht zwingend, wie Saalfeld aus ablehnenden Stimmen verschiedenster Art 
feststellt. Die genetische Methode paßt überhaupt nicht zur Religionspsychologie. Die 
Analytiker wählen ihr religionspsychologisches Material falsch aus. Sie haben nicht die 
Möglichkeit der Anwendung der Psychoanalyse auf geschichtliches Material überhaupt 
nachgewiesen. Sie setzen sich nicht mit der übrigen religionspsychologischen Forschung 
auseinander. Saalfeld greift weiter an: den F r e u d sehen Sexualitätsbegriff; die Lehren von 
der infantilen Sexualität, vom Ödipuskomplex, vom Zusammenhang religiöser mit sexuellen 
Phänomenen; den Begriff des Unbewußten; die Symbolik; die Verdrängungslehre; die 
weltanschauliche Bedingtheit der Psychoanalyse. Mit Staunen erfährt man schließlich, daß 
der so vollkommen zerbrochene Krug überdies — entlehnt ist. Denn die wesentlichen 
Entdeckungen der Psychoanalyse sind nicht originell, sondern von großen Gestalten des 
Christentums vorweggenommen worden. Auch die pädagogischen Mittel der Kirche machen 
„unterbewußte Kräfte" mobil. Sie leisten also ein bedeutendes Stück „psychoanalytischer 
Arbeit". 

S c h e e r ist ein Philosoph, etwa M. S c h e 1 e r nahestehend. Die Psychoanalyse möchte 
er gelten lassen, wofern sie „unten" bleibt; sie ist eine gute Psychologie des Triebes, des 
Sexuellen, des Unbewußten im Menschen. Aber sie maßt sich an, das „Subjekt" zu er* 
klären, und Scheer weist sie in ihre Grenzen zurück. Was ist dieses „Subjekt"? Man 
möchte darunter gerne das erkenntnistheoretische Subjekt verstehen und dann hoffen, 



126 Besprechungen 



Scheer rasch beruhigen zu können. Aber wir werden eines Schlechteren belehrt. Denn 
wir bekommen ein „System des geistigen Subjekts" vorgesetzt, dem Wahrnehmung, Denken, 
Fühlen und Werten zugehören. Freiheit im Sinne der Unabhängigkeit vom Naturgesetz wird 
für den Bereich dieses Subjekts postuliert. Es sei eine Wirklichkeit, „die zwar erfahrbar, 
bezw. erlebbar, aber grundsätzlich nicht mehr erklärbar ist". Ein wenig enttäuschend ist 
dann allerdings zu hören, daß ein Motiv zu gleicher Zeit mit Elementen aus beiden 
Systemen, dem des Unbewußten und dem des geistigen Subjekts, durchsetzt sein kann; 
also teilweise erklärbar, teilweise unerklärbar. Wie diese zwei grundverschiedenen System* 
weiten miteinander arbeiten sollen, dürfen wir ebenso wenig zu erfahren hoffen, wie auch, 
auf welche Weise, bei ähnlich verwirrenden Ansätzen über das psychophysische Problem 
hinwegzukommen ist. 

Die Psychoanalyse bekommt die Vorwürfe zu hören, daß sie das aktive Ich leugne, daß 
sie als Motiv sämtlicher psychischer und geistiger Vorgänge ein sexuelles annehme, daß für 
sie „alles, was Menschen sagen, denken, schreiben und tun, in Wirklichkeit Symbol für 
etwas ganz anderes ist", daß sie den Gegensatz „triebhaft*werthaft" nicht als absolut an* 
erkennt oder daß sie den Begriff des Psychischen nicht eindeutig bestimmt hat. Wenn 
definiert wird, daß wir, um existentielle Wahrheit, „das Unbedingte, den absoluten Wert 
zu erreichen, einer neuen Einstellung zur Wirklichkeit, kurz gesagt, des Glaubens be* 
dürfen", so kann man durchaus damit einverstanden sein, daß „den Ergebnissen der 
psychoanalytischen Forschung der Wert existentieller Wahrheit nicht zuzubilligen ist". In 
bezug auf die Sublimierungstheorie, die Scheer, wie andere vor ihm, besonders lebhaft an* 
greift, darf man auf viele Erfolge dieser Theorie und auf die viel reichlicheren Forschungs* 
aufgaben, die sich von ihr aus eröffnen, verweisen. Sie ist kein Universalwerkzeug, mit 
dem sich jede beliebig dargebotene konkrete Aufgabe erledigen läßt. 

Die Arbeit Trogs besticht anfangs durch eine musterhaft knappe und reichhaltige Dar* 
Stellung der analytischen Religionstheorie. Sie wäre ohne Zögern in ein Lehrbuch aufzu* 
nehmen. Wenn sie sich dann kritisch distanziert — die Analyse als historizistisch, psycho* 
logistisch, relativistisch kennzeichnet, feststellt, sie sei den religiösen Erscheinungen gegen* 
über nicht über die Immanenzbetrachtung hinausgekommen, das Geltungs* und Wahrheits* 
problem sei aber davon ganz unabhängig, — so wird man das bei einer theologischen Ar* 
beit recht und billig finden. Es folgt aber die überraschende kritische Hauptthese, daß die 
Analyse in ihren Denkformen und Erkenntnisweisen in Wirklichkeit mythische und ma* 
gische Elemente verwende. Die Diskussion beginnt um den Ödipuskomplex: „Seine Gültig* 
keit und Bedeutung für bestimmt begrenzte Gebiete der Individualpsychologie", meint 
Trog, „läßt sich auf Grund der umfangreichen empirischen psychoanalytischen Unter* 
suchungen nicht bestreiten". Für die Kultur* und Religionstheorie verficht er aber den ent* 
gegengesetzten Standpunkt. Wenn er dabei, im Anschluß an einen Vorgänger, erklärt, daß 
Freud vor allem schon die Ödipussage falsch erklärt und u. a. nicht nachgewiesen habe, 
der von ihm angenommene Sinn der Sage sei dem Sophokles überhaupt bekannt gewesen, 
so ist der Leser eine Zeitlang von der Möglichkeit so krassen Unverständnisses von Ge* 
danken, die man so ausgezeichnet darstellen kann, derart betroffen, daß er in Gefahr ist, 
der weiteren Argumentation nicht mehr mit Ernst zu folgen. Er täte aber damit Unrecht. 
Neben solchen grotesken Einfällen stehen im weiteren Verlauf diskutable Dinge, Irrtum* 
liches und Berechtigtes. 

Der Analyse wird also mythisches und magisches Denken, vor allem Mißbrauch der 
Analogie vorgeworfen. Sie mache aus äußerer Analogie sogleich Wesensgleichheit. 
Daß hier eine Möglichkeit auszugleiten vorliegt, wird niemand bestreiten, auch nicht 



Besprechungen 127 



daß gelegentlich ausgeglitten wurde. Die analytische Kulturtheorie muß von Analogien 
mit der individuell«psychologischen Gebrauch machen. Selbstverständlich ist sie „rein hypo« 
thetisch", aber man möchte gerne wissen, ob Trog sich unter einer Kulturtheorie über« 
haupt etwas anderes als Hypothetisches vorstellen kann; weiter, ob er meint, daß* das am 
Individuum Nachgewiesene keine Rolle in der Kulturentwicklung gespielt hat und spielt, 
oder wenn doch, welche. 

Daß mit wenigen Begriffen eine unendliche Vielfalt von Erscheinungen erklärt wird, 
wie Trog es rügt, ist wieder allen erklärenden Wissenschaften gemeinsam und ihr Fort« 
schritt besteht zum Teil im Gelingen solcher Reduktionen. Gewiß gibt es noch unzählige 
komplizierte psychische Phänomene, deren Analyse noch nicht gelungen ist; aber Analoges 
gibt es in allen Wissenschaften. Darauf aufmerksam gemacht zu werden, ist uns als Mah« 
nung zur Bescheidenheit willkommen; abzulehnen ist es als Versuch, von der Forschung 
abzuhalten. Aber Trog, der die Analyse, soweit sie an individuellem Material gewonnen 
ist, akzeptiert, will nun einmal die Geisteswissenschaften von ihr frei wissen. Er, der 
Theologe, steigert sich am Schluß der Abhandlung zur verdammend gemeinten Formel: 
die analytische Religionstheorie sei leine „verkappte Theologie". 

P. Bergmann (Wien) 
SZIRMAY«PULSZKY, H. von: Genie und Irrsinn im ungarischen Geistesleben. München. 

E. Reinhardt, 1935, 212 Seiten. 

Die Verfasserin des Buches stellte sich eine Aufgabe, deren Bewältigung sicher fleißige 
Arbeit vieler Jahre beansprucht hat: das gesamte Geistesleben Ungarns seit den Anfängen 
seiner Selbständigkeit bis auf den heutigen Tag von jener Fragestellung aus systematisch 
zu überblicken, die mit der Nebeneinanderreihung der Begriffe Genie und Irrsinn ein« 
setzt. Das Buch bietet somit einerseits eine verläßliche Sammlung biographischer Daten der 
hervorragenden Persönlichkeiten Ungarns, andererseits Verarbeitung, Sichtung und Be« 
urteilung der vorgefundenen und herausgezogenen biographischen Einzelheiten. Frau 
v. Sz.«P. betritt eingestandenermaßen weder in der einen noch in der anderen Aufgabe 
selbständige Wege. Die Biographien werden vorgefunden, in der Verarbeitung bedient sie 
sich des Rüstzeugs der einschlägigen modernen Forscher, namentlich der Anschauungen 
Kretschmers und Lange«Eichbaums; sie nimmt auch Bezug auf Freud. Selb« 
ständig ist Verf. hingegen, abgesehen von Bearbeitern kleinerer Gebiete, in der ständigen 
Anwendung dieser drei Richtungen auf das spezielle und umfassende Thema. Sie findet 
Kretschmers Typen«Charakteristik und Lange«Eichbaums Ruhm«Theorie, die 
soziologische Faktoren mitberücksichtigt, immer wieder bekräftigt. 

Durch das Leben des genialen Mathematikers Johann B o 1 y a i werde z. B. nahegelegt, 
daß zwischen Hochtalent und Anlage zur schweren Psychopathie eine objektiv nachweis« 
bare Häufigkeitsbeziehung besteht, da es an sich auffallend genug sein müsse, daß das 
kleine und kulturell spät zur Entfaltung gelangte Ungarn aus älterer Zeit nur einen einzigen 
epochemachenden Forscher aufzuweisen hat, und dieser sich als schizophrener Geistes« 
kranker entpuppt. Der „führende Staatsmann" der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der 
zyklisch veranlagte Stefan Szechenyi, erkrankte ebenfalls an einer Psychose. Eine 
zweite Art des Zusammenhanges von Psychopathie und Genie, die soziologische Verkettung 
von psychopathischer Persönlichkeit, Anbetung von Seiten einer kleinen Gemeinde talent« 
voller Apostel, Umformungsversuche der Nachwelt bis zur Auskristallisierung des allge« 
meinen Ruhmes, wird an dem „Fall P e 1 6 f i", dessen Heldentod im Freiheitskampfe 
der Nation — in Wirklichkeit Tod während einer Flucht — ihn zur mythischen Figur 
emporhob, sowie unter anderen auch an der Geniewerdung des modernen zyklothymen 
Dichters Ady dargestellt. 



128 



Besprechungen 



Wenn auch das gesammelte Material für die Richtigkeit dieser Gesetzmäßigkeiten spricht, 
so wäre doch zu bemerken, daß Auswahl und Wertung des Genialen nicht ohne unaus* 
gesprochene Voraussetzungen geschah. Ob wirklich Szechenyi der führende Staatsmann 
seiner Zeit war und nicht eher Kossuth, dessen Psychopathie nicht nachzuweisen ist, 
als solcher zu gelten hätte, kann ruhig gefragt werden. Die Art der Pathographie, wie man 
sie in diesem Buche vorfindet, bedeutet einen entschiedenen Fortschritt gegenüber der in 
der Bearbeitung desselben Gegenstandes üblichen, doch kann die etwas schematisierende Art 
der Erklärungen nicht vollständig befriedigen. Die Diagnosestellung z. B. einer Paralyse 
oder die Einreihung in Körpertypen kann ebenso wenig über die innere Verflochtenheit 
der individuellen Seele aussagen, wie die ev. richtige Behauptung der Anwesenheit eines 
stärkeren Ödipuskonfliktes. Die Termini „Ödipuskomplex", „Hang zum Sadismus" findet 
man öfters erwähnt, ebenso die Abwandlung des Vaterhasses in den Haß gegen die Herr* 
sehenden; ein näheres Eingehen in die Persönlichkeit mit Hilfe der psychoanalytischen 
Anschauungsweise vermeidet aber die Verf., oder sie weist es, wenn es von anderen vew 
sucht wird, wie bei J. Bolyai, als unbegründet zurück. Szilägyis aufschlußreiche 
Pathographie über den Dichter V a j d a bleibt überhaupt unerwähnt. Aus Gründen der 
Billigkeit soll aber nicht verschwiegen werden, daß sogar das w e n i g e Psychoanalytische, 
welches Frau v. Sz.*P. in ihre Erklärungen eindringen ließ, von mehreren Seiten Anfech* 
tungen und Abweisungen erfuhr, so vom Psychiater K. S c h a f f e r, der in der aus den 
Aufzeichnungen nachweisbaren negativen Ödipus*Einstellung des jungen Bolyai nichts 
anderes sehen kann als das Nebeneinanderbestehen von entgegengesetzten Gefühlen eines 
schizophrenen Jugendlichen. I. Hermann (Budapest) 



: 





• 










THE 




THE 






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INTERNATIONAL 






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PSYCHO-ANALYSIS 






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published four times a year. 

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Dorian Feigenbaum, Bertram D.Lewin 
and Gregory Zilboorg. Associate Edi- 
tors: Drs. Henry Alden Bunker, Jr., 
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Kubie. 

CONTENTS FOR OCTOBER 1936: 
InMemoriam:FrankwoodE. Williams.— Richard 
M. B rickner and Lawrence S. Kubie: A Minia- 
ture Psycholic Storni Produced by a Superego 




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This Journal is issued quarterly. 
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Franz Alexander: Addenda to »The Medieal 
Value of Psychoanalysis«. — Editha Sterba: An 




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IMAGO, Band XXIII (1937), Heft 1 



(Ausgegeben Ende März 1937) 

Seite 
Sigm. Freud: Moses ein Ägypter , 

Theodor Reik: Das Kind im Manne 14 

Gustav Hans Graber: Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 24 

Hans Christoffel: Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung (im 

Anschluß an G. H. Graber) 49 

Angel Garma: Psychologie des Selbstmordes 6^ 

Sylvia M. Payne: Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie . . 96 

CM. Versteeg-Solleveld: Das Märchen vom Marienkind n g 

BESPRECHUNGEN 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Die Psychoanalyse in deutschen Dissertationen: Saalfeld: Das 
Christentum in der Beleuchtung der Psychoanalyse; Scheer: Die Grenzen des psychoanalytischen 
Geltungsbereiches unter besonderer Berücksichtigung der Freudschen Lehre; Trog: Die Religionstheorie 
der Psychoanalyse (Bergmann) 125. — Szirmay-Pulszky : Genie und Irrsinn im ungarischen Geistes- 
leben (Hermann) 127. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

DR. HANS CHRISTOFFEL, Albanvorstadt 21, Basel. 

PROF. DR. SIGM. FREUD, Zuschriften an die Redaktion. 

DR. ANGEL GARMA, dzt. 103 Rue Francais de Sourdis, Bordeaux. 

DR. GUSTAV HANS GRABER, Stälinweg 29, Stuttgart 13. 

DR. SILVIA M. PAYNE, 143 Harley Street, London, W. 1. 

DR. THEODOR REIK, 49 Joan van Hornstraat, Den Haag. 

Frau C. M. VERSTEEG-SOLLEVELD, 3 Javastraat, Den Haag. 



Wir bitten zu richten: 

Redaktionelle Zuschriften an die Redaktion der „Imago", Internationaler Psycho* 
analytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7 

Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Wien IX, Berggasse 7 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H Wien IX Berjreasse 7 
Herausgeber: Prof. Dr.Sigm. Freud, Wien. -Verantwortlichfür die Redaktion: Dr. RobertWälder.Wienll Obere Dunaustraße 35 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



IMAGQ, Band XXIII (1957), Heft 1 

(Ausgegeben Ende März 1957) 

Seite 

Sigm. Freud: Moses ein Ägypter 5 

Theodor Reik: Das Kind im Manne 14 

Gustav Hans Graber: Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 24 

Hans Christoffel: Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung (im 

Anschluß an G. H. Graber) 49 

Angel Garma: Psychologie des Selbstmordes 63 

Sylvia M. Payne: Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der Psychotherapie . . 96 

C. M. Versteeg-Solleveld: Das Märchen vom Marienkind 116 

BESPRECHUNGEN 

Jus der Literatur der Grenzgebiete: Die Psychoanalyse in deutschen Dissertationen: Saalfeld: Das 
Christentum in der Beleuchtung der Psychoanalyse; Scheer: Die Grenzen des psychoanalytischen 
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der Psychoanalyse (Bergmann) 125. — Szirmay-Pulszky : Genie und Irrsinn im ungarischen Geistes- 
leben (Hermann) 127. 



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DR. HANS CHRIS TOFFEL, Albanvorstadt 21, Basel. 

PROF. DR. SIGM. FREUD, Zuschriften an die Redaktion. 

DR. ANGEL GARMA, dzt. 103 Rue Francis de Sourdis, Bordeaux. 

DR. GUSTAV HANS GRABER, Stälinweg- 29, Stuttgart 13. 

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XXIII. Band 




Heft 1 



IMAGO 

1 

iieitsairilt lür psychoanalytische Xsycholoeie 
ihre Grrenzge biete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



H 



erausgegeben von 



oigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 



Sigm. Freud Moses ein Ägypter 

Theodor Reik Das Kind im Manne 

Gustav Hans Graber . . Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 

Hans Christoffel Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der 

Identifizierung (im Anschluß an G. H. Graber) 

Angel Garma Psychologie des Selbstmordes 

Sylvia M. Payne Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der 

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